Seat Leon Salsa auf dem Golf-Platz
Jahrelang hat Seat die Mär von der Glut des spanischen Blutes erzählt, die Legende vom feurigen Herzen wiederholt und die mediterrane Lebensfreude beschworen. Doch auf die Straße gebracht hat die südlichste VW-Tochter bei aller im Markenbild beschworenen "auto emoción" bislang nur biedere Einheitskost, bei der allenfalls die grellen Farben oder die starken Motoren der getunten Sportmodelle das Blut in Wallung bringen konnten. Doch seit die Spanier unter die Fittiche von Audi gerückt sind, hat offensichtlich ein frischer Südwind den niedersächsischen Nieselregen weggeblasen.
Die Emanzipation hin zu einem tatsächlich spanisch anmutenden Design begann mit einer Studie, die Seat im Jahr 2000 präsentierte: dem Salsa. "Dieses Fahrzeug war für uns der Zündfunke bei der Neuorientierung der Marke", sagt Seat-Chef Andreas Schleef und zählt im Stakkato die folgenden Meilensteine auf: Vor gut einem Jahr hat der Altea als sportlicher Fünfsitzer mit hohem Dach die Idee des Golf Plus vorweggenommen. Seit rund drei Monaten gibt es einen neuen Toledo, der sich als unkonventionelles Mittelklassemodell vom Stufenheck verabschiedet hat und mit einem eigenwilligen Bürzel am Heck polarisiert.
Und nun zünden die Spanier die dritte Stufe ihrer Image-Rakete - mit der zweiten Generation des Leon, die ab September bei den Händlern stehen wird. Mit einer verführerischen Form, sportlich abgestimmtem Fahrwerk und attraktiven Preisen soll er als "Latin Lover" etwas Salsa-Schwung in die Golf-Klasse tragen und automobilen Herzensbrechern wie dem Alfa 147 das Leben schwerer machen. Möglicherweise wird auch so mancher Golf- oder A3-Interessent schwach - aber immerhin bliebe das Geschäft innerhalb des VW-Konzerns.
| Hersteller: | Seat |
|---|---|
| Typ: | Leon |
| Karosserie: | Kompaktwagen |
| Motor: | Vierzylinder-Turbodiesel |
| Hubraum: | 1.968 ccm |
| Leistung PS: | 140 PS |
| Leistung kW: | 103 kW |
| Drehmoment: | 320 Nm |
| Von 0 auf 100: | 9,3 Sek. |
| Höchstgeschw.: | 205 km/h |
| Verbrauch (ECE): | 5,6 Liter |
| CO2-Ausstoß: | 148 g/km |
| Kraftstoff: | Diesel |
| Kofferraum: | 341 Liter |
| umgebaut: | 1.166 Liter |
| Preis: | 19.190 € |
Das Design des neuen Leon ist zwar - wie bei allen Neuheiten im Seat-Programm - etwas eigenwillig, wirkt aber längst nicht so fremd und ungewohnt wie bei Altea oder Toledo. Das Auto tritt im sportlichen Dress an, während der ersten Testkilometer entlockte die unter der Aufsicht von Design-Chef Walter de Silva entstandene Karosserie einiger Passanten gar anerkennende Pfiffe. Dass die Silhouette nicht einem Coupé, sondern einem Fünftürer gehört, merkt man erst auf den zweiten Blick: Denn das Dach fällt sanft zum runden Rücken hin ab. Außerdem sind - die früheren Alfa-Romeo-Modelle de Silvas lassen grüßen - die Griffe der hinteren Türen geschickt in den winzigen Fenstern vor der C-Säule versteckt.
Die aggressive Frontpartie wird geprägt von den mandelförmig verglasten Scheinwerfern, einem stolzen Seat-"S" im großen Kühlergrill und den wie beim Altea senkrecht in der A-Säule verborgenen Scheibenwischern. Die Flanken ziert statt der üblicherweise deutlich ansteigenden Gürtellinie ein Muskel aus Metall, der von der Mitte aus wieder nach unten weist und dem Wagen so optisch Bewegung geben will. Und der Leon zeigt der Welt eine kesse Kehrseite mit breiten Hüften, schmal geschnittenen Rückleuchten und einem kleinem Fenster.
