Lamborghini Gallardo Superleggera: Verzicht aufs Dessert
Lamborghini Gallardo Superleggera Der Leichtathlet
Die Grenze ist in Sicht. "500, 700, 1000 PS - ewig lässt sich das nicht weiter in die Höhe schrauben", sagt Manfred Fitzgerald, Direktor für Brand Design beim italienischen Sportwagenhersteller Lamborghini. Klingt plausibel, weil Autoquartett-Werte in der Vollgasbranche jedoch immer noch wichtig sind, wird neuerdings einfach eine andere Kennziffer in den Vordergrund gerückt - das sogenannte Leistungsgewicht. Fitzgerald: "Nicht die absolute PS-Zahl ist ausschlaggebend, sondern die Zahl der Kilos, die jede Pferdestärke bewegen muss."
Da die PS-Zahl kaum mehr gesteigert werden kann, müssen die Ingenieure sich künftig verstärkt um das Gewicht kümmern und es so weit wie möglich reduzieren. Fitzgerald findet: "1100 Kilo sollten für einen Supersportwagen reichen." Würde ein Lamborghini Gallardo nur noch so viel wiegen (tatsächlich wiegt er 1410 Kilo), sänke sein Leistungsgewicht bei gleichbleibender Motorisierung von heute 2,5 auf dann 2 Kilogramm pro PS.
Abnehmen scheint für Autos aber noch schwieriger zu sein als für Menschen. "In zehn, fünfzehn Jahren", erklärt Fitzgerald, "sollten wir so weit sein." Den Durchbruch sollen Carbonfasern bringen. "Bestimmte Bauteile aus diesen Kohlenstofffäden sind nicht nur um ein Vielfaches stabiler, sondern auch noch um ein Drittel leichter als das gleiche Teil aus Aluminium", so der "Lambo"-Manager.
Das Problem: Bislang lassen sich Carbonteile nur in aufwendiger und damit teurer Handarbeit herstellen und müssen dann in sogenannten Autoklaven, immensen Heizöfen, gebacken werden. Das Verfahren ist kostspielig und verschlingt Zeit - deshalb wird es bislang allenfalls in der Kleinserienfertigung eingesetzt.
Leichtbaukooperation von Flugzeug- und Autobauern
Lamborghini würde Carbonteile gern in größerem Stil einsetzen und treibt daher die Forschung auf diesem Feld voran. Die Sportwagenbauer aus Sant'Agata sind mittlerweile das Carbon-Kompetenzzentrum innerhalb des VW-Konzerns. Zudem finanzieren sie gemeinsam mit dem Flugzeughersteller Boeing einen Lehrstuhl für Kohlenstoff-Konstruktionen. Auch die Luftfahrtindustrie hat ein Gewichtsproblem und muss ihre Jets deutlich abspecken. Deshalb fertigt Boeing den Rumpf des neuen Modells Dreamliner erstmals fast vollständig aus Carbon.
Unter der Führung eines Professors, der bis vor wenigen Jahren noch bei Lamborghini die Entwicklung der Carbontechnologie geleitet hat, forschen jetzt an der Universität Seattle ein gutes Dutzend Studenten an Simulations- und Produktionsverfahren, die der schwarzen Zauberfaser den Weg in die Großserie ebnen sollen. Wie verhält sich Carbon bei wechselnden Temperaturen, unter Spannung oder bei Blitzschlag? Wie kann man das Material günstiger in Form bringen und wie kann man das Verhalten bei Crashtests besser vorhersagen?
Einstweilen stellen sich erste Gewichtseinsparungen auch bei den Lamborghini-Modellen ein. Jüngstes Beispiel ist das Modell Gallardo Superleggera, der ab Ende April zu Preisen ab 208.726 Euro in den Handel kommen wird und damit rund 25.000 Euro teurer ist als das Standardmodell. Dafür wurde das Fahrzeuggewicht im Vergleich zum normalen Gallardo um 70 Kilogramm gesenkt. Durch den Einsatz von Titan- statt Stahlschrauben, von PolyCarbonat statt Glas und vor allem durch die großzügige Verwendung von Carbon, was alleine 40 Kilogramm Ersparnis bringt. Das Leistungsgewicht wurde so von 2,5 auf 2,35 Kilo pro PS gedrückt.
70 Kilogramm weniger - das bekommt man als Fahrer durchaus mit
Das klingt nach einer Marginalie, bedeutet auf der Straße aber durchaus einen Unterschied. Der nun 1340 Kilogramm schwere Gallardo Superleggera benimmt sich spürbar aggressiver. Auch deshalb, weil zur Diät die Leistung des Motors von 560 auf 570 PS gekitzelt wurde. Der Sprint auf Tempo 100 gelingt jetzt in 3,4 Sekunden - das sind drei Zehntel weniger als beim Serienmodell; in der Endgeschwindigkeit sind mit beiden Versionen 325 km/h möglich.
Am Steuer erlebbar wird Abmagerung jedoch weniger auf langen Geraden, sondern vor allem in Kurven. In die lenkt der Wagen jetzt noch williger ein, das Auto wirkt eine Prise exakter und radikaler.
Es gäbe sogar noch weitere Möglichkeiten, das Gewicht zu drücken. Das Radio etwa ist ziemlich überflüssig. Der Zehnzylindermotor ist nämlich überaus laut - und serviert dem Lamborghini-Fan sicher auch den attraktiveren Soundtrack.