Nissan GT-R: Japans Hochtechnologie trifft norddeutschen Tiefdruck
Eine Woche im Nissan GT-R 2017 Rendezvous mit Godzilla
Der Nissan GT-R ist mein Jugendzimmer-Held. Endlose Stunden habe ich mit dem Rennspiel "Gran Turismo" auf der Playstation verbracht, gefahren bin ich immer den GT-R. Vor Augen hatte ich die magische 2 vor der 0-auf-100-Angabe. 2,9 Sekunden oder 2,8, in jedem Fall kaum vorstellbar schnell. Und im Kopf diese irgendwie faszinierende Idee, dass eine Firma, die Millionen von Micras auf den Markt pumpt, wundervollerweise eben auch so ein Auto baut.
Ein Auto für Leute, die cool genug sind, mehr als 100.000 Euro für einen Nissan auszugeben.
Ein Auto, das sich mit Ferraris und Lamborghinis nicht nur anlegt, sondern ihnen auch gern zeigt, dass ein teures Label eben noch lange kein Ampelrennen gewinnt. Spitzname: Godzilla.
Tja, und irgendwie, viele Jahre später liegt da ein Schlüssel im Büro von den Kollegen aus dem Autoressort. Der Deal geht so: ein Testwagen, für eine Woche, bitte (BITTE!) nicht kaputt machen - und am Ende was darüber schreiben.
Und dann regnet es die ganze Zeit.
Was ist nervenaufreibender, als einen knapp-600-PS-Supersportwagen durch den Hamburger Berufsverkehr zu bugsieren? Antwort: Einen knapp-600-PS-Supersportwagen bei strömendem Regen durch den Hamburger Berufsverkehr zu bugsieren. Absolut verstörend. Blinkt der HVV-Bus schon? Was macht der Radkurier da, so nah an der Carbon-Heckschürze? Schwer zu sagen, ist ja nichts zu sehen.
Klar hat der Wagen Allradantrieb. Natürlich ist er beim Mitschwimmen (in diesem Sommer manchmal buchstäblich) in der Rushhour rettungslos unterfordert. Und selbstverständlich fährt er sich, bei vorsichtigem Gasfuß, fast so handlich wie der eigene Familien-Minivan. Und trotzdem: Die rohe Gewalt, die unter dem Gaspedal schlummert und die glitschige Fahrbahn - das ist keine Kombination, die entspanntes Fahren zulässt.
Eine Einladung zum Tuning
Einmal schnell durch die Eckdaten: Seit 2007 baut Nissan den GT-R. Jedes Jahr gibt es ein paar PS mehr, inzwischen sind wir bei 570 angekommen. Vor allem im Geburtsland Japan scheint es schon beinahe Pflicht, diesen Output durch Chips, Umbau und andere Hexereien umgehend um Hunderte Pferdestärken zu steigern. Das fabrikneue Auto dient dort als leere Leinwand für die Tuning-Virtuousen.
Dass Leistungssteigerung auch im großen Stil problemlos machbar wäre, ist unstrittig. Bliebe nur die Frage nach dem "Warum". Denn: Was passiert, wenn man beim unverbastelten Serien-GT-R das Gaspedal mit Nachdruck tritt, raubt (auch hier ganz buchstäblich) den Atem. In 2,8 Sekunden zeigt der Tacho die 100 Stundenkilometer. Und dann geht es weiter, theoretisch bis 320. Sehr theoretisch in diesem besonderen Fall. Wie gesagt, das Wetter.
Schnellfahren fällt also erst einmal aus. Wer wissen will, wie Profis mit dem Auto umgehen, schaut bitte hier:
Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.
Stattdessen wird die Rennmaschine, notgedrungen, in den Alltagstrott eingebunden. Aus diesem Trott hier ein paar, zugegeben sehr subjektive, Beobachtungen.
Harte Ansage
Der Schalter zum Einklappen der Außenspiegel - und der wird in der Hamburger Innenstadt öfter gebraucht als die schön gestalteten Wippen zur Verstellung der Fahrdynamik - liegt gut versteckt. Und er würde selbst in einem 8000-Euro-Micra billig wirken.
Es ist unmöglich, den Kofferraum leise zu schließen. Erst jede Menge Widerstand, dann plötzlich: RRRRUMMS!
Die Verbrauchsangaben des Herstellers sind amüsant. Ich habe meinen Tankwart in dieser Woche ganz neu kennengelernt. Gab ja genug Gelegenheiten.
Apropos Fahrdynamik: Dieses Auto ist hart. Gerüchteweise wurde das aktuelle Modelljahr sogar ein wenig auf Komfort getrimmt. Aber dann möchte ich die anderen Modelljahre lieber nicht fahren. Die "Comfort"-Taste bewirkt wenig mehr als ein kleines grünes Lämpchen in der Mittelkonsole.
Nissan GT-R: Japans Hochtechnologie trifft norddeutschen Tiefdruck
Ja, das Auto klingt manchmal tatsächlich, als sei es kaputt. Vor allem im kalten Zustand und Automatikmodus klackert und rumort es alarmierend, während das Doppelkupplungsgetriebe seine Gänge sortiert.
Und apropos billig: der Schlüssel. Liebe Nissan-Entwickler: Ihr stapelt gern tief, ist angekommen. Aber ein klein wenig mehr Leidenschaft könntet ihr da schon reinstecken.
All das ist natürlich vollkommen egal.
Denn an einem Abend in dieser Woche ist es tatsächlich einmal trocken. Sollte Ihnen, lieber Leser, Anfang Juni auf der A1 zwischen Hamburg und Lübeck ein ziemlich weißes, ziemlich lautes, ziemlich schnelles Auto mit einem ziemlich verängstigten Fahrer begegnet sein: Das war ich.
Ein Tritt in den Magen
Noch nach mehreren Tagen mit dem GT-R trifft die Beschleunigung unvermittelt in den Magen. Auch jenseits der 150 Stundenkilometer zerrt der 3,8-Liter-Sechszylinder-Bi-Turbo mit einer Vehemenz nach vorn, die sich hier in einfachen Worten kaum wiedergeben lässt. Nach zwei oder drei Versuchen der Vollgasfahrt ist kurz vor Lübeck dann auch ein Boxenstopp nötig. Um die Nerven zu beruhigen.
Ein paar Schritte um den heißen, bedrohlich tickenden GT-R herum. Alles an diesem Fahrzeug schreit: Zweck. Dieser Zweck ist Schnellfahren. Und dieser Zweck soll dann auch sofort erfüllt werden, schließlich zieht sich der Himmel schon wieder bedenklich zu. Rasch zurück und auf eine ausreichend große Parklücke im heimischen Portugiesenviertel hoffen. Denn trotz Helferlein wie Rückfahrkamera und Abstandswarner parkt sich so ein Geschoss sehr unhandlich. Ständig ist da die Furcht vor dem Geräusch von teurer Alu-Felge an Hamburger Kantstein.
Dann ist Freitag und ein netter Mann von Nissan hätte gern sein Auto wieder. Vorher will er aber noch mal "eben um den Wagen gehen. Auch wegen der Felgen und so." Schluck, war da vielleicht doch was mit der Bordsteinkante?
Nein, da war offenbar nichts. Aus dem Bürofenster ein letzter Blick, wie sich der Nissan in den Berufsverkehr einordnet. Bei schönstem Sonnenschein, wie sollte es auch anders sein? War toll, dich mal zu treffen. 103.450 Euro Grundpreis für die Black Edition bleiben wohl für immer unerschwinglich. Deshalb sehen wir uns auf der Playstation. Mein Held.