Extremtuning in Genf: Da geht noch was
Extremtuning in Genf Lieber schrill als schön
Blasses Kupfermetallic, Karbon bis in die letzte Ritze, Burgunderrot, mattes Grau oder Kampfstreifen in Weiß und Grün - wer auf dem über die Stände der schlendert, braucht schon ein tolerantes Geschmacksempfinden. Denn um aus der ohnehin schon schillernden Masse der Messemodelle herauszustechen, haben die Veredler ihre Neuheiten nicht nur tiefergelegt, wild bespoilert und in neue Leistungsregionen katapultiert, sondern obendrein in kunterbunten Farben lackiert.
"Genau das ist es, was die Kunden von den Umrüstern erwarten", sagt Nick Margetts vom Marktbeobachter Jato Dynamics. Egal ob Selbstdarsteller aus dem europäischen Westen oder die Scheichs aus den Emiraten: "Sie allen wollen auffallen im jeden Preis und kein Auto wie die anderen", so der Analyst: "Jeder soll sehen, dass sie einen ganz eigenen Geschmack haben und sich den auch leisten können, selbst wenn das nicht immer der beste ist." Außerdem machen es die Fahrzeughersteller den Tunern nicht eben leicht, sagt Margetts: "Autos wie der Mercedes SLS, der Porsche Panamera, der Audi R8 und Neuheiten wie der Lamborghini Aventador und der Ferrari FF sind schon von Hause aus so spitz positioniert, dass die Tuner sich viel einfallen lassen müssen."
Der Mercedes SLS hat den ersten Durchlauf bei den Scharfmachern hinter sich
Sonderlich viel Mühe scheint ihnen das allerdings nicht zu bereiten. Davon zeugt in Genf vor allem Mercedes SLS, der nun - rund ein Jahr nach der Markteinführung - seinen ersten Durchlauf bei den Scharfmachern hinter sich hat. Auf zahlreichen Ständen dreht sich deshalb ein Flügeltürer im Rampenlicht und strapaziert den guten Geschmack. Fast noch brav und bieder wirkt der Silberpfeil bei Brabus aus Bottrop. In mattgrauer Tarnfarbe lackiert wie ein Kampfjet, wird er mit der sogenannten "Widestar"-Karosserie um die Hüften ein paar Zentimeter breiter, duckt sich gute zwei Zentimeter tiefer auf die Straße und macht vor allem mehr Dampf als das Serienmodell: Wo der 6,2 Liter große V8-Motor ab Werk auf 571 PS kommt, holt Brabus mit zwei neuen Turboladern glatt 700 PS aus dem Achtzylinder. Allerdings hat das auch seinen Preis: Statt 190.000 stehen dann 427.000 Euro auf der Rechnung.
Ganz in Schwarz gibt es den SLS bei Extremtuner Mansory, der sonst gern auch mal Hand an Bugatti & Co. legt. Er hat den Flügeltürer komplett mit Karbon eingekleidet und ihm eine markante Hakennase ins Gesicht geschnitten. 90 Kilogramm leichter als das Werksmodell und dank zweier Kompressoren fast 100 PS stärker, verspricht Mansory für seinen "Cormeum" deutlich mehr Dynamik, an der sich allerdings nur wenige Kunden erfreuen dürfen: "Mehr als 15 Autos werden nicht gebaut", lässt der Tuner mitteilen und will zum Preis lieber noch nichts verraten.
Ebenfalls einen SLS-Umbau hat Tuner Hamann aus Laupheim nach Genf gebracht: Lackiert in blassem Kupfer und im Windkanal glattgeschliffen, wird der auf jeder Seite sechs Zentimeter breitere Flügeltürer zum "Hawk", dem die Ingenieure außerdem ein wenig mehr Leistung abgerungen haben. Ganz ohne neuen Turbo oder Kompressor stehen nun 636 PS im Fahrzeugschein, und die Spitzengeschwindigkeit klettert auf 320 km/h.
