Auto-Design: Schwierige Wurzelbehandlung
Auto-Design An dieser Stelle wirds kompliziert
Bei fast jedem modernen Auto ist sie der gestalterische Schandfleck: Die A-Säulen-Wurzel. Jener Bereich der Karosserie, an dem Motorhaube, vorderer Kotflügel, vordere Tür, Windschutzscheibe, vordere Seitenscheibe und eben die A-Säule zusammentreffen. Also da, wo auch meistens die Außenspiegel angebracht sind. Früher eine klare Sache, wird das Blech dort heute kreuz und quer geteilt, schlimmstenfalls wirken die vielen Fugen so, als ob das Auto an dieser Stelle auseinandersplittert.
"Diese Stelle ist eine Problemzone", sagt Lutz Fügener, Professor für Transportation Design an der Hochschule Pforzheim. Aber was genau ist der Grund dafür, dass selbst die eleganteste Frontpartie meistens an der A-Säulen-Wurzel so hässlich ist?
Thomas Vietor kann bei der Beantwortung dieser Frage weiterhelfen, obwohl er kein Designer ist: "Hier laufen Längsträger, Querträger sowie die A-Säule und deren Fortsetzung nach unten zusammen - für die Steifigkeit der Karosserie und für das Crashverhalten des Fahrzeugs ist dieser Knoten essenziell", sagt der Leiter des Instituts für Konstruktionstechnik an der TU Braunschweig.
Gerade weil bei einer Kollision sehr hohe Kräfte um- und weitergeleitet werden müssen, ist es laut Vietor anspruchsvoll, solche Mehrfach-Verbindungen zu konstruieren. "Letztlich sichert das den Überlebensraum für die Insassen des Fahrzeugs."
Beim "Dachfall" darf kein Auto durchfallen
Die eigentliche Konstruktion der A-Säulen-Wurzel sieht man von außen nicht - was dagegen ins Auge sticht, ist der Versuch der Designer, dieses klobige Bauteil möglichst ansehnlich zu verkleiden. Und genau das gelingt nur selten. Das oft unbeholfene Design dieser Ecke ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich Sicherheit und Eleganz beim Auto leider nicht immer vereinen lassen. Die hässliche Wurzel ist sozusagen der Preis dafür, dass man aus modernen Pkw nach einem Überschlag nahezu unversehrt aussteigen kann.
Mit dieser Tatsache müssen sich vor allem all jene abfinden, die dem Design älterer Automodelle hinterhertrauern. "Vor dreißig oder vierzig Jahren zog sich die Kammlinie des vorderen Kotflügels mehr oder weniger horizontal bis zum Heck durch", sagt Design-Professor Fügener. "Auf diesen Karosseriekörper wurden dann die Dächer aufgesetzt. Das sah leicht und elegant aus, brach jedoch bei einem Überschlag unter der Last des Fahrzeugs zusammen." Mittlerweile werde ein Auto aber völlig anders konstruiert, sagt Fügener: "Die A-Säule braucht Volumen."
Beim Hersteller Mercedes beispielsweise müssen neue Autos einen sogenannten "Dachfall" überstehen: Dabei wird ein Auto umgedreht und aus einem halben Meter Höhe aufs Dach fallen gelassen. "Dabei darf sich die Passagierzelle nur leicht verformen. Würde sie zu stark nachgeben, wäre unter anderem der A-Säulen-Knoten daran schuld", sagt Mercedes-Mitarbeiter Michael Fehring. Dessen vollständiger Titel "Senior Manager für Konzepte/Innovationen Integrale Sicherheit, Kindersicherheit und Low Speed Crash" lautet. Ein Fachmann unter anderem für A-Säulen-Wurzel also.
Die Rohbau-Karosserie der aktuellen Mercedes-E-Klasse. An der A-Säulen-Wurzel treffen mehrere zentrale Träger der aus unterschiedlichen Materialien zusammen.
Foto: DaimlerDie A-Säule selbst besteht aus Blechschalen unterschiedlicher Stahlsorten, die miteinander verschweißt oder verklebt sind. Unterschiedlich sind die verwendeten Stähle deshalb, um exakt die richtige Mischung aus Steifigkeit und zugleich Nachgiebigkeit hinzukriegen, die erforderlich ist, damit der Pfosten bei Bedarf wankt und sich leicht verformt, aber eben auf keinen Fall bricht. Knapp unterhalb der Wurzel befindet sich außerdem das Türscharnier, das ebenfalls geschützt sein muss, damit sich die Tür auch nach einem schweren Unfall noch öffnen lässt.
Es gibt eine Ausnahme, aber die hat einen Haken
Opel GT Concept
Foto: OpelMan kann sich also vorstellen, dass an diesem Punkt des Autos Kompromisse nötig sind. Diese müssen vor allem die Designer eingehen. "Richtig kompliziert wird es", sagt Fügener, "wenn man bedenkt, dass die A-Säule selbst auch noch so gestaltet werden muss, dass sie den Blick des Fahrers nach draußen um höchstens sieben Grad verdeckt."
Zieht man die unterschiedlichen Blickwinkel des Fahrers nach links und rechts in Betracht, würden bei der Ideallösung die beiden A-Säulen unterschiedlich aussehen. Allerdings wäre der Wagen dann wohl unverkäuflich.
So lange sich die Form des Autos also nicht grundsätzlich ändert, bleibt die Gestaltung dieser Zone ein Problemfall. "Auch sehr teure Modelle", sagt Fügener, "erlauben sich an dieser Stelle sehr einfache Lösungen." Als Beispiel für eine optisch gelungene A-Säulen-Wurzel fällt Fügener die Studie Opel GT Concept ein.
"Aber bei einem Showcar ist so etwas natürlich leichter", räumt er ein. Dass die schlanke Konstruktion einen Überschlag wegsteckt, darauf möchte man erstmal nicht wetten.
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