Mitsubishi Lancer Evo - VW Scirocco R: Junge Wilde
Mitsubishi Lancer vs. VW Scirocco R Duell der Kraftmeier
In ihren jeweiligen Rennserien zählen der aus dem Rallyesport stammende Mitsubishi Lancer Evolution und der vom Langstrecken-Renner abgeleitete VW Scirocco R zu den Champions. Doch auf der Straße kommt es nur selten zum Duell. Obwohl beide Modelle - nach den zahlreichen anerkennenden Bemerkungen beim Tanken, Einkaufen oder vor der Eisdiele zu urteilen - viele Fans haben, werden sie nur in sehr kleinen Stückzahlen verkauft. SPIEGEL ONLINE arrangierte jetzt ein Kräftemessen.
Auf den ersten Blick hat der Mitsubishi eindeutig die Nase vorn - beim Design. Denn gemessen an der aggressiven Frontpartie, den wuchtigen Radhäusern und dem Heckspoiler Marke Bügelbrett sieht der VW Scirocco R fast bieder aus. Dabei trägt auch der Wolfsburger weiter ausgestellte Kotflügel, tief nach unten gezogene Schürzen und einen verlängerten Spoiler über der Heckscheibe. Wer den dezenten Auftritt vorzieht, wird wohl den Scirocco R nehmen. Andererseits: Wer kauft schon ein Kompaktauto mit mehr als 250 PS und will, dass niemand es merkt? Poser also sind mit dem Mitsubishi besser bedient.
Ähnliche Motorkonzepte, große Verbrauchsunterschiede
In Sachen Antriebstechnik liegen die Konkurrenten nahe beieinander: Beide setzen auf einen Vierzylindermotor mit zwei Litern Hubraum, dem ein Turbolader Druck macht. Beim VW reicht es für 265 PS und 350 Nm, der Mitsubishi kommt sogar auf 295 PS und 366 Nm. Der gravierendste Unterschied ist die Benzindirekteinspritzung des VW-Motors. Dank ihr ist das berüchtigte Turboloch kaum noch zu spüren - und der ist Motor deutlich sparsamer.
Offiziell gibt VW 8 Liter als Durchschnittsverbrauch an - ein Wert, der nie und nimmer zu erreichen ist, wenn der Wagen annähernd bestimmungsgemäß gefahren wird. Auch beim Mitsubishi bleibt der ECE-Wert (10,5 Liter) graue Theorie. Schnell ist man vom 55-Liter-Tank genervt. Wer schnellstmöglich auf einer freien Autobahn von Hamburg nach München kommen will, muss mit fünf oder gar sechs Tankstopps rechnen.
Imposante Fahrleistungen und herausragende Getriebe
Die Fahrleistungen sind entsprechend. Beide Autos hängen gierig am Gas, reagieren schnell und spontan. Dabei ist der Scirocco R trotz des nominal etwas schwächeren Motors sogar ein wenig schneller. In 5,8 Sekunden rauscht der Wagen von 0 auf Tempo 100, der Lancer braucht für diese Beschleunigung 6,3 Sekunden. Die Höchstgeschwindigkeit des japanischen Modells liegt bei 242 km/h, dem VW hingegen dreht bei Tempo 250 die Elektronik sanft den Saft ab. Aber: Tempo allein zählt nicht. Der VW mag schneller sein, das brachialere, lautere und emotionalere Auto ist der Mitsubishi.
Nahezu perfekt ist in beiden Autos die Kraftübertragung gelöst. VW setzt einmal mehr auf die famose Doppelkupplung. Und Mitsubishi ist eine der ganz wenigen Marken, die in dieser Klasse mit einem vergleichbaren Getriebe kontern kann. Hier wie dort dauert der Gangwechsel kaum länger als ein Wimpernschlag, und in beiden Modellen erleichtern die Schaltwippen am Lenkrad den manuellen Eingriff. Es macht Spaß, vor einer Kurve mit reichlich Zwischengas herunter zu schalten, und danach in Windeseile bei Vollgas wieder die Getriebeleiter aufwärts zu klettern.
