Ford Explorer: Der Wild-West-SUV
Ford Explorer Verhinderter Entdecker
Wenn die Ford-Leute aus Köln diese Zahlen lesen, werden sie vermutlich blass vor Neid. Das europäische SUV-Modell der Marke, der Ford Kuga, fährt nämlich im Geländewagensegment abgeschlagen hinterher. In den USA jedoch verkauft Ford die Geländewagenmodelle wie geschnitten Brot. Und ganz vorne dabei in der Absatzstatistik ist das Modell Explorer: In vier Generationen hat Ford bereits mehr als sechs Millionen Fahrzeuge dieses Typs verkauft; seit dem Jahreswechsel ist die fünfte Auflage am Start, mit beachtlichem Erfolg. Auf Anhieb wurde das Auto in den USA zum "Truck of the Year" gewählt, und allein im Januar unterschrieben fast 7500 Amerikaner einen Kaufvertrag.
Dass der Explorer so hoch im Kurs steht jenseits des Atlantiks, liegt an einem radikalen Kurswechsel. Das Auto wandelte sich vom rustikalen Abenteurer zum modernen Großstadtcowboy: Dandy statt Desperado. Aber der Wagen sieht mit dem vom Land Rover Discovery inspirierten Kühlergrill, der hohen Gürtellinie und dem schmalen Fensterband nicht nur moderner aus als bislang, er verfügt auch über modernere Technik.
Fahrwerk, Assistenzsysteme und vor allem die Motoren würden durchaus auch nach Europa passen. Die Zeit der durstigen V8-Triebwerke ist vorbei, und später soll es sogar erstmals einen Vierzylindermotor mit vergleichsweise mickrigen zwei Litern Hubraum geben. Dank Turbo und Direkteinspritzung entwickelt auch diese Maschine 240 PS. "Der Benzinverbrauch war eines der zentralen Entwicklungskriterien", sagt Amy Marentic, die Leiterin des Produktmanagements. "Wir wollten, dass der Kunde deutlich weniger Geld ausgibt für sein Auto; bei unseren Händlern und auch später an der Tankstelle."
Im Augenblick verkauft Ford den Explorer, der in der fünften Auflage immer noch mehr als zwei Tonnen auf die Waage bringt, ausschließlich mit einem V6-Benzinmotor. Das Aggregat hat 3,5 Liter Hubraum, leistet auf 294 PS und soll im Mittel mit 11,1 Litern zufrieden sein. Das sind immer noch ein paar Liter mehr als beispielsweise ein zeitgemäßer Dieselmotor verfeuert, doch im Vergleich zum Vorgänger reklamiert Ford einen Verbrauchsvorteil von immerhin 20 Prozent.
Wer keinen Allradler braucht, erhält das Trumm auch mit Frontantrieb
Die zwei Zylinder zum V8-Motor fehlen allenfalls beim Motorsound. Denn obwohl die butterweich schaltende Sechsgang-Automatik ordentlich Leistung schluckt, hat der Explorer mit einen Drehmoment von maximal 345 Nm natürlich genügend Kraft für spontane Sprinteinlagen. Von 0 auf 100 beschleunigt der Wagen in knapp neun Sekunden, und dass bei einer Geschwindigkeit von 185 km/h schon wieder Schluss ist, interessiert im Mutterland des Tempolimits keine Menschenseele.
Auch das Fahrwerk ist deutlich besser geworden. Schließlich basiert der Explorer nicht mehr, wie früher, auf eine grobschlächtigen Pickup-Plattform, sondern teilt sich die Bodengruppe mit den Pkw-Modellen Taurus und Flex. Deshalb gibt es sogar eine Basisversion ohne Allradantrieb. Selbst mit 4x4-Paket wird die Hinterachse nur dann automatisch zugeschaltet, wenn es vorne rutschig wird. Das Zusammenspiel der beiden Achsen, die Traktionskontrolle und das Stabilitätssystem kann der Fahrer per Drehschalter auf dem Mitteltunnel regeln: Wie beim damals noch unter Ford-Regie entwickelten Land Rover Discovery gibt es dort ein Terrain-Management-System, mit dem der Wagen auf die jeweilige Fahrbahnbeschaffenheit eingestellt werden kann.
Die größte Überraschung bietet der Innenraum. Er ist dank der auf 5,01 Meter gestreckten Länge zunächst einmal geräumiger geworden, was zur Folge hat, dass man nun auch, nach einer kleinen Kletterei, auch auf den serienmäßigen Sitzen in der dritten Reihe halbwegs ordentlich sitzt, nachdem sie auf Knopfdruck elektrisch aus dem Wagenboden hochgeklappt wurden. Vor allem aber ist das Interieur - für US-Autos völlig untypisch - sehr ansehnlich geraten. Die Instrumente sind fast so hübsch animiert wie die Grafiken auf einem iPad, das Navigationssystem lässt sich ohne zeitraubendes Studium der Betriebsanleitung bedienen und die Sensortasten in der Mittelkonsole würden jedes Showcar zieren.
Der Explorer hätte wohl auch in der alten Welt gute Chancen
Nach ein paar Tagen auf Entdeckungsreise hat man den Explorer so lieb gewonnen, dass man sich den Wagen auch im deutschen Ford-Sortiment wünscht. Klar, an eine Mercedes M-Klasse oder einen BMW X5 kommt er nicht heran, wohl auch nicht an einen VW Touareg. Doch mit Typen wie einem Toyota Land Cruiser, einem Nissan Pathfinder oder einem Jeep Grand Cherokee könnte der Entdecker aus USA locker mithalten.
Das haben offenbar auch die freien Importeure erkannt. Während die offiziellen Ford-Händler entsprechende Nachfragen mit einem freundlichen Kopfschütteln quittieren, findet man bei Spezialisten oder auf den einschlägigen Portalen im Internet eine große Auswahl. Nur so billig wie in den USA ist das Auto hierzulande nicht: Während dort die Preise bei nicht einmal 30.000 Dollar beginnen, werden in Deutschland schon für die Basisversion knapp 40.000 Euro fällig.