Lancia Ypsilon: Außen hui, innen pfui - DER SPIEGEL
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Lancia Ypsilon: Nur ein schöner Schein

Lancia Ypsilon Außen hui, innen pfui

Schicke Kleinwagen liegen im Trend. Schon 1985 baute Lancia mit dem Y10 ein Liliput-Luxus-Auto. Jetzt fährt die vierte Generation vor, das Modell Ypsilon. Erneut soll der Wagen zeigen, dass Premium keine Frage des Preises ist. So richtig gelingt das aber nicht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Chrysler Voyager wird zur italienischen Großraumlimousine mit Lancia-Logo, der Chrysler 300 C tritt in Europa als neuer Lancia Thema an und der Chrysler 200 verwandelt sich in einen Lancia Flavia - von der Identität der ehemaligen Nobelmarke aus Italien ist durch die Zusammenführung von Fiat und Chrysler nicht mehr viel übrig geblieben. Das sieht Lancia-Vorstand Oliver Francois natürlich anders und postuliert den nächsten Neuanfang. Diesmal ist es ein Beginn in bescheidenem Maßstab und zwar in Form des Kleinwagens Lancia Ypsilon.

Für die Marke ist das neue Modell doppelt wichtig ist. Denn erstens tummelt sich das Stadtauto in einem der größten Segmente des europäischen Marktes. Und zweitens ist der Ypsilon mit den italienischen Wurzeln ein wichtiger Kontrapunkt zu den umetikettierten US-Importen. "Wer, wenn nicht der Fiat-Konzern, könnte einen erfolgreichen Kleinwagen entwickeln", fragt Francois rhetorisch. Weil die Antwort für den Lancia-Chef auf der Hand liegt, basiert das Modell Ypsilon auf der weiterentwickelten Plattform der Fiat-Tyen Panda und 500.

Während Fiat die breite Basis bedient, zielt Lancia auf Besserverdiener. "Luxus ist keine Frage der Größe", sagt Francois. Durchaus aber eine des Geldbeutels. Die Preise des Ypsilon werden in Deutschland etwa bei 12.500 Euro beginnen. "Das ist ein echtes Juwel", sagt der Markenchef über das neue Modell. Der erste Eindruck gibt ihm recht: Tatsächlich glänzt der Ypsilon bei der Testfahrt durch triste Turiner Vororte. Der riesige Chromkühlergrill funkelt im Sonnenlicht, die schimmernden Scheinwerfer strahlen und an der Kehrseite glühen aufrecht stehende Rückleuchten wie rubinrote Sicheln. Die Motorhaube ist dank der neuen Proportionen zur Stupsnase geschrumpft, die Flanken sind stark tailliert und tragen erstmals in dieser Baureihe auch Fondtüren und das Heck möchte man instinktiv tätscheln. So weit so gut.

Doch es ist nicht alles Gold, was glänzt - selbst wenn ein Ausstattungsniveau des Ypsilon so heißt. Beim Blick in den Innenraum verblasst der Glanz. Die Platzverhältnisse des 3,84 Meter langen Autos (Radstand 2,39 Meter) sind ganz ordentlich und die beiden Zusatztüren erlauben auch den Hinterbänklern einen verrenkungsfreien Einstieg. Doch die Ausstattung ohne Radio und Klimaanlage für das Basismodell ist alles andere als luxuriös.

Oberflächen, die an die Haut eines alten Nilpferds erinnern

Die Oberflächen erinnern eher an die Haut eines alten Nilpferdes als an Leder und auch dick aufgetragener Klavierlack macht aus Plastik kein Premium. Dazu haben die Sitze zu kurze und zu harte Kopfstützen und die mittig angebrachten Instrumente wirken so deplaziert wie ein 60-Zoll-Fernseher in einer 15-Quadratmeter-Bude. Viel zu groß und von einer knisternden Haube bedeckt, sind sie zudem auch noch schlecht ablesbar, weil die rechte Hand am Lenkrad weite Teile des Tachos verdeckt.

Auch auf der Straße verlangt das Auto Kompromissbereitschaft. Das Fahrwerk ist vergleichsweise einfach gestrickt und kann nicht die Ruhe und Gelassenheit bieten, die man mit dem Begriff Luxus verbindet. Und der Zweizylindermotor - 85 PS und soeben zur "International Engine of the Year" gewählt - hat Macken. Zwar bietet das Triebwerk serienmäßig eine Start-Stopp-Automatik und verbraucht im Schnitt lediglich 4,2 Liter, doch im dafür nötigen Eco-Modus fühlt sich Beschleunigen so an, als sei man mit einem Fahrrad an einem Sandstrand unterwegs.

Man muss kräftig zutreten, und dennoch reagiert der Wagen träge. Im normalen Betrieb ist das zwar deutlich besser, doch wer die maximal 145 Nm des Turbomotors nutzen, in 11,9 Sekunden von 0 auf 100 beschleunigen und irgendwann tatsächlich das Höchsttempo von 176 km/h erreichen möchte, muss einiges in Kauf nehmen: penetrantes Motorbrummen und ständiges Bedienen des hakeligen Fünfgang-Schaltgetriebes.

Stärkster und sparsamster Motor ist der Selbstzünder

Neben dem sogenannten Twin-Air-Triebwerk hat Lancia für den Ypsilon noch zwei andere Motoren im Angebot: Das Basismodell fährt mit einem Vierzylinder-Benziner vor, der aus 1,2 Litern Hubraum 69 PS schöpft und auf 163 km/h beschleunigt. Und wer lieber Diesel tankt, bekommt einen 95 PS starken 1,3-Liter-Motor, der mit 3,8 Litern Durchschnittsverbrauch der sparsamste der Palette ist - und mit 183 km/h zugleich der schnellste.

Zwar sieht Francois die Marke Lancia als Vorreiter beim Luxus-Kleinwagen und erinnert an 2,5 Millionen Ypsilon, die seit 1985 in bislang drei Generationen verkauft wurden. Doch außer dem Downsizing-Motor und einem Einparkautomaten gibt es beim neuen Modell wenig Technologie, die diesen Anspruch stützt. Statt auf Assistenzsysteme setzen die Italiener auf Accessoires. Wer bei 16 Farben, drei Ausstattungslinien, drei Felgenmustern sowie sechs Interieur-Gestaltungen und damit rund 600 Varianten nicht die passende findet, kann den Wagen weiter individualisieren. Zur Wahl stehen neben Spiegelkappen und Zierstreifen auch ein Zündschlüssel, der funkelt wie ein Schmuckstück - mit Strass statt echten Steinen natürlich.

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