Karmann SUC Große Karosserie-Koalition
Autoentwicklung hat viel mit Gefühl, Intuition und Erfahrung zu tun, folgt mitunter aber auch der strengen Logik der Marktwirtschaft. Die Studie SUC von Karmann ist so ein Fall. Weil einerseits Cabriolets im Trend liegen und andererseits der Boom der sportlichen Geländewagen - meist Sport Utility Vehicle oder SUV genannt - anhält, lag es nahe, beide Konzepte miteinander zu verbinden und so einen vermeintlichen Bestseller zu kreieren. Was zunächst bizarr klingt, nämlich die Idee einer großen Karosserie-Koalition von Geländewagen und Cabriolet, weckte offenbar den Ehrgeiz der Ingenieure bei Karmann. So entstand die Studie eines wuchtigen, auf übergroßen 22-Zoll-Rädern daherrollenden Allradlers, dessen Dach sich auf Knopfdruck Z-förmig zusammenfaltet und ein Geländecabrio entstehen lässt. Von offenen Varianten der Marken Jeep oder Suzuki einmal abgesehen, war ein Auto dieses Typs bislang unbekannt.
Zumal der SUC von Karmann alles andere ist als ein rustikaler Offroader mit Minimalausstattung. Im Gegenteil. Karmann und die Getriebespezialisten von ZF Friedrichshafen stellten eine Studie auf die Räder, die technisch auf dem aktuellsten Stand ist. Beginnen wir beim Dach: Das Faltverdeck hat ein integriertes, aufklappbares Sonnendach aus Polycarbonat, das zugleich die Abdeckung bildet, falls das Dach eingefahren wird. Die Heckscheibe ist ein eigenes Bauteil und lässt sich somit separat in der Schwenktür am Heck versenken. Es gibt keine B-Säulen, so dass sich die Türen gegenläufig in einem Winkel von jeweils 90 Grad öffnen.
Stolz vermeldet Karmann einen Superlativ. Die SUC-Studie habe mit etwa vier Quadratmetern "das größte vollautomatische Cabriodach weltweit", so die Osnabrücker. Und die Lösung mit der separaten Heckscheibe hat den Vorteil, dass sich bei geschlossenem Dach die komplette Rückfront des Autos öffnen lässt und damit der Gepäckraum optimal zugänglich wird.
Während Karmann für die Wandelbarkeit des Wagens verantwortlich war, hat ZF ein neues Antriebssystem konzipiert, das unter anderem das Sechsgang-Automatikgetriebe, das Achsgetriebe, die Lenkung, Dämpfung, Niveauregulierung und weitere Fahrwerkbauteile miteinander vernetzt. Die Techniker versprechen auf Grund dieses Systems "weitere fahrdynamische Funktionen" sowie eine größere Sicherheit in kritischen Situationen.
Karmann betont, dass die SUC-Studie fahrbereit ist. Unter der wulstigen Motorhaube sitzt ein 4,4-Liter-V8-Motor mit 320 PS (235 kW). Das klingt übertrieben für einen mit 4,64 Meter Länge noch einigermaßen kompakten Allradler, relativiert sich aber, wenn man bedenkt, dass dieses Auto mehr als 2,6 Tonnen wiegt. Die Studie sei "noch nicht gewichtsoptimiert", räumt Karmann ein. Doch selbst nach dem Abspecken würde ein Auto mit diesen Eigenschaften ein ziemlicher Brocken bleiben.
Gibt es einen Markt für den SUC? Karmann sagt ja und zitiert eine Studie der Firma R.L. Polk Marketing Systems, nach der pro Jahr etwa 180.000 Gelände-Cabrios in den USA und Westeuropa verkauft werden könnten. Karmann-Chefdesigner Jörg Steuernagel hält diese Schätzung für "eher konservativ". Falls sich ein Autohersteller entscheidet, ein SUC in seine Modellpalette aufzunehmen, "rechnen wir nicht vor 2009 mit einem Serienstart". Das neue Segment, das die Studie eröffne, sei trotz aller bisherigen Entwicklungsarbeit nämlich "ein sehr komplexes Thema".