Volvo-Warnsystem Bevor der Fahrer fahrig wird
Die größte Schwachstelle im Auto, da herrscht Einigkeit unter den Entwicklern, ist der Mensch. Denn in der Regel ist es nicht technisches Versagen, das zu Unfällen führt. Stattdessen muss die Polizei "menschliches Fehlverhalten" am häufigsten im Protokoll notieren. Egal ob abgelenkt, übermüdet oder berauscht - wann immer sich der Fahrer nicht ausreichend auf die Straße konzentriert, steigt die Wahrscheinlichkeit von Fehlern.
Die deutschen Versicherer beispielsweise gehen davon aus, dass jeder vierte schwere Autobahnunfall auf übermüdete Fahrer zurückzuführen ist. Und die US-Behörde für die Sicherheit von Highways hat ermittelt, dass jedes Jahr 100.000 Unfälle von Menschen verursacht werden, denen am Steuer die Augen zufallen. Die Folge: Mehr als 1500 Tote und 70.000 Verletzte.
Vor diesem Hintergrund arbeiten die meisten Autohersteller an neuen Sicherheitssystemen, die den Fahrer besser einschätzen, seine Aufmerksamkeit bewerten und ihn rechtzeitig warnen sollen, falls Blick oder Gedanken zu weit abschweifen. Dabei gilt insbesondere die Müdigkeit als große Gefahr, der die Entwickler mit Elektronik beikommen wollen.
Lange Zeit galten den Entwicklern Videokameras im Innenraum als aussichtsreichstes Hilfsmittel für den automatischen Weckruf. Sie sollten die Augen beobachten und aus Pupillenbewegung und Lidschlag auf die Müdigkeit des Fahrers schließen. Erst in diesen Tagen hat der VW-Konzern bei einer Ausstellung im Deutschen Hygienemuseum in Dresden ein Forschungsprojekt vorgestellt, bei dem das Lidschlussverhalten des Fahrers beobachtet und als Indikator für Müdigkeit genutzt wird.
Kamerasysteme warnen erst, wenn es schon zu spät ist
Doch solche Systeme sind aufwändig und teuer, brauchen Platz im Cockpit und müssen immer funktionieren. Für die Anwendung im Auto werden bei VW deshalb jetzt alle Bauteile verkleinert und so optimiert, dass sie bei allen denkbaren Lichtverhältnissen große wie kleine Fahrer beobachten können. Erst in ferner Zukunft sei das System serienreif, räumen die Entwickler ein. Und noch einen entscheidenden Nachteil haben die kamerabasierten Systeme: Sie warnen erst, wenn die Augen schon zuzufallen drohen und es für eine erholsame Pause bereits zu spät ist.
Vielversprechender erscheint ein Forschungsansatz, bei dem die Elektronik mehrere Fahrzeugparameter auswertet und anhand von Faktoren wie der Lenk- und Pedalbewegung auf die Aufmerksamkeit des Fahrers schließt. Als erster Hersteller präsentiert Volvo jetzt ein serienreifes System dieser Art. Im Paket mit einem - nicht mehr sonderlich revolutionären -Assistenten für die Einhaltung der Fahrspur kommt es unter dem Namen Driver Alert Control noch in diesem Jahr in den Modellen S80, V70 und XC70 zum Einsatz. Damit hat Volvo übrigens Mercedes-Benz abgehängt, wo eine ähnliche Technologie entwickelt wird.
Wenn die Kaffeetasse aufleuchtet
Das Funktionsprinzip: Die nordische Ford-Tochter überwacht die Bewegungen des Autos und schließt daraus, ob der Wagen kontrolliert oder unkontrolliert gefahren wird. "Wir überwachen nicht das Verhalten des Fahrers, das bei jedem Menschen unterschiedlich ist. Sondern wie schauen nach dem Verhalten des Fahrzeugs", sagt Projektmanager Daniel Levi.
Wie bei VW gibt es eine Kamera. Nur filmt diese bei Volvo nicht den Fahrer, sondern ist nach außen gerichtet und verfolgt dort den Kurs des Wagens. Das elektronische Auge registriert, ob unbeabsichtigt Markierungen überfahren werden oder es im Schlängelkurs vorwärts geht. "Wir wissen, welchen Einfluss Müdigkeit oder Konzentrationsmangel auf das Fahrverhalten haben. So liefert das System verlässliche Indikatoren, wenn etwas aus dem Ruder zu laufen droht und kann den Fahrer warnen, bevor es zu spät ist." Im Gegensatz zur Lidschlag-Kamera bietet diese Lösung noch einen weiteren Vorteil: Sie funktioniert nicht nur bei Müdigkeit, sondern auch dann, wenn der Fahrer sich mehr auf ein Telefongespräch als die Straße konzentriert oder sich von den Kindern auf dem Rücksitz ablenken lässt.
Wie fit der Fahrer noch ist, kann er im Bordcomputer erkennen. Der zeigt auf Knopfdruck eine Grafik mit fünf Balken, die mit nachlassender Aufmerksamkeit verschwinden. Häufen sich die Fahrfehler oder registriert das System akute Gefahr, meldet sich das System mit einem Warnsignal und blendet als unmissverständliche Aufforderung zum Zwischenstopp eine Kaffeetasse in den Cockpitmonitor ein.
Das darf man allerdings nicht zu wörtlich nehmen: Denn sich mit Kaffee aufzumuntern, helfe nur für kurze Zeit, sagt Hans-Georg Marmit, von der Kfz-Sachverständigen-Organisation KÜS. Danach komme es oft umso schlimmer. Für ihn gibt es gegen Müdigkeit nur ein einziges Mittel: "Schlafen."