Billigautos in Genf Ein Herz für Knauser
Das hat es bei Renault schon lange nicht mehr gegeben. "Mehr als ein halbes Jahr mussten die Kunden anfangs auf die Kombi-Version des Dacia Logan warten", sagt Manager Florian Hüttl. Zwar verkürzten sich die Lieferfristen auf rund acht Wochen. Doch noch immer ist der billige Dacia damit begehrter als jedes Modell des Renault-Konzerns.
Die Situation könnte sich künftig noch verschärfen. Denn neben dem hausbackenen Stufenheckmodell Logan und dem etwas pfiffigeren Kombi steht auf dem Dacia-Stand des Genfer Autosalons (6. bis 16. März) auch der Sandero, der laut Hüttl als erstes Billigmodell mit Blick auf Kunden in Westeuropa entwickelt wurde und im Sommer zu einem Kampfpreis von "deutlich unter 8000 Euro" an den Start gehen wird.
Statt eines klobigen Hecks à la Dacia gibt es beim Sandero - ähnlich wie bei VW Polo oder Opel Corsa - einen steilen Abschluss. Wo sonst bei Dacia das Diktat der Kante herrscht, dürfen es nun auch ein paar Rundungen sein, und selbst für ein einige Chromeinlagen hat das Budget gereicht. Der Kühlergrill vermittelt so zu einem Lächeln und die um die Ecken gezogenen Scheinwerfer sind groß wie beim aktuellen Renault Clio. Sogar das Markenlogo haben die Rumänen aufgewertet und prominenter ins Bild gerückt.
Ein ansehnliches Auto zum Kampfpreis
Die Frischzellenkur gilt nicht nur dem Außendesign. Auch innen macht Dacia Schluss mit kosovograuem Kunststoff, billigen Sitzbezügen und scharfkantigen Armaturenträgern. Natürlich sind VW Polo, Opel Corsa oder gar der neue Ford Fiesta feiner verarbeitet. Doch mit Importwagen aus Korea kann es der Sandero dank neuer Stoffbezüge und metallisch schimmernden Zierleisten allemal aufnehmen.
Selbst das auf Basis der vorangegangenen Clio-Generation weiterhin gebaute Modell "Campus" könnte da in Bedrängnis kommen, wenn ein Kunde die rund 2000 Euro Preisvorteil des Dacia Sandero ins Kalkül zieht. Die Ausstattung des rumänischen Kompaktwagens geht einigermaßen in Ordnung: Ein ESP gibt es zwar nicht, aber wer es möchte, erhält außer ABS und Bremsassistenten immerhin vier Airbags und auch Extras wie eine Klimaanlage.
Sonderlich einschränken muss man sich auch sonst nicht im Sandero, den es mit zwei Benzinmotoren und zwei Diesel-Aggregaten von 70 bis 90 PS gibt. Bei einer Länge von 4,02 Metern, einem Radstand von 2,59 Metern und eher dünnen, aber dafür aufrechten Sitzmöbeln bleibt selbst im Fond genügend Platz, damit zwei Erwachsene auf der Rückbank sitzen können. Außerdem fasst der Kofferraum respektable 320 Liter und kann durch Umklappen der geteilten Rücksitzlehne auf 1200 Liter erweitert werden.
Auch Build Your Dreams hofft aufs Billigsegment
Auf dem Genfer Salon ist Dacia allerdings nicht der einzige Preisbrecher. Nur ein paar Meter entfernt stehen im Palexpo auch die ersten chinesischen Marken. Während Brillance schon Messeerfahrung in Europa gesammelt hat, erfüllt die Marke Build Your Dreams (BYD) alle gängigen Chinesen-Klischees: Bei der Pressekonferenz leierte ein Ansager zunächst die Namen und Funktionsbezeichnungen aller versammelten BYD-Manager herunter, die sich dann einzeln vor dem Publikum verbeugten.
Auch das eine oder andere Fahrzeug kommt einem bekannt vor. Immerhin hat das Unternehmen die frechsten Kopien europäischer Fahrzeuge in der Heimat zurückgelassen und als einzigen Klon den Kleinwagen F1 im Stil des Toyota Yaris mitgebracht.
Wann und wie es mit BYD in Europa losgehen soll, wird nicht ganz klar. "Zwei bis drei Jahre wird es wohl noch dauern, bis wir die ersten Fahrzeuge hier haben", sagt Export-Manager Alex Zhu, der dann aber gleich ein Hybrid-Fahrzeug im Format des Skoda Octavia anvisiert. Für eine Preis-Aussage sei es natürlich noch deutlich zu früh, erklärt der freundliche Chinese.
"Aber dass sie wettbewerbsfähig sein werden, das können wir schon heute versprechen", sagt er und schaut, als wolle er die koreanischen Marken das Fürchten lehren. Warum BYD schon jetzt in Genf präsent ist, wenn das Europadebüt noch gar nicht geplant ist? "Wir wollen hier etwas lernen", antwortet Zhu. "Was die Kunden von uns erwarten, und wie es die anderen hier machen."
Ratan Tata geht es vor allem um die Ehre
Das hat Ratan Tata nicht mehr nötig. Ganz am Anfang, als seine indische Automarke vor elf Jahren zum ersten Mal auf dem Genfer Salon auftrat, da hat er von den anderen noch was lernen können. Doch seit er im Januar in Neu Delhi den Nano enthüllt und die weltweite Autoindustrie mit einem Kleinwagen für umgerechnet 1700 Euro vorgeführt hat, läuft es eher umgekehrt: Jeder will von ihm erfahren, wie man den Preis eines Wagens auf ein derart niedriges Niveau drücken kann.
Kein Wunder also, dass die Nano-Enthüllung in Genf beinahe besser besucht war als die Pressekonferenzen von Mercedes oder General Motors. Dabei gibt es den Nano, den der Firmenchef für den Nachfolger des T-Modells aus den Gründertagen des Ford-Konzerns hält, in Europa auf absehbare Zeit gar nicht zu kaufen.
Allenfalls die in Genf enthüllte Luxusversion mit Metallic-Lack und Klimaanlage habe das Zeug, "vielleicht eines Tages doch mal in Europa angeboten zu werden", sagt der Multimilliardär. Bis dahin geht es ihm weniger um den Ertrag als um die Ehre. Nachdem vor elf Jahren das Publikum mitleidig gelächelt habe, wollte er mit dem Nano-Debüt in Genf vor allem eines beweisen: "Dass Tata einen Platz unter den internationalen Autoherstellern verdient hat."