Shell-Studie Mehr Autos, weniger Verkehr
Die zentrale Aussage der insgesamt 23. und jüngsten Shell-Studie lautet: Die Zahl der Autos in Deutschland wird weiter wachsen, der Verkehr wird jedoch zurückgehen. Das scheinbare Paradox ist folgendermaßen zu erklären: Die Forscher gehen von einer Steigerung des Pkw-Bestandes hier zu Lande von derzeit 43,8 auf 48 bis 52 Millionen Fahrzeuge im Jahr 2020 aus. Zugleich aber wird nach Ansicht der Experten die Fahrleistung pro Pkw abnehmen.
Die Kilometerleistung aller in Deutschland zugelassenen Pkw soll von heute 528 auf dann 494 Milliarden Kilometer sinken. Noch in den sechziger Jahren galt eine Gesamtfahrleistung pro Jahr von mehr als 16.000 Kilometern als Durchschnittswert. Derzeit sind es noch etwa 12.300 Kilometer pro Jahr. Und die Prognose sieht einen sich fortsetzenden Abwärtstrend, nämlich auf jährlich 10.300 bis 11.300 Kilometer anno 2020.
Die Schwankungen der Zahlen erklären sich dadurch, dass die Statistiker ihren Berechnungen zwei unterschiedliche Szenarien zu Grunde gelegt haben, in denen von verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen ausgegangen wird. Das Szenario "One World" geht von einem liberalen und offenen Welthandel aus, von deutlichem Wirtschaftswachstum, großem technischen Fortschritt und einer gleichbleibenden Bevölkerungszahl. Das skeptischere Szenario "Kaleidoskop" sieht eher regionale statt globale Kooperationen im Vordergrund des Wirtschaftslebens. Dazu kommen ein geringeres Wirtschaftswachstum als im ersten Modellfall, ein größerer Staatseinfluss auf Ökonomie und Verkehr sowie eine schrumpfende Bevölkerungszahl.
Die Erhöhung der Autozahl geht vor allem auf das Konto der Frauen und Senioren. Längst haben junge Frauen und Männer in der Kategorie Führerscheinbesitz gleichgezogen. Einhergehend damit verteilt sich auch der Autobesitz immer homogener auf beide Geschlechter. Mit anderen Worten: Der Bestand wächst. Dazu kommt die bekannte Entwicklung der Bevölkerungspyramide in ein Gebilde mit eher schmalem Fundament und breitem Überbau. Für den Autoverkehr bedeutet dies: In beiden Szenarien wird im Jahr 2020 jeder dritte Autofahrer älter als 60 Jahre sein.
Wie zu erwarten, ermittelten auch die Shell-Forscher einen weiter zunehmenden Anteil an Dieselfahrzeugen, der im Jahr 2020 je nach Szenario bei 30 bis 40 Prozent liegen wird. Dagegen werden alternative Antriebskonzepte auch in knapp 20 Jahren noch ein Nischendasein fristen; ihr Anteil am Pkw-Gesamtbestand wird sich auf drei bis zehn Prozent belaufen. Wichtigste Alternativ-Antriebsform wird dann die Brennstoffzellen-Technik sein, sagen die Experten voraus. Trotz dieser Entwicklung bleiben Otto- und Dieselmotoren die unangefochtenen Antriebs-Spitzenreiter. Zumal Forscher den Verbrennungsmotoren noch ein erhebliches Optimierungspotenzial einräumen.
Das werde, so die Studie, allein schon durch die bisherige Entwicklung deutlich. Während derzeit ein Durchschnittsverbrauch aller Pkw von etwa 8,5 Liter Kraftstoff je 100 Kilometer angenommen wird, soll dieser Wert bis zum Jahr 2020 auf eine Ziffer zwischen 5,5 und 5,8 sinken. Parallel dazu wird nach Ansicht der Experten auch der Schadstoffausstoß zurückgehen. Der Gipfel der Emissionen durch den Straßenverkehr sei Ende der achtziger Jahre erreicht gewesen. Seitdem sei der Schadstoffausstoß um rund 60 Prozent gesunken, bis 2020 halten die Forscher einen Rückgang um 90 Prozent (im Vergleich zum Höchstwert Ende der Achtziger) für wahrscheinlich.