Zur neuen Form bekommt der Leon auch ein neues Format. Denn auf der Plattform des aktuellen Golf legte der Leon in jeder Hinsicht zu: Die Länge wuchs um 13 Zentimeter auf 4,32 Meter, mit drei Zentimetern mehr Breite steht er satter auf der Straße und zwei Zentimeter Zuwachs in der Höhe bringen etwas mehr Kopffreiheit. Außerdem schafft der von 2,51 auf 2,58 Meter gestreckte Radstand vor allem im Fond etwas mehr Raum für die Knie. Nur mit dem Gepäck müssen die Passagiere weiterhin sparsam sein: Der Kofferraum schluckt 341 Liter, das ist gerade mal ein Liter mehr als bisher. Allerdings kann das Ladevolumen durch Umlegen der Rücksitzlehne auf 1166 Liter erweitert werden. Angeboten wird der Leon zunächst mit drei Benzinern und zwei Diesel-Motoren, die - teilweise mit etwas anderer Leistung - allesamt auch bei VW oder Audi zum Einsatz kommen. Den Einstieg markiert zum Verkaufsbeginn ein 1,6-Liter mit 102 PS (75 kW) für 15.690 Euro. Darüber rangiert ein Zweiliter-Direkteinspritzer, der als Sauger 150 PS (110 kW) und als Turbo 185 PS (136 kW) leistet. Ein Leon FR mit 200 PS (147 kW) ist als Antwort auf den GTI ebenso in Vorbereitung wie der Nachfolger der Vollgas-Variante Leon Cupra, für den Seat mehr als 225 PS (165 kW) in Aussicht stellt. Außerdem soll Anfang nächsten Jahres für die Preiskosmetik auch noch ein 1,4-Liter mit 85 PS (63 kW) das Angebot ergänzen, der dann mit 14.990 Euro das untere Ende der Preisliste markieren wird.
Beinahe bescheiden ist dagegen die Auswahl bei den Dieseln. Dort startet das Programm mit dem 1,9-Liter-TDI mit 105 PS (77 kW) und ist mit dem 140 PS (103 kW) starken Zweiliter auch schon wieder zu Ende. Aber immerhin gibt es bei diesem Motor zumindest die Option auf das Doppelkupplungs-Getriebe DSG. Beide Aggregate erfüllen die Euro4-Norm, sind aber vorerst nicht mit Rußpartikelfilter verfügbar. Den gibt es im Herbst erst einmal zur Nachrüstung und im kommenden Jahr zumindest für den großen Diesel - vermutlich gegen Aufpreis - ab Werk.
Zur Serienausstattung zählen nun bei allen Varianten unter anderem sechs von acht verfügbaren Airbags, ESP, eine Reifendruckkontrolle und eine ordentliche Auswahl elektrischer Helfer. Wer 2400 Euro in die "Stylance"-Ausstattung investiert, erhält zudem Klimaanlage, Alufelgen, Bordcomputer, Tempomat und eine Musikanlage mit CD-Wechsler.
Was die Designer an Sportlichkeit versprechen, können die Ingenieure durchaus halten: Vor allem auf den eng um den Fels der spanischen Küste geschlungenen Landstraßen macht das aus dem Audi A3 abgeleitete Fahrwerk eine wirklich gute Figur. Kurven nimmt der Leon schnell, stabil und lustvoll, ohne dass sich die Karosserie über Gebühr zur Seite neigen würde. Die Lenkung arbeitet feinfühlig und präzise, die Bremsen packen kräftig zu, das eng gestufte Getriebe macht Gangwechsel zu einem kurzen Intermezzo, und das Beschleunigungsvermögen ist ein Quell steter Freude. Allerdings hat vor allem der große Diesel mit seinen 320 Newtonmeter beinahe mehr Kraft, als dem Auto gut tut. Jeden etwas beherzteren Tritt auf das Gaspedal quittiert der Leon mit dem Aufflackern der Kontrollleuchte der serienmäßigen Traktionskontrolle.
Mit dem neuen Leon tritt Seat laut Michael Grosche, Seat-Chef in Deutschland, vor allem gegen die Kompakten von Opel, Ford und den Importmarken aus Frankreich und Italien an. Und nicht ganz ohne Stolz erzählt der Geschäftsführer, dass schon beim Vorgänger immerhin drei Prozent der Kunden vorher einen BMW gefahren haben. Bei der Aufzählung der potentiellen Wettbewerber verschweigt er allerdings höflich die Schwestermodelle A3 und VW Golf - obwohl ein Fünftürer aus Ingolstadt rund 6000 Euro und das Vergleichsmodell aus Wolfsburg immerhin rund 1600 Euro teurer ist. "Natürlich positionieren wir uns nicht direkt gegen die Modelle aus unserem Konzern. Aber wenn jemand für einen neuen Leon seinen alten Golf in Zahlung geben möchte, dann sind wir darüber auch nicht böse."
Dass der Leon ein besonders sportliches Auto sein soll, haben mittlerweile angeblich sogar die Kunden verstanden. Denn sie sind laut Grosche nicht nur jünger als bei Altea und Toledo, sondern auch sehr viel ambitionierter. "Nicht umsonst wurde schon beim Vorgänger fast jedes dritte Auto mit 140 PS oder mehr ausgeliefert."