Renault Kadjar: Der Nachzügler
Autogramm Renault Kadjar Renault lässt einen fahren
Der erste Eindruck: Liebling, ich habe den Captur gedehnt. Das ist die unmittelbare Reaktion auf den neuen Renault Kadjar, der aussieht wie der schon bekannte Mini-SUV in einem größeren Format.
Das sagt der Hersteller: Man muss den Namen mehrmals aussprechen, bevor einem das Wort Kadjar glatt über die Zunge geht. Der Kunstbegriff soll, so heißt es in einer Mitteilung des Renault-Marketings, "den eigenständigen SUV-Charakter" des Fahrzeugs signalisieren. Der erste Teil der zweisilbigen Modellbezeichnung sei von Allterrain-Quads inspiriert und die Endung erinnere an die französischen Begriffe "agile" und "jaillir", also an Agilität und Wendigkeit. "Insgesamt vereint der Modellname Exotik, Abenteuerlust und den Aufbruch zu neuen Horizonten", heißt es bei Renault weiter. Reichlich kompliziert klingt diese Herleitung, und vielleicht war auch das ein Grund, warum Renault erst jetzt mit dem Kompakt-SUV auf den Markt kommt.
Das ist uns aufgefallen: Einsteigen und wohlfühlen - obwohl das Segment neu ist für Renault, wirkt der Kadjar wie ein guter alter Bekannter und umgarnt vor allem die vorne Sitzenden. Während das Sitzgefühl hinten durchschnittlich ist, nimmt man vorn auf sehr bequemen Sitzen Platz, hat reichlich Bewegungsraum, fühlt sich geborgen und gestützt von einem hohen Mitteltunnel. Und der Blick schweift über eine hübsche Bedienlandschaft, die sich auf dem Armaturenbrett ausbreitet.
Besonders liebevoll wirkt neben der schmucken Schlüsselkarte die Programmierung des digitalen Cockpits und des großen Touchscreens in der Mittelkonsole. Es hat zwar keinen Nutzwert, aber es ist eine schöne Spielerei, wenn man für die Bildschirmdarstellung fünf Farben und vier Stile wählen kann. Außerdem geben solche Details dem Kadjar jene individuelle Note, die ihm außen aus mancher Perspektive fehlt.
Weil das Segment der Kompakt-SUVs so dicht besetzt und fast jede Form schon vorhanden ist, wirkt die Karosserie nämlich je nach Blickrichtung und Bildausschnitt mitunter austauschbar. Hyundai, Mazda, VW, Porsche oder Renault? Würde man das Markenlogo abnehmen, könnte man das womöglich gar nicht mehr so genau sagen.
Zwar bietet der Kadjar eine höhere Bodenfreiheit und einen angedeuteten Unterfahrschutz, doch gemacht ist das Auto natürlich für den Stadtalltag. Das merkt man spätestens am durchdachten Kofferraum. Der ist mit 472 Litern Fassungsvermögen nicht nur groß, sondern dank eines zweigeteilten, doppelten Ladebodens, der auch als Raumteiler dient, gut nutzbar und lässt sich problemlos erweitern. Man muss nur an zwei Haken in den Seitenwänden ziehen, schon legen sich die Rücklehnen flach und bilden einen ebenen Ladeboden.
Das muss man wissen: Wenn der Kadjar Ende Juni zu Preisen ab 19.990 Euro in den Handel kommt, gilt das zwar als große Premiere, doch im Prinzip ist der Wagen ein alter Bekannter. Denn die technische Basis stammt vom Nissan Qashqai, die Renault-Designchef Laurens van den Acker besonders hübsch verpackt hat. "Wenn wir schon nicht bei den Ersten sind, dann wollen wir wenigstens bei den Schönsten sein", sagt der Niederländer.
Schämen muss sich der Kadjar für seine Wurzeln nicht, schließlich zählt der Qashqai zu den erfolgreichsten Modellen im Segment und bietet reichlich nützliche Technik, von der jetzt auch der Kadjar profitiert. So gibt es - zumindest als 2000 Euro teure Option für die Variante mit dem stärksten Dieselmotor - jetzt erstmals bei Renault einen vernünftigen Allradantrieb. Und zwei Kameras, ein Radar- und zwölf Ultraschallsensoren helfen bei der Regelung von Abstand und Tempo, erfassen Verkehrszeichen, halten den Kadjar in der Spur und rangieren ihn fast allein in die Parklücke.
In dieser Klasse eher ungewöhnlich ist die Motorenpalette, denn Renault übt konsequent Bescheidenheit. Der vorerst einzige Benziner entwickelt 130 PS aus 1,2 Litern Hubraum und die beiden Diesel mit 110 oder 130 PS sind 1,5- sowie 1,6-Liter-Motoren. Vorteil dieser Selbstbeschränkung sind vorzeigbare Verbrauchswerte zwischen 3,8 und 5,6 Liter je 100 Kilometer. Wenn man beim Überholen auf der Landstraße mal etwas fester aufs Gaspedal tritt, kommen dafür spontan Zweifel auf, ob so ein kleiner Motor so ein großes Auto wirklich flott vom Fleck bekommt. Die werden jedoch ausgeräumt, sofern man zwei Gänge zurück schaltet und dann ratzfatz am Vordermann vorbei zieht.
Das werden wir nicht vergessen: Es gibt schon so viele Kompakt-SUVs, dass es dem Nachzügler erkennbar schwerfällt, eine eigene Note zu entwickeln. Akustisch immerhin gelingt es - bei den Warnhinweisen. Das Hupen der Einparksensoren klingt noch erfrischend anders, doch wenn die Spurführungshilfe anschlägt, erinnert das eher an Blähungen. Kadjar, bei dir pupst es wohl.