Auto-Studien Schöner Schein
Bei allen Autoherstellern wächst die Bedeutung und die Verantwortung der Designabteilung. Dabei geht es längst nicht nur um die beste Form einer Motorhaube oder den richtigen Schwung bei einem Rücklicht, sondern neben der Kreativarbeit für die tatsächlich in der Entwicklung befindlichen Modelle produzieren die Designer stetig auch Visionen, wie bei der jeweiligen Marke die Autos von morgen oder übermorgen aussehen könnten. Manchmal erfährt niemand außerhalb des Designbereichs von diesen Ideen, oft aber gerinnen gerade die kühnsten und spektakulärsten Ausblicke in die Zukunft zu Automodellen, die auf Messen im Rampenlicht stehen.
Im Wesentlichen gibt es drei Gründe, eine Studie zu enthüllen. Klassischerweise wird mit solchen futuristischen Fahrzeugen Marktforschung betrieben - und zwar ganz schlicht: Kommt ein Konzeptauto beim Publikum an oder nicht? Drängen sich die Messebesucher um den Prototypen oder beachten sie ihn kaum? Dann wieder werden Showcars gezeigt, von denen längst klar ist, dass sie als Serienautos auf die Straße kommen werden. Die potentielle Kundschaft soll schon ein bisschen vorbereitet werden. BMW tat dies beispielsweise im vergangenen Herbst bei der IAA in Frankfurt mit dem Z4 Coupé, das dort offiziell noch als "Concept" galt, aber kaum ein halbes Jahr später schon bei den Händlern stand.
Schöner Schein, der schnell wieder verblasst
Weil der Wettbewerb auf dem Automarkt heftiger wird und damit das Ringen um die Aufmerksamkeit der Autokäufer an Bedeutung gewinnt, werden zunehmend Studien nur aus diesem Grund ins Scheinwerferlicht der Autoshows gestellt: um Präsenz zu zeigen, Neugier zu wecken, die eigene Marke hervorzuheben. Meist haben Fahrzeuge dieser Art keinerlei Relevanz, was die Modellpolitik oder die künftige Formensprache eines Herstellers betrifft. So verhielt es sich etwa mit der Renault-Studie Nepta, die kürzlich in Paris vorgestellt wurde, und ebenso mit dem Modell Concept A von VW, das im Frühjahr enthüllt worden war.
Mit dem Concept A machten die Wolfsburger lediglich klar, dass es ein SUV-Fahrzeug auf Basis des VW Golf geben werde - aber das galt auch zuvor schon als offenes Geheimnis. Wichtigste Aufgabe des Concept A war es jedoch, die Aufmerksamkeit auf VW zu lenken, während andere Hersteller mit ähnlichen Modellen längst in den Startlöchern standen. Der "Gelände-Golf" namens Tiguan wird nämlich erst in rund einem Jahr auf die Straße kommen. Und dann natürlich ganz anders aussehen als die sehr ansehnliche und sportliche Studie Concept A.
Showstücke, um anderen die Show zu stehlen
Ein derart sportliches Auto, dessen Gepäckraum derart begrenzt sei, könne der VW-Kundschaft nicht zugemutet werden, sagt ein VW-Sprecher. Dennoch stellen die Wolfsburger den Concept-A-Prototypen gerne als Imagebeschleuniger aus - in wenigen Tagen wird er den VW-Stand bei der Autoshow in Peking zieren; und irgendwann später einen Ehrenplatz unter den "Unvollendeten" im VW-Museum erhalten. Ein reines Marketing-Ausrufezeichen, das nichts mit einem kommenden Serienmodell zu tun haben wird, war auch die spektakuläre Saab-Studie Aero X, die im März zu den Stars des Autosalons in Genf zählte und die Gerüchte um die darbende General-Motors-Marke Saab vorerst zum Verstummen brachte.
Manche Designer sind aber gar nicht traurig, dass ihre tollsten Objekte nicht zu Hunderttausenden auf die Straße kommen, sondern nur ein kurzes, dafür aber umso glamouröseres Autoleben als Studie führen. "Bei einem Konzept-Car muss man sich nicht um Produktionszwänge, Plattformen oder Materialtests kümmern, sondern kann einfach experimentieren", sagt Anne Rosén, die bei Volvo die Frauenauto-Studie YCC mitverantwortete. "Für Designer ist das natürlich dankbar, weil man über die sonst üblichen Grenzen hinausgehen kann. Und außerdem geht es bei einer Studie vom ersten Strich bis zum fertigen Auto rasend schnell im Vergleich zur Entwicklung eines Serienmodells."
Designer-Fingerübungen mit interner Relevanz
Aber auch wenn viele Studien - wie zuletzt etwa die Modelle Nissan Pivo, Chrysler Akino, Renault Altica, BMW Mille Miglia Coupé oder Toyota Fine-X - nie in dieser Form auf die Straße kommen werden, in gewisser Weise stilbildend können sie durchaus wirken. Denn natürlich nehmen manche Konzept-Cars spätere Serientrends vorweg, wie es etwa die Retrowelle vor rund zehn Jahren es gezeigt hat oder wie es jetzt das boomende Segment der Geländewagen jedweder Couleur zeigt.
Jüngst fiel vor allem auch Citroën durch eine rege Studienproduktion auf. C-Airplay oder C-Buggy oder C-Airlounge hießen die Modelle, die nie komplett als Serienauto gedacht waren, von denen jedoch manche Details durchaus in aktuellen Citroën-Fahrzeugen auftauchen. "Solche Studien haben, außer der ästhetischen für die Designer, auch eine wichtige interne Funktion", sagt Citroën-Sprecher Thomas Albrecht. "An ihnen werden beispielhaft neue Lösungen und Prozesse ausprobiert, die später in der industriellen Produktion mehrere hundert Mal am Tag funktionieren müssen." Studieren ist also mitunter sogar identisch mit Probieren.