Abgewürgt Mit dem Polo ist Polen tabu
Bevor mir der Mann hinter dem napalmfarbenen Mietwagen-Counter am Wiener Flughafen die Schlüssel aushändigt, schaut er mir tief in die Augen. "Sie blääbn schon in Österräääich, jo?", fragt er. Ich bejahe. Dabei könnte ich von Wien aus gut einen Abstecher in die schönen Nachbarländer machen - Tschechien, Ungarn oder die Slowakei sind nur einen Katzensprung entfernt. Aber dann müsste ich wohl mit der Bahn fahren. Denn mit einem hochwertigen Mietfahrzeug darf man nicht überall hin, genauer gesagt: von Österreich aus nur nach Deutschland, Italien oder in die Schweiz. Alle anderen angrenzenden Länder sind nämlich gemäß der Leihlogik von Sixt, Europcar und Avis übel beleumdete Gegenden, zu meidende Landstriche, in denen Autos deutscher Provenienz schneller verschwinden als EU-Subventionen.
Angst vor dem Osten
In der Welt der Autoverleiher gibt es nicht eine EU, sondern zwei: Die erste besteht aus diebstahlsicheren Nationen wie Frankreich, Deutschland und Belgien. Die zweite aus diebischen Elstern. Europcar hat auf seiner Seite sogar eine Europa-Karte. Auf der sind die zwölf vertrauenswürdigen EU-Länder dunkelgrün verzeichnet. Die restlichen 15 Mitgliedstaaten sind hellgrün und gelten der Firma als unsichere Kantonisten.
Konkret bedeutet das: Mit einem Fiat Punto von Europcar darf man von Frankfurt an der Oder ins benachbarte Slubice fahren. Mit einer Mercedes S-Klasse darf man es nicht. Es sind aber nicht nur die ganz teuren Schlitten, die nicht über die Grenze dürfen. Sondern eigentlich alles, was nach Premiummarke aussieht. Bei Sixt etwa dürfen Fahrzeuge von BMW, Audi, Porsche und Mercedes ebenso wenig nach Polen wie Modelle von Volkswagen.
Man darf mit dem Polo nicht nach Polen? Es wird noch bizarrer. Während Sixt Italien für ein lauteres Land hält, steht das EU-Gründungsmitglied bei Europcar auf der schwarzen Liste - ebenso wie Großbritannien und Irland. Ja, ja, die irischen Langfinger. Was machen die wohl mit unseren geklauten BMWs und Porsches? Schieben sie die Wagen des nachts, gälische Schmähungen ausstoßend, über die Klippen von Moher?
Die Statistik ist unerbittlich
Die Autovermieter betonen, dass ihre Länderlisten rein gar nichts mit Ressentiments à la "kaum gestohlen, schon in Polen" zu tun haben - und man ist geneigt, ihnen das auch zu glauben. Avis und Konsorten wollen schließlich Geld verdienen. Und so es ist ihnen vermutlich egal, wohin ihre Mietwägelchen rollen - solange sie heil zurückkommen.
Europcar zufolge basieren die No-Go-Listen auf einer umfänglichen Auswertung von Diebstahlstatistiken des Zolls sowie weiterer Quellen. Demnach kommen in Tschechien oder Ungarn schlichtweg mehr Fünfer-BMWs abhanden als etwa in Spanien.
"Das sind einfach Erfahrungswerte", sagt eine Europcar-Sprecherin. Die Crux sei folgende: Wenn einem Autovermieter zu viele Pkw flöten gingen, erhöhe die Versicherung die Prämien für die gesamte Flotte. Deshalb müsse der rigorose Ausschluss ganzer Länder sein. Reine Betriebswirtschaft also. Sixt argumentiert ähnlich.
Dennoch frage ich mich, wieso ich in einer EU mit offenen Grenzen nicht mit meinem Mietwagen durch die Gegend fahren darf, wie es mir gefällt. Risikoeinstufungen hin, Erfahrungswerte her: Eine Fahrt nach Weißrussland lasse ich mir meinetwegen verbieten. Aber dass ich nicht in andere Schengen-Staaten zuckeln darf, klingt ein wenig absurd. Es widerspricht vielleicht nicht dem Gesetz - wohl aber dem europäischen Gedanken.
Wenn das die Polen wüssten
Den Mietwagenfirmen ist das Thema sichtlich unangenehm. Kein Wunder: Ob Sixt und Avis ihren geschätzten Kunden in Polen oder Ungarn schon einmal erzählt haben, dass man mit einem Audi A4 von Deutschland aus nicht zu ihnen fahren darf? Vermutlich nicht. Auf der Web-Seite von Sixt in Polen (die allerdings von Franchise-Partnern der Münchner betrieben wird) kann man denn auch problemlos eine E-Klasse ordern. Ob man damit nach Deutschland fahren darf? Und auch wieder zurück? Vermutlich schon.
So mied ich denn die schauervolle Slowakei und fuhr mit meinem Mietwagen ausschließlich durch Wiens verlässliche Bezirke. Nach genauem Studium des Kleingedruckten in meinem österreichischen Sixt-Mietvertrag stellte ich später übrigens fest, dass ich mit meinem Peugeot 407 doch ins wilde Tschechistan hätte fahren dürfen. Die französische Mittelklasselimousine ist nämlich nach der Definition von Sixt nichts, was Autodiebe klauen würden.