Zwischenstand
Beim reinen Kräftemessen schlagen sich beide Sportmodelle prima. Was dem VW an Kraft fehlt, macht er mit Fahrkultur wieder wett. Allerdings pflegt er einen sehr viel dezenteren Auftritt und fängt deshalb nur halb so viele Blicke.
Allrad oder Frontantrieb - Kofferraumdeckel oder Heckklappe
Den größten Unterschied zwischen beiden Modellen besteht beim Antriebskonzept. Denn anders als etwa der VW Golf R ist der stärkste Scirocco ein reiner Fronttriebler, während es den Mitsubishi nur so gibt, wie es sich für ein modernes Rallye-Auto gehört: mit Allradantrieb. Zwar bringt auch der Scirocco R die Motorkraft überraschend gut auf die Straße und kann in Sachen Traktion lange mit dem Lancer mithalten, doch sobald es etwas feucht und schmierig wird auf der Fahrbahn oder gar der feste Untergrund endet, zieht der Lancer locker davon.
Während beim Scirocco die Stabilitätskontrolle den Elan des Zweiliter-Motors kräftig regulieren muss, macht der Lancer mit schwindenden Reibwerten eigentlich immer mehr Spaß. Der intelligente Allradantrieb verteilt die Kraft kurvengerecht nicht nur zwischen Vorder- und Hinterachse, sondern auch auf zwischen dem jeweils linken und rechten Rad. Entsprechend souverän gleitet das Auto durch Kurven.
Der Alltagskomfort kommt in beiden Modellen ziemlich kurz
Wie steht es um den Alltagskomfort? In beiden Modellen eher bescheiden. Die R-Variante des Scirocco bietet vorn großzügige und leidlich bequeme Sportsitze. Der Fond dagegen ist eine dunkle, enge Höhle, in der Passagiere mehr kauern als sitzen - und gewiss keinen Fahrgenuss verspüren. Im Lancer sieht es dank der vier Türen schon besser aus, vier Erwachsene können hier ordentlich sitzen. Dafür ist der Kofferraum ein schlechter Scherz: Weil fast die Hälfte des Ladeabteils von dem riesigen Subwoofer eingenommen wird, bleiben lediglich 323 Liter für Gepäck. Jedoch: Der Laderaum des Scirocco (312 Liter) kann aufgrund der umklappbaren Rücklehnen erweitert werden (1006 Liter), macht aber das Einladen wegen der hüfthohen Kante zum Kraftakt.
Deutlicher Preisunterschied - und diesmal ist der VW das billigere Auto
Gravierende Unterschiede gibt es in finanzieller Hinsicht. Der VW Scirocco R kostet mit Doppelkupplungsgetriebe 35.775 Euro, Mitsubishi verlangt für den Lancer mit entsprechendem Getriebe 47.950 Euro. Der Aufschlag mag dem Allradantrieb, der höheren Leistung und dem etwas größeren Format geschuldet sein, doch wert ist das Auto das Aufgeld nicht. Denn die Fahrleistungen sind zumindest auf trockener Straße kaum besser als beim Scirocco, der horrende Verbrauch schreckt ab und nicht einmal der Innenraum ist in irgendeiner Art besonders.
Leder-Sportsitze bieten beide Modelle, im Mitsubishi aber finden sich scheinbar lustlos gestaltete Schalter und viel billiges Plastik. Und ganz ehrlich: Wer ein Auto mit 295 PS beherrscht, der braucht auch beim Rückwärtsfahren keinen Dauerpieper, der daran erinnert, dass es gerade nach hinten geht.
Endstand
Beide Kompaktwagen sind ebenso faszinierend wie überflüssig. Aber wenn es schon mehr als 250 PS sein müssen, dürften die meisten Menschen mit dem Scirocco R besser bedient sein. Er ist viel kultivierter als der Lancer Evolution und 12.000 Euro billiger. Nur wer den provokanten Auftritt liebt, fährt mit dem Mitsubishi besser.