Mercedes S-Klasse Cabrio im Test: Luxus unter freiem Himmel - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Autogramm Mercedes S-Klasse Cabrio: Die Ruhe statt des Sturms

Foto: Daimler

Autogramm Mercedes S-Klasse Cabrio Sei still

Wenn der Fahrtwind die Haare zerzaust und heftig in den Ohren braust - das ist offen Fahren. Nicht so im neuen S-Klasse Cabrio. Dank allerlei technischer Tricks bleibt es darin auch bei geöffnetem Verdeck beängstigend ruhig.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der erste Eindruck: Willkommen auf dem Sonnendeck.

Das sagt der Hersteller: Für Designer Hartmut Sinkwitz ist das Cabrio die "sinnlichste und emotionalste Art, eine S-Klasse zu fahren". Entwicklungschef Thomas Weber sieht das Auto nicht ganz so prosaisch, aber nicht weniger euphorisch als das sechste Mitglied der S-Klasse-Familie: "Noch nie haben wir so viele Modelle in der Luxusklasse angeboten", sagt Weber fast schon aufgekratzt.

Mit ihm distanzieren sich die Schwaben nicht nur von den direkten Konkurrenten Audi und BMW, die für A8 und 7er beide nur zwei Radstände und keine weiteren Karosserievarianten anbieten, sondern nehmen gleichzeitig Kurs auf den englischen Blechadel. An den Rolls-Royce Dawn reicht das S-Klasse-Cabrio zwar nicht heran, weil die Verarbeitung bislang nicht die Manufakturqualität aus Goodwood erreicht. Doch der Bentley Continental GTC ist zumindest für die AMG-Varianten des Cabrios bei Preis und Leistung in Schlagdistanz.

Das ist uns aufgefallen: Draußen tobt der Wind, drinnen bekommt man davon selbst dann nichts mit, wenn man das Dach geöffnet hat. Ein nicht sonderlich attraktiver, aber dafür umso wirkungsvollerer Windabweiser an der Frontscheibe und das elektrisch ausfahrbare Schott hinter der Rückbank bremsen den Fahrtwind auf ein laues Lüftchen herunter.

Doch damit nicht genug: Die Sitze sind klimatisiert, aus der Kopfstütze strömt temperierte Luft, selbst die Konsolen sind beheizt und eine aufwendige Elektronik sorgt bei jeder Wind- und Wetterlage für ein konstantes Wohlfühlklima. Insgesamt zwölf Sensoren messen permanent Luftgüte und -feuchtigkeit sowie die Intensität der Sonneneinstrahlung. Die Elektronik regelt den Luftstrom durch die zwölf einzeln ansteuerbaren Düsen über insgesamt 18 Stellmotoren so feinfühlig, dass unabhängig vom Stand des Dachs immer das gleiche Klima herrscht.

Abgesehen von dieser Luftnummer steht das S-Klasse Cabrio gleichzeitig auch für die immer kleiner werdenden Unterschiede zwischen den einzelnen Modellreihen: Bei gleicher Motorisierung ist zum als Sportwagen deklarierten SL in Sachen Fahrdynamik kaum ein Unterschied spürbar. Dass es für die Open-Air-Version die gesamte Armada der Assistenzsysteme und das komplette Infotainment-Programm aus der S-Klasse gibt - geschenkt.

Tom Grünweg

Unterschiede spürt man eher um Vergleich zu anderen Herstellern - zum Beispiel Rolls-Royce: Während man im Dawn das Fahren wegen seiner Mühelosigkeit fast vergisst, drängt es sich im S-Klasse-Cabrio mehr in den Vordergrund. Man ist der Welt nicht ganz so entrückt, auch das Interieur ist - Großserie vs. Manufaktur - weniger detailverliebt, weniger spleenig, bei aller barocken Opulenz doch geerdeter.

Überhaupt, Stichwort Rolls-Royce: Das S-Klasse Cabrio ist kein Chauffeursauto, bei dem man sich gemütlich im Fond lümmelt. Trotz fünf Metern Länge und fast drei Metern Radstand ist der Platz auf der Rückbank eher knapp bemessen, eine lange Urlaubsreise im Kreis der Familie mag man damit nicht antreten. Dafür gibt es übrigens noch einen zweiten Grund: Trotz der automatischen Trennwand für den Kofferraum, die automatisch mit dem Dach nach oben surrt, wächst das Ladevolumen bei geöffnetem Verdeck lediglich von 250 auf 350 Liter und erreicht so gerade Mal das Niveau eines VW Golf. Das ist die Kehrseite eines Verdecks, das so stabil ist, dass man es noch bis Tempo 60 bewegen kann, und so dick gefüttert, dass man unter dem geschlossenen Dach von Lärm und Luft nichts mehr mitbekommt. Weil das im Prinzip aber bei allen Cabrios so ist, ärgert man sich viel mehr über den unter der Mittelarmlehne versteckten Schalter für das Verdeck.

Das muss man wissen: Wenn die S-Klasse in diesen Tagen zu Preisen ab 139.052 Euro in den Handel kommt, gibt es zunächst zwei V8-Varianten: Den regulären S 500 mit mehr als ausreichenden 455 PS und das hier vorgestellte AMG-Modell mit seinem 585 PS starken V8-Motor. Das kostet ziemlich genau 50.000 Euro mehr, für die man allerdings eher Prestige als Performance einkauft, der Zugewinn an Fahrspaß hält sich in sehr überschaubaren Grenzen: Auch 900 Nm Drehmoment, der Allradantrieb und ein Sprintwert unter vier Sekunden machen aus dem ausladenden Koloss selbst mit dem strammsten Setup für die Luftfedern und den bissigsten Bremsen kein handlicher Kurvenräuber.

Was man beim Verzicht auf den AMG-Motor spart, kann man getrost in die Extras investieren, von denen es mal wieder reichlich gibt. Denn als wäre der Luxusliner nicht schon 15.000 Euro teurer als das Coupé, muss man für all die komfortablen Cabriohelfer noch mal tief in die Tasche greifen: Der Airscarf kostet 774 Euro, die Aircap 1178 und die Klimasitze 768 Euro.

Das werden wir nicht vergessen: Wo andere Cabriohersteller stolz sind auf einen Onlinewetterbericht oder einen eingebauten Regenwarner, macht die S-Klasse ihr Klima gleich selbst. Zur elektronischen Wetterküche mit den zwölf Sensoren und 18 Stellmotoren gibt es deshalb wie in allen anderen Modellvarianten auch den elektronischen Parmfümspender im Handschuhfach. Im offenen Auto verweht es den Duft zwar sofort. Doch wer die spezielle Cabriomischung "Pacific Mood" bestellt, für den fühlt sich auch ein Regentag unter geschlossenem Dach gleich ein bisschen sommerlicher an.