Autogramm Nissan Infiniti: Der mit dem Putztuch
Autogramm Infiniti Q60 S Putzblitz
Der erste Eindruck: Schau! Mich! An!
Das sagt der Hersteller: Die Produktplaner von Infiniti räumen gleich ein, dass Coupés nur einen geringen Verkaufsanteil haben. Doch Infiniti-Chef Roland Krueger sagt auch: "Coupés sind elementar für das Image." Der neue Q60 S soll als Verführer auftreten und die Nissan-Tochtermarke Infiniti attraktiver machen. Krueger: "Design ist ein Schlüsselfaktor für die Entwicklung einer starken Marke."
Das neue Modell ist umso wichtiger, als die beiden letzten Debütanten, der Q30 und der QX30, imagemäßig nicht viel bringen, denn es ist offensichtlich, dass es sich bei den Autos um verkleidete Mercedes-Modelle handelt. Nämlich A-Klasse und GLA.
Das ist uns aufgefallen: Die Sitzposition ist tief, die Lehne ist fast so stark konturiert wie ein Baseball-Handschuh, das griffige Lenkrad hat man direkt vor der Brust, rechts ragt ein hoher Mitteltunnel auf und die Scheiben sind schmal wie Schießscharten - wenn man zum ersten Mal hinterm Steuer des Q60 sitzt, fühlt man sich wie in einem Sportwagen und wird viel mehr vom Auto vereinnahmt als in Konkurrenzmodellen wie dem Audi A5 oder dem BMW 4er.
Dabei macht nicht nur der neu entwickelte V6-Motor eine gute Figur, weil sein Turbolader spontan anspricht und man bei 405 PS Leistung und 475 Nm Drehmoment immer ausreichend Druck auf dem Kessel hat. Sondern auch die elektronische Lenkung fühlt sich in diesem Auto sehr viel besser an als zuletzt. Infiniti rühmt sich, mit diesem System als erster Hersteller eine "Steer-by-Wire"-Technik ohne mechanische Verbindung im Lenksystem eingeführt zu haben; bei den ersten Modellen mit dieser Technik jedoch war das Lenkgefühl eher synthetisch.
Jetzt sind offenkundig schnellere Prozessoren und feinfühliger Sensoren am Werk, die bis zu tausend Mal pro Sekunde feinste Lenkanpassungen bewerkstelligen, damit kleinen Korrekturen des Fahrers überflüssig machen und ihm so das Gefühl geben, er halte sauber die Linie. Das wirkt nun viel natürlicher, direkter und mitteilsamer als zuvor, wenn man den Wagen durch die Kurven treibt. Die Lenkung ist zwar noch immer kein Vergleich zur kühlen Perfektion des Audi A5 oder BMW 4ers, aber der Q60 ist bislang der mit Abstand agilste und präziseste Infiniti im Programm.
Unabhängig vom Fahrstil fällt die Opulenz der Gestaltung auf, die den Wagen zu einer interessanten Alternative zu BMW, Audi und Mercedes macht. Ohne dass der Zweitürer schwer wirken würde, hat Infiniti-Designchef Alfonso Albaisa ziemlich dick aufgetragen und dadurch mal etwas Neues im Einerlei der gehobenen Mittelklasse geschaffen.
Man muss den geschwungenen Kühlergrill nicht mögen, der hypnotischen Wirkung der Scheinwerfer nicht erliegen, auch das Heck verlangt ästhetische Toleranz und im Interieur findet man kaum eine gerade Linie. Doch angesichts der zementierten Langeweile der zehntausendfach gesehenen Konkurrenz ist das zumindest neu und erfrischend.
Das gilt selbst für Details wie die Farbgebung. Das in einer eigenen Lackierkabine neben dem normalen Produktionsprozess aufgetragene Sandstein-Rot zum Beispiel ist tief und dicht. Und innen ist der Wagen in manchen Varianten so weiß und rein, dass man sich gar nicht traut, einen Kaffee in die Becherhalter zu stellen oder dem Nachwuchs einen Keks nach hinten zu reichen.
So opulent die Einrichtung, so mager sind die Platzverhältnisse: Offiziell ist der Wagen zwar ein 2+2-Sitzer. Aber die beiden Lederschalen im Fond taugen selbst für Schulkinder allenfalls als Strafbank. Und auch vom Kofferraum darf man bei 342 Litern Volumen und einer hohen Ladekante keine Wunder erwarten. Wer ein praktisches Auto sucht, sollte ein SUV fahren, so die unausgesprochene Botschaft. Davon hat Infiniti ja genug im Programm.
Das muss man wissen: Der Q60 kommt noch im Herbst in den Handel - zunächst mit einem Zweiliter-Turbobenziner mit 211 PS, für den Infiniti mindestens 44.500 Euro verlangt. Der V6 aus dem Testwagen steht mit 56.990 Euro in der Preisliste und fährt serienmäßig mit der elektronischen Lenkung, adaptiven Dämpfern und Allradantrieb vor.
Dass Infiniti im Nissan-Konzern eine besondere Rolle spielt, und der Q60 als neuer Imageträger die volle Aufmerksamkeit genießt, merkt man bis in die Produktion im Werk Tochigi, um die das Unternehmen ein großes Brimborium macht. Denn von den insgesamt 4500 Mitarbeitern dort dürfen nur 216 sogenannte Takumi an den Infiniti-Bändern arbeiten, die für diesen Job noch einmal besonders weitergebildet wurden.
Das werden wir nicht vergessen: Außen glitzert Chrom und der Blick scheint sich im tiefen Lack zu verlieren, drinnen funkeln die Ringe um die Instrumente und die unter Klarlack verwobenen Silberfäden der Zierkonsolen - alles an diesem Auto ist Augenkitzel. Selbst der Bildschirm des neuen Infotainment-Systems ist brillanter als bei der Konkurrenz. Und damit das auch so bleibt, gibt es bei Infiniti ein Extra, das wir so noch in keinem anderen Auto gefunden haben: Ein Putztuch in der Mittelkonsole.
| Hersteller: | Infiniti |
|---|---|
| Typ: | Q60 S |
| Karosserie: | Coupé |
| Motor: | V6-Turbobenziner |
| Getriebe: | Siebengang-Automatik |
| Antrieb: | Allrad |
| Hubraum: | 2.997 ccm |
| Leistung PS: | 405 PS |
| Leistung kW: | 298 kW |
| Drehmoment: | 475 Nm |
| Von 0 auf 100: | 5 Sek. |
| Höchstgeschw.: | 250 km/h |
| Verbrauch (ECE): | 9,1 Liter |
| CO2-Ausstoß: | 208 g/km |
| Kofferraum: | 342 Liter |
| Gewicht: | 1.874 kg |
| Maße: | 4690 / 1850 / 1395 |
| Preis: | 56.990 € |