Saab-Krise: Schwarze Wolken über Trollhättan
Autobauer in Not Warum Saab keine Chance hat
"Bis auf weiteres", so melden die Agenturen, habe Saab die Produktion im schwedischen Trollhättan eingestellt. Der Grund für den überraschenden Produktionsstopp im Stammwerk des Autobauers sei das Ausbleiben von Bauteilen von Zuliefererfirmen, die damit auf unbezahlte Rechnungen reagieren. Saab fehlt also das Geld, um Lieferanten zu bezahlen. Saab-Vorstandschef Jan-Ake Jonsson hatte kürzlich gesagt, er sehe "in Kürze eine Verbesserung der Lage". Branchenkenner halten das jedoch für ein leeres Versprechen. Die Lage ist wirklich düster, und die Zweifel mehren sich, dass Saab überhaupt noch zu retten ist.
"Ich sehe keine Perspektive für Saab und mir fehlen die Argumente, die eine große Überlebenschance für die Firma begründen würden", sagt zum Beispiel Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach. "Aus meiner Sicht hat Saab in der aktuellen Konstellation keine Chance, die nächsten Jahre zu überstehen", sagt der Wirtschaftsprofessor. Die Motive, warum der holländische Sportwagenhersteller Spyker den angeschlagenen Autohersteller vor gut einem Jahr übernommen habe, seien im "von vornherein schleierhaft" gewesen.
Plausibel wäre es eventuell gewesen, Saab kurzfristig aufzuhübschen und dann mit Gewinn weiterzuverkaufen - etwa an eine chinesischen Firma, die Zugang zu moderner Technik und zum europäischen und nordamerikanischen Markt sucht, ergänzt der Experte. "Doch natürlich schauen auch die Chinesen sehr genau hin, ehe sie ein Unternehmen kaufen", sagt Bratzel, "und vom einstigen Glanz der Marke ist nicht mehr viel übrig."
Viel schlimmer als die akute Finanznot ist dabei die Tatsache, dass Saab auf der technischen Seite nahezu blank dasteht. Zwar lancierten die Schweden erst im vergangenen Sommer die neue Generation der Mittelklasse-Baureihe 9-5 und Anfang März auf dem Genfer Autosalon debütierte die dazugehörige Kombi-Version, doch diese Modelle basieren noch auf Technik von General Motors. Der US-Konzern war zwischen 2000 und 2010 Besitzer der Marke Saab und hält auch jetzt noch Vorzugsaktien des Unternehmens Saab Spyker Automobile für rund 300 Millionen Dollar.
Woher die angekündigten neuen Produkte kommen sollen, ist unklar
Im Saab 9-4X, der ab Herbst dieses Jahres als erstes SUV-Modell der Marke das Angebot auffüllen soll, steckt ebenfalls GM-Technik, nämlich jene des Cadillac SRX. Gebaut werden soll das Auto in einem Werk des US-Konzerns in Mexiko.
Alle diese Modelle wurden noch auf Kiel gelegt, als die GM-Bosse in Detroit noch das Sagen hatten. Jetzt unter der Ägide von Spyker, wäre es dringend nötig, sich so schnell wie möglich mit eigenen Modellen von der ehemaligen Konzernmutter zu emanzipieren, die Schrulligkeiten, die die Marke Saab ausmachen, weiterzuentwickeln und zu kultivieren. Das aber wäre schon mit einem üppigen Entwicklungsbudget alles andere als eine leichte Übung.
Ein erster Ansatz in dieser Richtung hatte das Mittelklasse-Modell Saab 9-3 sein sollen, dessen Premiere für den Herbst 2012 vorgesehen war. Das Auto soll auf einer neuen, eigenständig entwickelten Bodengruppe vorfahren und Motoren und andere Komponenten von BMW erhalten. So jedenfalls ist der bisherige Plan.
Ob der noch umgesetzt werden kann, scheint jedoch angesichts der jüngsten Zahlungsschwierigkeiten mehr als fraglich. Die Prognosen, die der neue Saab-Besitzer und Spyker-Gründer Victor Muller noch im Dezember vergangenen Jahres verbreitete, klangen zwar verheißungsvoll, doch bräuchte es dafür einen langen Atem. Für New Saab kalkulierte Muller ab 2013 mit einen Jahresabsatz von 125.000 Fahrzeugen, zusätzlich sollte ein gänzlich neuer Kompaktwagen mit Namen Saab 9-2 frische Kundenkreise erschließen. Wie die Entwicklung eines komplett neuen Autos finanziert werden soll, ist unklar.
Ebenso unklar ist aber auch, wo das Entwicklungs-Know-how für solch ein Auto herkommen soll. Jahrzehntelang haben sich die Saab-Leute darauf konzentriert, die von GM gelieferte Basis mit Saab-typischen Details aufzuhübschen. Ein Auto von Grund auf neu zu entwickeln, geht weit über solche Detailarbeit hinaus.
Kaum eine Chance hätte auch der Versuch, durch den bloßen Austausch von Markenlogos, sogenanntes Badge-Engineering, die Saab-Palette zu erweitern. Er würde das ohnehin schon ramponierte Markenimage noch mehr beschädigen.
Saab bleibt wohl nicht mehr viel Zeit, um einen Geldgeber zu finden
Vor diesem Hintergrund erweist sich ein weiteres Erbe aus der GM-Zeit als geradezu fatal: Saab hat es versäumt, sich neue Kundenkreise in den Wachstumsmärkten zu erschließen. In den angestammten Märkten Europa und Nordamerika sind jedoch kaum noch zusätzliche Stückzahlen abzusetzen. Und der Aufbau eines Vertriebs in Ländern, in denen der Automarkt noch wächst - also etwa in China, Brasilien, Russland oder Indien - würde hohe Investitionen erfordern. Doch woher soll das Geld kommen?
Es bleibt die Hoffnung auf einen wirklich starken Partner, der Saab als Marke erhalten möchte. Viel Zeit für die Suche bleibt jedoch nicht mehr. In den ersten drei Monaten dieses Jahres wurden laut Statistik des Kraftfahrt-Bundesamts in Deutschland lediglich 253 Saab-Modelle neu zugelassen, darunter 92 vom neuen Saab 9-5 - viel zu wenig, um dauerhaft zu überleben.