Design Fahren mit Handbuch
u Hilfe, wo ist jetzt der Scheibenwischer? Es tröpfelt, es prasselt, gleich wird es schütten, und die Scheibe ist schon blind. Vom Wischerhebel keine Spur. Wo er sonst immer verlässlich herausragt, rechts am Lenkrad, da ist er nicht. Also runter von der Straße mit knapper Not, heraus mit dem Handbuch und fleißig geblättert.
Aha, ein Mercedes geruht den Wischer auf der linken Seite zu haben. Dort findet sich, gut versteckt hinter dem Lenkrad, eines dieser Knüppelchen zum Kippen, Drücken und Ziehen, die über und über mit Funktionen beschriftet sind. Dieses hier, so zeigt sich, kann auch noch gedreht werden.
Jedes Mal ein neues Rätsel, wenn man sich heutzutage in ein Mietauto wagt. Wäre die Wahl auf einen Renault gefallen, dann säßen auf dem linken Hebel statt der Scheibenwischer die Hupe und das Licht, letzteres verteilt auf gleich zwei Drehringe nebeneinander. (Wer nicht aufpasst, dreht mit dem Abblendlicht auch das grelle Nebelschlusslicht an, was ein strafbewehrtes Vergehen ist.)
In einem Toyota Lexus wiederum kann man selbst nach dem Heizungsknopf lange suchen. Der Knopf ist weg; es gibt ihn nur noch virtuell: Der Fahrer muss auf einem Bildschirm herumtippen, bis das Heizungsmenü erscheint. Dann studiert er die Verteilung der Schaltflächen, drückt schließlich aufs gewünschte Feld, und schon wird es gemütlich es sei denn, der Bildschirm ist wieder mal verschmiert vom Fingerfett. Es empfiehlt sich, zuvor einen Parkplatz anzusteuern.
Ein modernes Auto will gemeistert sein. Dafür bietet es immer neue Funktionen: vom multipel verstellbaren Lenkrad bis zur Lendenstütze, die sich auf Wunsch aus der Rückenlehne herausbeult. Ein Mercedes der S-Klasse hat so viele Schalter, dass das Handbuch stolz von einem "Cockpit" spricht. Die Piloten gebieten hier über Knöpfe, die SYS heißen, MFA oder RET C. Auch in anderen Modellen sprießen die Schalter; selbst der Golf hat jetzt am Scheibenwischerhebel ein Knöpfchen, auf dem RESET steht.
Die Fahrer können ja gefälligst nachschlagen, aber das ist eine Aufgabe für sich. "So ein Handbuch kommt heute daher wie ein Kinder-Brockhaus", sagt Gert Hack, altgedienter Autotester bei der Zeitschrift "Auto, Motor und Sport". Rund 1500 Modelle hat Hack in seiner Laufbahn ausprobiert, aber auch ihm blühen noch Überraschungen.
Beim Einsteigen fängt es schon an. Wer ahnt denn, dass beim Chrysler Cherokee die hinteren Türen erst aufgehen, wenn man zweimal auf den Knopf fürs Funkschloss gedrückt hat? Das Modell Voyager dagegen springt nur an, wenn die Kupplung voll durchgetreten ist. Das hat Hacks Kollege Thomas Fischer erlebt. "Bei einem Saab wiederum", sagt Fischer, "lässt sich der Zündschlüssel nur abziehen, wenn der Rückwärtsgang eingelegt ist."
Die Autoindustrie spekuliert auf die Trägheit des Fahrers. "Der gewöhnt sich ja schnell an alles", sagt Fischer. So entwickelt ein jeder Hersteller sein höchsteigenes Bedienkonzept. Aber sollten nicht wenigstens die Hebel und Schalter des täglichen Bedarfs auch für den Neuling auf Anhieb erreichbar sein?
Die Zeiten, da Papi sein Lebtag Daimler oder Opel fuhr, sind ohnehin vorbei. Das Mietwagengeschäft blüht; rund vier Millionen Automietverträge im Jahr schließt allein der Marktführer Sixt ab.
Der Mietwagenfahrer erlebt den ganzen Reichtum der Bedienkonzepte und sich selber als Versager: Vorm Losfahren fingert er schon erbittert an den Instrumenten herum, weil der Vormieter das Multifunktionsdisplay auf französische Anzeige umgestellt hat. Später, auf einem Parkplatz, blättert er schwitzend im Handbuch, während die Alarmanlage jault ohne Unterlass nur weil er Funkschloss und Türklinke in unzulässiger Reihenfolge betätigt hat.
"Der Fahrer gewöhnt sich ja schnell an alles"
Zum Höhepunkt kommt es schließlich beim Volltanken. Testredakteur Fischer berichtet von Fahrern, die an der Tanksäule in ihren Wagen herumkriechen und nach einer Viertelstunde schamzerfressen und unbetankt weiterziehen. Sie haben einfach nicht herausgefunden, wie der Tankdeckel zu entriegeln geht.
