IAA-Kommentar: Variation statt Innovation - DER SPIEGEL
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IAA-Kommentar Variation statt Innovation

122 Autopremieren, so die offizielle Zählung, stehen auf der IAA in Frankfurt. Eine echte Überraschung, ein Knüller, ein origineller Ideentransporter ist nicht darunter. Die Firmen variieren Vertrautes und versuchen, die Verunsicherung nicht zu groß werden zu lassen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sind Autokäufer konservativ? Ein Rundgang über die IAA in Frankfurt legt diesen Schluss nahe, denn dort stehen fast ausschließlich neue Modelle, die - von einigen technischen Innovationen abgesehen - auch vor zwei oder vier Jahren schon auf dieser Messe hätten enthüllt werden können, ohne Begeisterungsstürme auszulösen. Viele Hersteller spielen mit den vertrauten Variablen in der üblichen Art und Weise: Neue Modelle werden etwas länger, breiter, höher, erhalten ein paar PS mehr, ein bisschen mehr Ausstattung und einen größeren Kofferraum. Wirklich beeindruckend ist das nicht - die Branche wirkt vorsichtig und mutlos, viel Marketinggetöse soll davon ablenken.

Wer sich davon nicht blenden lässt merkt schnell: Die 61. IAA ist eine Automesse der Unsicherheit. Keine Marke möchte sich einen Fehler erlauben, für einige wäre ein Flop sogar substanzgefährdend. Also fallen die Neuerungen sehr behutsam aus und man stößt lieber erst dann in ein neues Marktsegment vor, wenn es von anderen bereits abgesteckt wurde. Der Geländewagen Audi Q7 ist so ein Fall, die neuen Stahldach-Cabriolets von Opel, VW, Volvo, Nissan und Mitsubishi sind weitere Beispiele. Porsche variiert mit dem Cayman S sogar die eigene Modellpalette - und es wird mutmaßlich funktionieren. Wahrscheinlich auch deshalb, weil Autokäufer eben doch konservativ sind - wer gibt schon eine fünfstellige Summe aus für ein Gerät, das er nicht kennt und kaum einschätzen kann?

Es wird aber auch deutlich, dass dieser IAA das richtige Timing fehlt. Was zwar im Grunde immer schwierig ist, da wegen der langen Entwicklungszyklen der Autoindustrie Premieren schon mindestens ein Jahr im Voraus feststehen. Doch diesmal kam zweierlei hinzu: Erstens der unerwartete Erfolg des Hybrid-SUVs von Lexus, der erst wenige Wochen vor dem Messestart debütierte und dann der Benzinpreisschock unmittelbar vor der IAA-Eröffnung. Vor diesem Hintergrund wirkte manches auf der Autoshow in Frankfurt improvisiert, etwa die vielen Hybrid-Versprechungen. Wohl um davon abzulenken, dass bei Lexus in Halle 8 schon das zweite Pkw-Modell mit dem fortschrittlichen Kombiantrieb aus Elektro- und Verbrennungsmotor vorgestellt wurde, kündigten Porsche, Audi, BMW und Mercedes-Benz eilends für die kommenden Jahre eigene Hybridmodelle an.

Zwar klang das alles noch vage, doch immerhin haben die Hersteller die Hybridchance - wenn auch spät - erkannt und waren sensibel genug, zu reagieren. Mercedes-Benz berief sogar eine eigene Pressekonferenz unter dem Titel "Advanced Power" ein, um dem Thema mehr Gewicht zu geben. Mobilität muss ökologischer und günstiger werden - auch bei VW wurde dies erkannt. Die Zeit der Luxusmanie in Wolfsburg scheint vorbei: Man werde sich wieder auf das Herz der Marke, nämlich das Volumensegment, konzentrieren, erklärte Markenchef Wolfgang Bernhard. Dass er zuvor im neuen Cabrio Eos auf die Bühne gefahren war, das zweifellos kein Volumenmodell werden wird, passte zwar nicht zu dieser Ansage, doch das fiel kaum auf. Zumal der VW-Chef auch davon sprach, man wolle wieder automobile Träume erfüllen.

Die echten Traumwagen alter Schule hatte der VW-Konzern allerdings beiseite geräumt. Das neue Luxuscabrio Bentley Azure wurde ganz weit in die Ecke der Halle 3 gedrängt und der Supersportwagen Bugatti Veyron bekam gleich Messeverbot. Der Abstrahleffekt eines 1001-PS-Renners mit horrenden Verbrauchswerten ist in Zeiten steigender Benzinpreise und sinkender Beschäftigtenzahlen offenbar zu unkalkulierbar, als dass sich VW ihm aussetzen wollte.

Manches neue Modell auf der IAA fällt doch positiv auf. Es gibt einige wenige Autos, die der allgemeinen Verunsicherung trotzen und selbstbewusst in Nischen fahren, in denen sie zunächst eine Alleinstellung beanspruchen können. Mercedes gelang das beispielsweise mit der R-Klasse. Ob die Welt einen sechssitzigen Allradler in Keilform braucht, ist erst einmal nicht relevant, sondern: dieses Auto entzieht sich den bekannten Bewertungsschemata und muss daher keine Vergleichstests gewinnen, weil es nichts zu vergleichen gibt. Deshalb könnten solche Modelle die Branche voranbringen. Bis andere Hersteller nachziehen - und das alte Lied von ein paar mehr Zentimetern, PS und Kofferraumlitern wieder eine neue Strophe bekommt.

Bei der nächsten oder übernächsten IAA könnte es so weit sein. Vielleicht werden dann auch die Hybrid-Versprechen wahr, und womöglich gibt es 2007 endlich wieder ein paar Überraschungen. Die Entwicklungen müssten eigentlich schon begonnen haben.

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