Autogramm Fiat Tipo: Mal ehrlich
Autogramm Fiat Tipo Einfach so
Der erste Eindruck: Schlicht - in der dicht besetzten Kompaktklasse ist der neue Fiat Tipo eher Mitläufer als Blickfang.
Das sagt der Hersteller: Gut ein Jahr nach dem Ende des Modells Bravo feiert Fiat-Europachef Luca Napolitano mit dem Tipo die Rückkehr in die Kompaktklasse. Allerdings sehen die italienischen Manager den Wagen nicht als schillernden Star, der mit schickem Design und jeder Menge Hightech aufwartet, sondern vielmehr in der rationalen Ecke. Das Auto soll vor allem durch den Preis überzeugen: "Von vielen Wettbewerbern trennen uns zum Teil mehrere tausend Euro", sagt Fiat-Sprecher Florian Büngener.
Das ist uns aufgefallen: Silikongedämpfte Haltegriffe, Klavierlack auf den Konsolen, Soft-Touch-Oberflächen und Heizdrähte im Lenkrad? Nicht beim Fiat Tipo. Während vor allem die deutschen Konkurrenten ihre Kompaktautos mittlerweile auf- und ausrüsten wie Luxuslimousinen, schenken sich die Italiener solche Sperenzchen. Stattdessen gibt es ein funktionales, etwas farbloses Cockpit. Man blickt auf das teilweise harte Kunststoff, grobe Maserungen und auch auf ein paar scharfe Kanten.
Weil es sonst nichts gibt, woran der Blick hängen bleiben könnte, wird die Aufmerksamkeit fast zwangsläufig auf die eigentliche Stärke des Tipo gelenkt: Das üppige Platzangebot für Kinder, Koffer und allerlei Krimskrams. Denn bei 4,37 Metern Länge und 2,64 Metern Radstand sitzt man auch in der zweiten Reihe überraschend gut, der Kofferraum zählt mit 440 Litern Fassungsvermögen zu den größten in der Klasse und wo man keinen Bauraum für etliche Schalter zur Aktivierung meist überflüssiger Extras braucht, da hat man Platz für riesige Ablagen.
Natürlich wirkt der Tipo mit diesem Ambiente in Zeiten animierter Cockpits und vernetzter Nobel-Lounges altbacken. Und dass es im Innenraum nicht nach Leder, sondern ganz dezent nach Lösungsmittel und Kunststoffpflege riecht, macht die Sache nicht besser. Aber die selbst gewählte Armut hat auch ihren Charme: Weil einem Fiat gar nicht erst einen Premiumanspruch vorgaukelt und aufrecht zu diesem Ambiente steht, ist der Fünftürer eines der ehrlichsten Autos dieser Klasse: Er verspricht nichts, was er nicht halten kann.
Das zieht sich durch bis zur Ausstattung, die gar nicht erst den Versuch macht, mit VW Golf und Co. mitzuhalten. Warum die Entwicklung teurer LED-Scheinwerfer finanzieren, wenn sie am Ende doch nur in ein paar Vorführwagen eingebaut werden? Warum mehr Assistenzsysteme einbauen, als ein Verkäufer erklären kann? Und wer braucht ein High-End-Audiosystem in einem Auto, das in der Basisversion weniger kostet als manche Stereoanlage? Klar gibt es ein Navi, sogar mit Onlinedaten und demnächst auch mit Apple CarPlay und Co. Es gibt einen Tempomat mit Abstandsregelung und eine automatische Notbremsfunktion auf Radarbasis. Aber es gebe keinen Luxus, den sich Fiat-Kunden ohnehin nicht leisten wollen, sagt Büngener. Er schätzt, dass selbst die durchaus verfügbaren Lederpolster nur sehr wenige Kunden bestellen werden.
So unprätentiös der Tipo auftritt, so fährt er auch. Eher gutmütig abgestimmt, weich gefedert und in der Lenkung ein bisschen unentschlossen, ist er grundsolide unterwegs und fühlt sich auf allen Straßen gleich an. Fahrfreude stand sicher nicht zuoberst im Lastenheft der Entwickler. Aber ein Auto wie den Tipo fährt man nicht aus Spaß am Unterwegssein oder um den Nachbarn zu imponieren, sondern weil man tatsächlich von A nach B gelangen will.
Das muss man wissen: Der Tipo, den es vor knapp 30 Jahren schon einmal gab, ist diesmal keine reine Eigenentwicklung, sondern wurde gemeinsam mit Tofas in der Türkei konzipiert. Dort, in Bursa am Marmarameer, läuft der Wagen auch vom Band. Die Produktion begann bereits Ende letzten Jahres und als Limousine kann man den Tipo auch hierzulande schon seit ein paar Wochen kaufen. Das wichtigste Modell ist aber der Fünftürer mit Schrägheck, den Fiat ab Juni nach Deutschland bringen wird. Im September folgt dann noch ein Kombi - um 20 Zentimeter länger und groß genug für mindestens 550 Liter Gepäck.
Die Preise beginnen bei 13.990 Euro für das Stufenheckmodell, 14.990 Euro für den Fünftürer und vermutlich 15.990 Euro für den Kombi. Doch weil Fiat schon zum Start mit 2000 Euro Eintauschprämie lockt, wird der Tipo nochmals billiger und konkurriert im Grund nicht mit anderen Kompakt-, sondern mit Kleinwagen. Wie bei der Ausstattung fährt Fiat auch beim Antrieb einen sehr rationalen Kurs. Es gibt je zwei Benziner und zwei Dieselmotorisierungen mit jeweils 95 oder 120 PS.
Das werden wir nicht vergessen: Gänzlich frei von der Schönfärberei hat sich Fiat dann doch nicht gemacht. Deshalb überrascht der "Geiz-Golf" mit zwei noblen Details, die im tristen Ambiente umso deutlicher hervorstechen. Der Zündschlüssel ist schwer und liegt in der Hand wie der einer Luxuslimousine. Und das Touchscreen-Navigationssystem ist so bunt und brillant wie der Bildschirm eines Smartphones - bei aller Preissensibilität, so viel Luxus muss offenbar gestattet sein.