Protokoll des VW-Rückrufs, Teil 6 Eine Rolle Beweismaterial
Prüfstand-Messungen: Das sind die Leistungsdaten des Touran
Foto: Spiegel OnlineMichael Müller* ist SPIEGEL-Mitarbeiter. Er fährt einen VW Touran 1,6 TDI mit 105 PS, Baujahr 2011. Sein Wagen ist mit der betrügerischen Software des VW-Konzerns ausgestattet und muss nachgebessert werden. In loser Folge wird er für SPIEGEL ONLINE berichten, wie VW jetzt mit seinen Kunden umgeht. Was zuletzt geschah, lesen Sie hier.
VW verspricht ein Kunststück: Der Autohersteller behauptet, dass mein Touran nach einem Software-Update und dem Einbau eines sogenannten Strömungstransformators die Abgasvorschriften auf ehrlichem Weg erfüllt - und gleichzeitig weder eine merkliche Leistungsminderung noch einen spürbar höheren Verbrauch haben wird.
Ich bin da misstrauisch. Vertrauen in Volkswagen? Kontrolle ist besser!
Also fahre ich mit meinem Wagen auf einen Rollenprüfstand in Hamburg. Dort sollen die aktuelle Leistung und das Drehmoment dokumentiert werden. Wenn der Touran dann von VW zurückgerufen und umgebaut worden ist, werde ich den Rollenprüfstand erneut besuchen und die Werte vergleichen. Zu dieser Prozedur raten übrigens auch Juristen - damit man als Kunde gegebenenfalls etwas gegen VW in der Hand hat.
Am Telefon erhalte ich von dem freundlichen Werkstatt-Mitarbeiter kurzfristig einen Termin. 80 Euro soll mich der Spaß kosten. Drei Tage später fahre ich zum Leistungscheck. Das, was sonst PS-Verrückte mit ihren tiefergelegten Boliden nach dem Chiptuning machen, absolviere ich jetzt mit meiner Familienkutsche.
Jetzt geht es rund: Der Touran wird auf dem Rollenprüfstand getestet
Foto: Spiegel OnlineNachdem ein Techniker den Wagen an die Messgeräte angeschlossen hat, bittet er mich höflich nach draußen - aus Sicherheitsgründen, wie er sagt. Es könnten sich ja Steinchen aus dem Reifenprofil lösen und mich treffen.
Neugierig warte ich vor dem Tor des Messraums. Was die Prüfung wohl ergeben wird? Der Techniker hat mir erklärt, dass er den Motor auf 4500 Umdrehungen pro Minute hochjagt - dann erreicht die Maschine ihre Höchstleistung. Ich spähe durch eines der kleinen Glasfenster, sehe jedoch nicht viel. Aber ich lausche, was in der Box passiert: Mir wird ein bisschen mulmig, als ich den Touran am Anschlag höre - ich selbst habe ihn noch nie mit viel mehr als 3000 U/min gefahren.
Kleine Überraschung - der Touran hat fünf PS dazugewonnen
Kurz danach ist der Spurt auf der Rolle schon wieder vorbei. Ich darf zu meinem Auto und der Techniker gibt mir zwei Ausdrucke, etwa so lang wie ein Bon nach einem Großeinkauf im Supermarkt. Sein Fazit ist positiv - der Motor arbeitet so, wie er soll. Er leistet sogar mehr als in den Fahrzeugpapieren angegeben: Statt der 77 kW (105 PS) bringt er es auf 80,6 kW (110 PS). Auch das Drehmoment liegt leicht über den Werksangaben, hat die Leistungsprüfung ergeben.
Der Tester hatte bereits mehrere betroffene VW-Fahrer auf seinem Prüfstand betreut. Er äußert sich auf Nachfrage skeptisch über die angekündigte Nachrüstlösung mit dem sogenannten Strömungstransformator. Als Fachmann stellt er sich die Frage, die auch viele VW-Fahrer umtreibt: Warum wurde das Teil nicht gleich verbaut, wenn es angeblich nur ein paar Euro kostet? Nach dem Einbau des Transformators werden weitere 80 Euro also wohl gut angelegtes Geld sein.
Dann wird sich zeigen, was das Versprechen von VW wirklich wert ist.
* Der Name wurde von der Redaktion geändert, um sicherzugehen, dass VW den Kollegen nicht anders behandelt als andere betroffene Kunden.