Früher hatten die Autos bestenfalls ein Schloss am Deckel. Heute ist da meist gar nichts mehr, und der Deckel geht trotzdem nicht auf. (Kleiner Tipp: Den Bodenbereich um den Sitz herum nach Druckknöpfen absuchen! Im Golf ist die erlösende Taste gleich neben der Handbremse.)
So ist das, wenn die Elektronik regiert: Die Hebel und Knöpfe haben sich gelöst von ihren angestammten Plätzen, und nun sind sie auf Wanderschaft. Die Schalter fürs elektrische Schiebedach zum Beispiel verkrochen sich unters Armaturenbrett. Es dauerte Jahre, bis Mercedes auf die Idee kam, sie oben beim Schiebedach unterzubringen, wo früher auch die Handkurbel war.
Auf den Mittelkonsolen nahmen dafür Navigationscomputer, Autotelefone und CD-Wechsler Platz; ohne Copiloten geht da leicht der Überblick verloren. Den größten Beitrag zur Wirrsal leisten die Hersteller von Autoradios, die sich immer winzigere Knöpfe ausdenken und mit Buchstabenrätseln wie "SRC/MDS" beschriften. "Bei manchen Radios", sagt ADAC-Tester Peter Thywissen, "ist schon das Einschalten ein Problem."
Hoffnung gibt allein noch der "Normenausschuss Kraftfahrzeuge". Dort ringen Vertreter der Industrie darum, dass in den verschiedenen Automodellen die Bedienelemente wenigstens einheitlich verteilt werden. Ein mühseliges Geschäft. Jüngstes Beispiel: die neue Halbautomatik, die das Schalten per Knopfdruck erlaubt. Ein Knopf schaltet zum nächsthöheren Gang, der andere zum niedrigeren. Welcher soll nach vorne?
Der Laie würde wohl den vorderen Knopf zum Höherschalten wählen; der Wagen wird davon ja auch schneller. Doch ein jeder Autokonzern hält es nun, wie er mag. Der Trend, sagt Ausschuss-Geschäftsführer Walter Sicks, geht eher zum Gegenteil: Höherschalten nach hinten wie es im Rennsport aus unerfindlichen Gründen der Brauch ist. "Die Hersteller argumentieren: Man wird ja auch nach hinten gedrückt beim Beschleunigen."
Auf einem Feld immerhin konnte der Normenausschuss Maßstäbe setzen: Die wichtigsten Knöpfe sollen in jedem Auto gleich aussehen. Allerdings enthält der Katalog des Ausschusses bereits 200 Standardsymbole. Jetzt heißt es Einhalt gebieten, sagt Sicks. Neue Symbole werden nur noch widerstrebend angenommen.
Hermann Künzner, Ergonomieforscher bei BMW, findet auch, dass es langsam genug ist. In einem Modell der jüngsten 7er Reihe hat er 35 Anzeigen und 65 Bedienelemente gezählt. Darunter ist ein Knopf, der den eingebauten Kassettenspieler veranlasst, etwaige Leerstellen auf dem Tonband zu überspringen. Ob ihn jemals ein Mensch gedrückt hat?
BMW will nun mit der nächsten 7er Reihe die Umkehr einleiten. Das neue System iDrive, das auf der IAA vorgestellt wird, ist von klösterlicher Schlichtheit. Die wichtigsten Funktionen Scheibenwischer, Blinker, halbautomatische Knopfschaltung finden sich direkt am Lenkrad. Ein guter alter Drehknopf am Armaturenbrett bewirkt, dass es wärmer oder kälter wird; ein anderer macht die Musik lauter oder leiser. Viel mehr ist nicht zu sehen.
Den ganzen gewaltigen Rest haben die Konstrukteure weggeräumt in eine Bildschirmsteuerung. Rund 700 Funktionen warten dort auf Wagemutige. Bedient wird nicht durch Herumfingern auf dem Monitor, sondern über einen handgroßen runden Kuppelschalter nahe der Mittellehne, der sich wie ein Joystick in die acht Richtungen der Windrose drücken lässt. So ist er blind zu bedienen: Im Süden ist immer das Entertainment, im Westen das Klima. Wer will, kann sich dort in den Exzessen der Feinabstimmung verlieren und zum Beispiel der Sitzheizung beifahrerseits befehlen, die Lehne um zwei Grad wärmer zu halten als die Sitzfläche.
Wer aber bloß fahren will, muss sich darum nicht kümmern. Das Auto nimmt es ihm nicht einmal übel, wenn er den Draht zum Bildschirm mit der Kombizange durchzwickt.
MANFRED DWORSCHAK