Frauen als Zielgruppe der Fahrzeughersteller: Prêt-à-auto
Frauen als Zielgruppe Lust am Lifestyle
Auto-Tuning bedeutet in der Regel: Mehr Motorleistung, großer Spoiler, fette Reifen, tiefe Karosserie, dickes Doppelendrohr - zumindest herrscht diese Ansicht bei den meisten Männern vor. Frauen dagegen, so hat es nach einem Besuch des Autosalons in Paris den Anschein, ticken ganz anders. Sie pfeifen auf Tempo und Turbo. Tuning heißt bei ihnen schicker Lack, edles Leder, bunte Bezüge, farbige Armaturentafeln und jede Menge Chichi.
Die Designstudios und Innenraumexperten, in der Autoindustrie Colour & Trim genannt, haben sich auf diese Mode eingestellt. Tina Müller, Marketingchefin von Opel, zuvor Managerin bei Henkel, verkündet auf dem Autosalon für den Kleinwagen Adam stolz eine Damen-Kaufquote von 72 Prozent. "Frauen definieren ihren Status nicht über das Auto", sagt Müller. Zumindest nicht über die Größe oder Leistung.
Der Opel Adam steht stellvertretend für einen Trend in der Autoindustrie, den Experten als "Individualisierung" bezeichnen. Kein Wunder, dass die Hersteller zunehmend Wert auf ausgefallene Materialien und Lackierungen legen, denn das Design ist in der Branche Verkaufsgrund Nummer eins. Zudem verdienen die Autobauer schlecht an Kleinwagen, und mit jedem verkauften Extra steigt die Marge.
LED-Sterne-Dachhimmel und sechs verschiedene Fußraumteppiche
Begonnen hat die automobile Lust auf Lifestyle mit dem Smart und dem neuen Mini Anfang des Jahrtausends. 2007 setzte Fiat mit seiner "Retro-Knutschkugel" 500 auf die gleiche Marketing-Masche. Doch der Adam überholt in dieser Disziplin alle.
Zwölf Außenlacke sowie drei kontrastreiche Dachfarben lassen sich mit fünf farblich abgesetzten Grillspangen, über 40 Radvarianten und fast 20 Innenraumdekoren kombinieren. Hinzu kommen 15 Polster, elf Dekorelemente sowie acht Oberflächen für Armaturentafel, Schaltkonsole und Türen, drei Design- und zwei LED-Sterne-Dachhimmel (laut Tina Müller ausschließlich von Frauen geordert), sechs Color-Innenrückspiegel sowie sechs verschiedene Fußraumteppiche. Nur versierte Mathematiker dürften ausrechnen können, wie viele mögliche Varianten sich daraus ergeben. Opel sagt es einfacher: "Die Chance, dass ein wirklich identischer Adam vom Band läuft, tendiert gegen null."
Ganz ähnlich dürfte es seit diesem Jahr bei den französischen Autobauern zugehen, allen voran bei Peugeot und der Schwestermarke Citroën. Die in Paris ausgestellten City-Flitzer 108 und C1 haben Interieurs, so schrill wie Smartphone-Hüllen und Sitzbezüge im bunten Barcode-Streifenlook. Tristesse kann man der automobilen Damenwelt auf jeden Fall nicht vorwerfen. Selbst Faltdächer tragen nicht länger Trauer, Schwarz ist out. Bei Peugeot kann der Stoff in Violett, bei Citroën in Rot bestellt werden.
Und auch japanische Autohersteller, sonst eher dem nüchternen Outfit zugetan, glänzen plötzlich mit Zweifarbenlackierungen und Latte-macchiato-Tönen. So bietet Suzuki neben seinem Swift nun auch seinen neuen Crossover Vitara mit farblich abgesetztem Dach an.
Das Mini-Dach als Helikopterlandeplatz
Den Vogel aber schießt in der Design-Kreativität Mini ab. Dass der kleine Engländer gelegentlich die britische Flagge als Dachlackierung spazieren fährt, ist bekannt. Nun aber gibt es ein großes H für eine Helikopterlandeplatz-Optik, oder ein Dach im Look des iPhone-Displays.
Vor allem Seitenspiegel werden jetzt auch modisch aufgemotzt. Nach der Konfiguration gleichen sie oft bunten Segelohren, und weil die Marketingstrategen nur zu gut wissen, wie schnell sich Mode ändern kann, lassen sich zum Teil Dekorelemente innen wie außen gegen andersfarbige Exemplare austauschen. Solche Smartie-Autos sind das krasse Gegenteil jener Sondereditionen, die schon von Haus an die feminine Kundschaft adressiert sind.
Jüngstes Beispiel ist der cremefarbene Seat Mii by Mango, der aus einer Kooperation mit der spanischen Modemarke hervorgegangen ist. Seat setzt hier bei seinem Kleinsten auf "femininen Touch", wie es im Prospekt heißt. Die Sitze mit dunklen Alcantara-Bezügen zieren beigefarbene Kontrastnähte. Gleiches gilt für Lenkrad und Schaltmanschette.
Das Frauenauto als rollenden Handtasche - das mag nach Klischee klingen. Aber ein Accessoire im Seat Mii liefert selbst dafür einen Beleg: Er hat einen Handtaschenhalter auf der Beifahrerseite des Armaturenbretts.