Jaguar E-Pace im Test: Schwer sportlich - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Autogramm Jaguar E-Pace: ...und noch ein Kompakt-SUV

Foto: Jaguar

Autogramm Jaguar E-Pace Schwer sportlich

Wie fast alle Hersteller baut nun auch Jaguar einen kompakten SUV. Doch der E-Pace hat seiner Konkurrenz etwas voraus - er hat Sinn für Humor.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der erste Eindruck: Sportwagen auf Stelzen.

Das sagt der Hersteller: Jaguar-Sprecher Richard Agnew führt die Premiere des E-Pace vor allem auf den Erfolg des F-Pace zurück, der vor zwei Jahren als erster SUV der Marke debütierte. Von diesem Modell wurden seither schon mehr als 100.000 Exemplare verkauft.

Ein zweiter, kleinerer Aufguss lag also auf der Hand. Allerdings habe man nicht einfach den F-Pace geschrumpft, sagt Designchef Ian Callum. Der E-Pace darf im Vergleich zum großen Bruder ein bisschen frecher und verspielter sein. Passenderweise wurde der Konkurrent für BMW X1, Mercedes GLA und Audi Q2 unter dem Arbeitstitel "The Cub" entwickelt, ein Begriff, mit dem Engländer gern flegelhafte Jungtiere beschreiben.

SPIEGEL ONLINE

Das ist uns aufgefallen: Einsteigen statt aufsteigen - wenn man sich hinter das Lenkrad des E-Pace setzt, gibt es nicht viel, was an einen SUV erinnert. Trotz der höheren Bodenfreiheit fühlt man sich der Straße näher als in den meisten anderen Autos dieses Typs. Das Cockpit schließt den Fahrer mit einem weit nach unten, zum Mitteltunnel hin gezogenen Steg förmlich ein. Statt über den Dingen zu thronen, wird man von den stark konturierten Sitzen beinahe verschluckt. Wie man es sonst allenfalls noch vom Porsche Macan kennt, nimmt einen dieser SUV förmlich gefangen und vermittelt so schon im Stand ein betont sportliches Gefühl. Kein Wunder, dass die Designer beharrlich von den Genen des F-Type sprechen, die sie mit dem E-Pace ins SUV-Segment übertragen haben wollen.

Selbst wenn der E-Pace die knapp zwei Tonnen Eigengewicht nicht verhehlen kann und der Schwerpunkt - anders als die gefühlte Sitzposition - eben doch höher ist als bei einem Sportwagen, wirkt das Auto dennoch dynamischer als die Konkurrenten. Erst recht das Top-Modell mit dem 300 PS starken Benziner, der laut und vernehmlich knurrt und mit maximal 400 Nm Drehmoment trotz der eher lästigen 9-Gang-Automatik kräftig an der Kette zieht. Lässt man ihn laufen, dann sprintet der E-Pace in 6,4 Sekunden von 0 auf 100 und kommt erst bei 243 km/h aus der Puste.

Die Nähe zum Sportwagen hat nicht nur gute Seiten. Der F-Type hat schließlich schon ein paar Jahre auf dem Buckel, und nachdem die Briten mit dem Range Rover Velar einen neuen Maßstab für Infotainment und Ambiente gesetzt haben, wirkt der nochmals neuere E-Pace trotz des großen Touchscreens, eigenem App-Store sowie den Optionen auf Digitalinstrumente und Head-up-Display eher altbacken. Aber dafür kostet der Wagen auch nur etwas mehr als die Hälfte, was wichtig ist, denn er tritt in einem preislich hart umkämpften Segment an.

Während der Fahrer von großem Sport träumt, ist der E-Pace für die Passagiere ein SUV wie jeder andere. Das kann man in diesem Fall ruhig positiv sehen. Denn obwohl der 4,40 Meter kurze Junior-Jag die mit Abstand schnittigste Karosserie im Umfeld hat, bietet er überraschend viel Platz. Wer sich durch die knappen Türen in den Fond gefädelt hat, staunt deshalb über ausreichend Knie- und Kopffreiheit. Und der Kofferraum ist mit einem Fassungsvermögen von 577 Litern größer als bei den meisten Konkurrenten. Allerdings ist nach oben nicht mehr ganz so viel Luft und auch mit umgeklappter Rückbank ist bei 1234 Litern Schluss.

Das muss man wissen: Der technisch eng mit dem Range Rover Evoque verwandte E-Pace steht ab sofort bei den Jaguar-Händlern und markiert mit einem Grundpreis von 34.950 Euro den neuen Einstieg in die Welt von Jaguar. Dafür gibt es allerdings nur ein ziemlich nüchtern ausgestattetes und mager motorisiertes Auto mit 2-Liter-Diesel und 150 PS. Alternativ bietet Jaguar den Vierzylinder auch mit 180 und 240 PS an. Wer lieber Benziner fährt, steigt mit einem ebenfalls 2,0 Liter großen Vierzylinder noch weiter oben ein: 250, oder wie im Testwagen gleich 300 PS stehen dann im Datenblatt.

Interessant ist auch der Blick auf die Optionsliste. So gibt es zwar allerlei digitale Assistenzsysteme, eine serienmäßige Rückfahrkamera und einen Hotspot für bis zu acht Endgeräte, aber keine spezifischen Gelände-Programme oder sonstige Offroad-Extras. Immerhin ist der Allradantrieb - anders als bei Land Rover ohne Untersetzung - bei den meisten Modellen serienmäßig.

Gebaut wird der E-Pace übrigens nicht in England, sondern als erstes Jaguar-Modell für Europa kommt er von Magna aus Graz, wo demnächst auch der elektrische Geländewagen i-Pace entstehen wird. Wenn stimmt, was man aus Österreich hört, liegt die Kapazität bei 70.000 Autos im Jahr - womit das kleine Kätzchen plötzlich ganz schön groß erscheint.

Das werden wir nicht vergessen: Den Humor der Jaguar-Designer. Diese haben als kleinen Scherz den Sitzen Etiketten mit Raubtierfellmuster verpasst. In Anspielung auf den Projektnamen "The Cub" verfolgt ein Jungtier einen ausgewachsenen Jaguar - und zwar am unteren Rand der Frontscheibe sowie im Schattenriss der Einstiegsbeleuchtung.

Hersteller:Jaguar
Typ:E-Pace
Karosserie:SUV
Motor:Vierzylinder-Benzindirekteinspritzer-Turbo
Getriebe:Neungang-Automatik
Antrieb:Allrad
Hubraum:1.998 ccm
Leistung PS:300 PS
Leistung kW:221 kW
Drehmoment:400 Nm
Von 0 auf 100:6,4 Sek.
Höchstgeschw.:243 km/h
Verbrauch (ECE):8 Liter
CO2-Ausstoß:181 g/km
Kofferraum:577 Liter
umgebaut:1.234 Liter
Gewicht:1.894 kg
Maße:4395 / 1984 / 1649