Neuer Volvo-Bremsassistent: Achtung, Känguru kreuzt
Volvo-Neuerung Der Bremsassistent fürs Känguru kommt
SPIEGEL ONLINE: Herr Magnusson, als wir von Ihrem jüngsten Projekt hörten, haben wir zuerst an einen Aprilscherz gedacht: Sie entwickeln eine Erkennungssoftware für Volvo, um Unfälle mit Kängurus zu vermeiden. Für einen schwedischen Autokonzern schon kurios, oder?
Martin Magnusson, studierte Automatisierungstechnik an der Chalmers Universität in Göteborg, Schweden. Seit 2007 ist er Sicherheitsingenieur bei Volvo. Er ist einer von zwei Experten, die aktuell in Australien das Verhalten der Kängurus für eine neue Softwareentwicklung studiert haben.
Magnusson: Der Hintergrund ist alles andere als lustig. Es gibt jedes Jahr 20.000 Kollisionen mit Kängurus in Australien, dabei werden zahlreiche Menschen verletzt und getötet. Die Versicherungskosten belaufen sich auf 75 Millionen australische Dollar, etwa 49 Millionen Euro. Dagegen müssen wir etwas tun.
SPIEGEL ONLINE: Wie weit sind Sie mit dem Projekt?
Magnusson: Wir sind noch ganz am Anfang. Die Software baut auf der bereits von uns erfolgreich eingeführten Technologie "City Safe" auf, einem automatischen Notfallbremssystem für die Stadt. Um Fahrradfahrer und Fußgänger zu erkennen, ist hinter der Windschutzscheibe eine hochauflösende Kamera zusammen mit einem Radar integriert.
SPIEGEL ONLINE: Wie schaffen Sie es, dass die Software künftig auch auf Kängurus reagiert?
Magnusson: Zunächst müssen wir die Bewegungsabläufe und Verhaltensweisen der Tiere studieren, deshalb sind wir zwei Wochen im Naturpark Tidbinbilla, nahe Canberra, mit unserem Geländewagen unterwegs gewesen.
SPIEGEL ONLINE: Hört sich schwer nach Traumjob an. Wie sah Ihr Tagesablauf aus, als Sie die Kängurus beobachteten?
Magnusson: Normalerweise bin ich mit meinem Kollegen noch vor 6 Uhr morgens ins Auto gestiegen. Gerade zum Sonnenaufgang sind die Kängurus besonders aktiv. Steigen die Temperaturen im Laufe des Tages, liegen die Kängurus faul im Schatten rum und verkriechen sich unter Büschen. Gegen Abend werden sie wieder munterer. Im Park durften wir mit dem XC90 auf verschiedenen Schotterwegen fahren, um uns genau anzusehen, wie die Tiere die Fahrbahn überqueren. Mit einer Kamera zeichneten wir ihre Sprünge auf.
SPIEGEL ONLINE: Was passiert jetzt mit den Aufzeichnungen?
Magnusson: Die Filmaufnahmen nutzen wir, um das System zu trainieren, damit es künftig Kängurus frühzeitig erkennt und automatisch abbremst. Die Software benötigt zur Wiedererkennung der Tiere Informationen zum Körperbau des Kängurus und wie es sich bewegt. Anders als bei unserer Fußgänger- und Radfahrererkennung, die nur bis Tempo 80 einen Zusammenprall verhindert, muss das Känguru-System bei Autobahngeschwindigkeiten zuverlässig arbeiten.
SPIEGEL ONLINE: Warum sind Kängurus für einen Bremsassistenten so viel schwerer zu erkennen als andere Tiere?
Magnusson: Das größte Problem für die Technik ist es, dass sie bis zu 1,50-Meter hoch springen und bis zu 50 km/h schnell sind - sich also unberechenbar fortbewegen. Zudem ist Känguru nicht gleich Känguru, sondern es gibt unzählige Unterarten. Deshalb haben wir es auch mit enormen Größenunterschieden zu tun. Die kleinen Wallabys kommen auf ein Gewicht von 12 bis 20 Kilo, während das Rote Riesenkänguru bis zu 90 Kilo schwer und 1,80 Meter groß werden kann. Wir stehen vor großen technischen Herausforderungen.
SPIEGEL ONLINE: Wie lange werden Sie Kängurus für Ihre Technik beobachten?
Magnusson: Mein Kollege und ich sind zwei Wochen in Australien gewesen und am Samstag zurück nach Schweden geflogen. Aber wir werden noch häufiger nach Australien reisen müssen, um die Tiere zu verschiedenen Jahreszeiten zu beobachten. Das Verhalten im Winter und Sommer kann unterschiedlich sein, ebenso spielt das Wetter womöglich eine Rolle. Wir werden mehr Daten brauchen.
SPIEGEL ONLINE: Wann werden Volvo-Kunden den Bremsassistenten für Kängurus kaufen können?
Magnusson: Das kann ich heute noch nicht sagen. Es ist wirklich schwierig, Kängurus zu erkennen. Das System ist Bestandteil unserer Vision 2020. In fünf Jahren soll niemand mehr in einem neuen Volvo schwer verletzt oder getötet werden.
SPIEGEL ONLINE: Werden Sie noch andere Tiere mit Ihrer Technik beglücken? In Deutschland sind zum Beispiel Unfälle mit Wildschweinen ein großes Problem. Gerade jetzt zu dieser Jahreszeit.
Magnusson: In Schweden haben wir das Verhalten von Elchen, Rentieren und Kühen untersucht und eine Erkennungstechnik entwickelt, die auch Wildschweine identifizieren kann. Diese ist schon fast serienreif. Eine Erkennung für Dachse und den in Australien lebenden Wombat wäre ebenfalls interessant. Dafür gibt es aber noch keine Pläne.
SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist der australische Markt für Volvo, dass Sie nun eine spezielle Software für Kängurus entwickeln?
Magnusson: Jeder Markt ist für Volvo wichtig. Wir verkaufen in Australien 5150 Fahrzeuge von insgesamt etwa 500.000 pro Jahr weltweit.