Interview mit Designer Gert Hildebrand Aggressionspegel senken
SPIEGEL ONLINE:
Die Retro-Design-Welle ist vorüber, jetzt gilt Crossover-Design als letzter Schrei. Was muss man sich darunter vorstellen?
Hildebrand: Der Begriff Crossover schwirrt ja schon lange durch die Autoszene, doch es ist nur ein neues Wort für ein altes Phänomen, nämlich das der Nischenautos. Die Kunden wünschen sich möglichst individuelle Autos, also versuchen alle Hersteller, neue Fahrzeugtypen zu kreiren. Und so entstehen Fahrzeuge die zum Beispiel halb Kombi und halb Geländewagen oder halb Cabriolet und halb Van sind.
SPIEGEL ONLINE: Ist das ein neuer Trend oder eine vorübergehende Mode?
Hildebrand: Das lässt sich noch nicht eindeutig sagen. Ob daraus ein langfristiger Trend wird, hängt von der sozialen Akzeptanz bestimmter Automodelle ab. Noch vor 15 Jahren hätte sich kaum jemand freiwillig einen Kombi gekauft, denn solche Autos fuhren Handwerker oder Vertreter. Und obwohl heutige Kombis von der Seite betrachtet nahezu die gleiche Silhouette haben wie Kombis vor 15 Jahren, gelten sie plötzlich als modern. Ein Kombi signalisiert, dass sein Besitzer Platz für Freizeitgeräte braucht und ist damit ein Symbol für Wohlstand. Die soziale Akzeptanz hat sich also völlig verändert.
SPIEGEL ONLINE: Welche Werte werden denn von der Flut immer neuer Geländewagen symbolisiert?
Hildebrand: Ich nenne das "Marlboro-Effekt" und meine damit, dass Geländewagen ganz besonders das Freizeitverhalten ihrer Besitzer widerspiegeln. Aber es kommt bei Offroadern noch etwas dazu, nämlich der optische Sicherheitsaspekt. Die breiten Räder, das hohe Fahrwerk, die robuste Karosserie ? das vermittelt ein Gefühl von Sicherheit.
SPIEGEL ONLINE: Welche Veränderungen wird es in den Auto-Innenräumen der Zukunft geben?
Hildebrand: Die Gestaltung des Innenraums wird immer wichtiger, denn Autofahrer wollen unterwegs auf möglichst keine Bequemlichkeit verzichten, die sie von zu Hause gewohnt sind. Das bedeutet, dass die Autos geräumiger werden, dass sie stetig mehr Kommunikations- und Informationselektronik bieten werden, dass neue materialien wie etwa transparente Kunststoffe eingesetzt werden. Wer zu Hause einen transparenten Apple-Computer auf dem Schreibtisch stehen hat, akzeptiert dieses Material auch in seinem Fahrzeug.
SPIEGEL ONLINE: Die Versuche, sogenannte Weltautos zu bauen, sind gescheitert. Lag das am oft ausdrucksarmen Einheits-Design dieser Autos?
Hildebrand: Das Konzept eines Weltautos ist zweifellos in Ordnung, die Ausführungen waren es bislang nicht. Andererseits gibt es ja Weltautos, also Fahrzeuge, die von Kunden in aller Welt gekauft werden. Solche Autos zu bauen gelingt aber nur starken Marken. Autos von BMW, Mercedes oder Porsche zum Beispiel werden überall akzeptiert ? aber sie werden nicht überall produziert und behalten so ihre markenspezifischen Eigenheiten.
SPIEGEL ONLINE: Welche Kriterien werden das Autodesign der Zukunft bestimmen?
Hildebrand: In erster Linie die Kunden. Denn für die künftigen Autokäufer ist Autofahren nichts besonderes mehr. Im Gegenteil: Schon Kinder lernen die Langeweile im Stau oder auf langen Fahrten kennen. Deshalb werden Aspekte wie Bequemlichkeit, Geräumigkeit und Sitzkomfort immer wichtiger. Zum zweiten werden neue Gesetze zum Fußgängerschutz das formale Erscheinungsbild der Autos dramatisch verändern. Die Vorderwagen zum Beispiel werden in Zukunft viel großvolumiger als bisher. Die Aufgabe der Designer ist es, Formen zu finden, die gesetzeskonform und dennoch ästhetisch ansprechend sind.
SPIEGEL ONLINE: Wann ist Auto-Design gut?
Hildebrand: Die Form der Karosserie soll die inneren Werte des Autos, also seine Technik, seine Bequemlichkeit und auch das Image der Marke widerspiegeln. Entscheidend ist es, die Proportionen so zu wählen, dass ein sympathisches Gesamtbild entsteht. Solche Autos treffen stets auf eine große Akzeptanz. So tragen auch Designer dazu bei, den Aggressionspegel im Autofahrer-Alltag zu senken.