Vierter im Bunde der neuen Flügeltürer der mattblau lackierte SLS von FAB-Design aus der Schweiz, wo sich der Messeauftritt offenbar schon gelohnt hat. Denn die erste Woche war noch nicht einmal vorbei, da standen schon ein paar Kundenfahrzeuge zur Umrüstung auf dem Hof, berichtet Sprecherin Doris Stanco und taxiert den Auftragswert auf jeweils 50.000 bis 100.000 Franken.
Sportwagen machen sich bei den Tunern rar
Weil Ferrari FF und Lamborghini Aventador ja gerade erst ihre Serienpremiere feiern und der SLS die mit Abstand am meisten beachtete Neuheit des vergangenen Jahres war, machen sich bei den Tunern ein wenig rar. Einzig der Audi R8 schafft es mit zwei besonders auffälligen Umbauten neben dem Flügeltürer ins Rampenlicht. So hat der bayerische Veredler MTM den Lack seines Boliden kurzerhand abgeschliffen und die Alukarosse in mehr als 700 Stunden Handarbeit auf Hochglanz poliert. Darunter steckt im Heck der Ingolstädter V10-Motor mit neuem Doppelturbo, der die Leistung des Tieffliegers auf 777 PS steigert und ihn mit einem Spitzentempo von 350 km/h zum wahrscheinlich schnellsten R8 der Welt macht. Spitze ist allerdings auch der Preis: 482.000 Euro soll das Glanzstück kosten.
Der zweite Audi für die erhöhte Aufmerksamkeit von ABT. Die Kemptener haben sich des offenen R8 angenommen und den sonnigen Kraftmeier mit reichlich Karbon veredelt. Dazu gibt es mit 620 PS knapp 20 Prozent mehr Leistung für den 5,2 Liter großen Zehnzylinder als beim Serienmodell. Auch dieses Paket ist in Genf offenbar gut angekommen, sagt Pressesprecher Florian Büngener: Obwohl der Abt R8 GT S fast 350.000 Euro kostet, wurden bereits an den ersten Tagen zwei Autos bestellt - eines für England und eines für Abu Dhabi.
Stoische Gelassenheit bei den Fahrzeugherstellern
Neben den Spitzensportlern sind es in Genf vor allem die Geländewagen, mit denen die Tuner punkten wollen. Denn auch wenn die Emirate weit sind, gibt es am Fuß des Mont Blanc mehr reiche Araber als irgendwo sonst auf dem europäischen Festland. Und nach wie vor sind es vor allem die Emiratis, die sich von wild verbreiterten Porsche Cayenne oder Mercedes G-Klasse mit den Fahrleistungen eines SLS beeindrucken lassen. Diesen ausgefallenen Geschmack bedient zum Beispiel Mansory mit einem ebenso schrillen wie schnellen Carbon-Cayenne, dessen Turbo-Motor nun 690 statt 500 PS hat. Und wem das noch nicht genügt, der bekommt bei Brabus auf Basis der G-Klasse den B 800 "Widestar." Zwar kostet der Dinosaurier mit eingebautem Dampfhammer bescheidene 434.000 Euro - doch mit seinem 800 PS starken V12-Motor ist er laut Brabus "der stärkste Geländewagen der Welt".
Die Fahrzeughersteller selbst ertragen die Geschmacksprobe mit einer stoischen Gelassenheit - zumal auch jeder getunte SLS, R8 oder Cayenne schließlich erst einmal bei ihnen gekauft werden muss und so die Kasse füllt. Solange die Markenrechte nicht gefährdet sind und sich jeder Tuner brav vom Original distanziert, begleiten sie das bunte Treiben allenfalls mit einem irritierten Kopfschütteln. Aber selbst das hat sich zum Beispiel die Mercedes-Mannschaft bei ihrem Messerundgang weitgehend verkniffen, sagt ein Manager aus Stuttgart: "Spätestens seit es den SLS gibt, haben wir uns daran so langsam gewöhnt."