Autofarben Hang zur Düsternis
Farbtöne für Pkw-Lackierungen: Heitere Töne sind eher etwas für Exoten.
Foto: Jürgen PanderFarbdesigner müssen eigentlich verzweifeln angesichts des Kaufverhaltens deutscher Neuwagenkunden. Im vergangenen Jahr, so eine Statistik des Kraftfahrt-Bundesamts in Flensburg, wurden 60 Prozent aller Neufahrzeuge hierzulande in den Farbtönen Schwarz, Grau oder Silber ausgeliefert. Möglicherweise ist es die als freudlos empfundene Realität, die Autofahrer zum Düsteren bewegt. Eventuell ist es aber auch Kalkül, denn es ist eine Grundregel des hiesigen Gebrauchtwagenmarkts, dass sich Autos in gedeckten Lackierungen besser losschlagen lassen als solche mit heiter gefärbten Karosserien.
Letztere übrigens verzeichneten im vergangenen Jahr trotz der nach wie vor erdrückenden Dominanz von Schwarz-Grau-Silber einen leichten Aufschwung. Rot und gelb wurden wieder beliebter, der Anteil weißer Autos wuchs ebenfalls. Der Grund dafür ist vermutlich die Abwrackprämie. Denn unter den rund 3,8 Millionen Neuzulassungen im vergangenen Jahr waren überdurchschnittlich viele Kleinwagen. Und die werden eher in einem fröhlich-quietschigen Farbton bestellt als jene dicken Schlitten, die üblicherweise als Geschäftsautos genutzt werden.
Blickt man auf die Präferenzen bei den einzelnen Marken, ergibt sich folgendes Bild: Weiß etwa ist am beliebtesten unter Seat-Kunden, dort erreichte dieser Farbton mit 18,6 Prozent den vergleichsweise höchsten Anteil. Gelb wiederum wird von Lancia-Käufern gerne geordert (14,1 Prozent), rot liegt in der Gunst der Alfa-Romeo-Erwerber vorn (27,3 Prozent). Die französische Marke Renault und ihre rumänische Tochter Dacia verkaufen überdurchschnittlich viele Autos in blau (24,7 Prozent), während Jaguar-Kunden mit hoher Wahrscheinlichkeit ein schwarzes Auto bestellen (53,4 Prozent). Und den höchsten Silber- und Grauanteil findet man bei Smart mit 55,4 Prozent.
Was es bedeutet, wenn jemand ein schwarzes Auto fährt
Kreuzt man diese Vorlieben mit den üblichen, freilich nicht ganz ernst zu nehmenden küchenpsychologischen Deutungen von Autofarben, ergeben sich interessante Übereinstimmungen. Schwarz und blau etwa gelten als Autofarben, die Durchsetzungsvermögen und Selbstbewusstsein ausstrahlen - aber auch einen Mangel an Phantasie dokumentieren; inwieweit sich jetzt Jaguar-, Dacia- oder Renault-Fahrer tatsächlich erkannt fühlen, müsste wohl die empirische Sozialforschung klären.
Bei Silber und Grau hingegen scheint der Fall klar: Fahrer von Autos in diesen Farben möchten um keinen Preis auffallen - und in welchem Modell kann man sich kleiner machen als in einem Smart? Ein rotes Auto wiederum soll darauf hindeuten, dass der Fahrer zur Selbstüberschätzung neigt, aber auch sehr kommunikativ ist - was beides ins Italo-Klischee und damit zu Alfa Romeo passt. Und weiß und gelb (in diesem Fall: Seat und Lancia) gelten als die Wahlfarben eher zurückhaltender, sensibler und im Straßenverkehr korrekter Menschen.
In Zukunft muss das Spektrum dieser Psycho-Grobeinteilung wohl deutlich überarbeitet werden. Denn kühle Autofarben werden künftig mehr und mehr wärmeren Tönen weichen, prophezeien Experten. "Brauntöne vom dunklen Honig bis zu Schokolade", seien im Kommen, heißt es beim Autolackhersteller BASF Coatings. Da sind natürlich auch wieder die Namenserfinder gefragt. Es gibt bereits einige hübsche Beispiele, wie die neue Erdverbundenheit sprachlich gefasst werden kann. Den BMW 1er gibt es in "Marrakeschbraun metallic", den Porsche Boxster im Braunton "Macadamia metallic" und den Mercedes AMG SLS in "Desert Gold".