Suzuki LJ20 Kraxler im Kriechgang
Meist riecht man das Auto, ehe man es zu sehen bekommt. Und ein Leisetreter ist der Wagen auch nicht. Doch selbst wenn der Zweitaktmotor beim Start qualmt wie ein Nebelwerfer und das Tuckern des Aggregats jedes Gespräch im Keim erstickt, lässt Hans-Jürgen Goss auf den Suzuki LJ20 nichts kommen. Denn seit 30 Jahren ist der kleine Kraxler erst seinem Vater und nun ihm ein treuer Begleiter über alle Wege, "der uns noch nie hängen gelassen hat", schwärmt Goss.
Dass der LJ20 noch heute unterwegs ist, grenzt an ein Wunder. Denn geschont hat Goss den grünen Zwerg nie. Jeden Weinberg und jeden Forstweg im Odenwald haben Vater und Sohn als passionierte Jäger mit dem Wagen bereits unter die Räder genommen. Und das, obwohl das japanische Arbeitstier eigentlich eine absolute Rarität ist, die längst ins Museum gehört. In Deutschland allemal: Der 1972 gebaute "Light Jeep" (LJ) ist nicht nur einer der ersten Geländewagen von Suzuki überhaupt, sondern in unseren Breiten auch der einzige seiner Art.
Noch bevor Suzuki hierzulande im Jahr 1980 mit dem Modell LJ80 offiziell die Ära des Freizeitgeländewagens einleitete, ließ Goss senior den Klettermaxen schon im Kriechgang durch die Wälder kraxeln. Während Goss ein VW-Autohaus in Heppenheim aufbaute, stieß er beim benachbarten Motorradhändler auf zwei der ersten LJ aus Japan, die dieser importiert hatte.
Einer davon ging schließlich in Goss' Besitz über, und der Autohändler nahm den Kampf mit den Paragrafenhütern auf: Er transportierte das Auto zu einem Gutachter nach München und erwirkte 1978 eine Einzelzulassung für den exotischen Rechtslenker mit dem 28-PS-Zweizylinder. Die zwei Jahre später offiziell angebotenen LJ-Typen waren übrigens mit einem 39-PS-Vierzylinder ausgestattet und kosteten gut 12.000 Mark.
Das Ur-Modell ist den heutigen Allradmodellen auch den kleinsten dieser Art hoffnungslos unterlegen. Wo beispielsweise der aktuelle Suzuki Jimny immerhin 145 km/h schafft, hat der Zweitakter unter der Haube des Klassikers schon mit Schritttempo Mühe. Mit einem Hubraum kaum größer als das Volumen einer Cola-Dose baut der Motor ein Drehmoment von niedlichen 37 Nm auf. Das heißt: Nur mit viel Geduld und reichlich Arbeit am störrischen Schaltknüppel zittert die Nadel des Tachometers über 40 km/h. Eine Besonderheit des Geschwindigkeitsmessers ist der rote Warnbereich jenseits von 60 km/h. Den hätte man sich aber auch schenken können, denn laut Fahrzeugschein sind mehr als 64 km/h ohnehin nicht drin.
Ein Auto, komplett komfortfrei
Den Aufwand, um den Segen der Zulassungsstelle zu erhalten, haben die Herren Goss nie bereut. Zwar ist der nur 3,20 Meter lange LJ20 komfortfrei wie ein alter Traktor, doch dank Heck- und zuschaltbarem Allradantrieb, einem robusten Vierganggetriebe samt Untersetzung, unverwüstlichen Starrachsen und brettharten Blattfedern kennt der Winzling kaum ein Hindernis. "Ob im Weinberg, auf einem Trampelpfad oder mitten im Wald mit nur 1,25 Metern Breite kommt man einfach überall durch", sagt Goss. "Und wenn man sich tatsächlich einmal festfährt, kann man den Jeep mit zwei, drei Bekannten von Hand aus der Bredouille befreien schließlich wiegt er nur 800 Kilo."
Vom harten Leben in Feld, Wald und Wiese zeugt das matte, schmucklose und vom Rost zerfressene Blech der Karosserie. Es scheint, als halten nur noch die unzähligen Schichten olivgrünen Lacks den Wagen zusammen. Auch dem kargen Innenraum sieht man die Arbeit an, die dieser LJ20 zu leisten hatte. Eine Rückbank hatte das Auto nie dort lag meist ein erlegtes Wildschwein oder ein Sack Futter. Und der Beifahrersitz wurde über die Jahre von Jagdhündin Bianca so klein gekaut, dass auch er längst ausgebaut wurde.
Der Gewehrhalter wurde nachträglich eingebaut
In der Mitte des Autos ragt der nachträglich eingebaute Gewehrhalter auf, der Fahrersitz lässt sich nur noch mit dem Schraubenschlüssel verstellen. Sehenswert ist auch das Armaturenbrett, aus dem ein Spindeldürres Lenkrad ragt: Die wenigen Schalter und Anzeigen stecken in einer grauen Blechtafel, von der noch immer ein paar japanische Aufkleber abblättern. Weil er die fernöstlichen Beschriftungen nicht lesen konnte, hat Goss das Cockpit auch als Notizbock genutzt: Dort ist beispielsweise mit Bleistift eine wichtige Handynummer notiert oder der Wetterbericht von der letzten Jagd.
Dass der Wagen irgendwann auf dem Schrott landet, kann sich Goss nicht vorstellen. Auf der Straße ist der LJ20 zwar eine Zumutung. "Aber weiter als 25 Kilometer bin ich damit noch nie gefahren", sagt der stolze Besitzer über das marode Erbstück. Und im Gelände mache der grüne Klassiker auch heute noch den meisten anderen Allradlern etwas vor, ist Goss überzeugt. "Mit dem komme ich überall durch."