Abgewürgt: Deutschland wrackt ab - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Abgewürgt Deutschland wrackt ab

Mit der Abwrackprämie möchte die Regierung den überalterten deutschen Autobestand aufhübschen. Die Idee ist super - greift aber viel zu kurz: Auch für die überfällige Verschrottung hässlicher Modelle, löchriger Autobahnen und kriselnder Konzerne sollte es Staatsknete geben, findet Thomas Hillenbrand.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zugegeben, der Name ist ein schlechter Witz: Umweltprämie nennt die Regierung jene Bonuszahlung, die Autobesitzer neuerdings bei Verschrottung ihrer ollen Möhre einheimsen können. Wer seinen rostigen VW Polo gegen einen nagelneuen Porsche Cayenne GTS eintauscht, bekommt dafür 2500 Euro - ökologisch gesehen natürlich Kappes. Eine richtige Umweltprämie sähe folgendermaßen aus: Wer sein Auto einfach nur abwrackt, der bekommt Geld. Punkt, Aus, Ende.

Sieht man jedoch einmal von dem missratenen Namen ab, ist die Grundidee nachgerade brillant. Vieles im deutschen Verkehrswesen ist ältlich, abgenutzt und gehört auf den Schrottplatz. Durch flächendeckende finanzielle Anreize könnten Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Mobilitätsminister Wolfgang Tiefensee dafür sorgen, dass unsere Straßen schöner werden.

Warum soll es lediglich für alte Autos Bares geben? Mindestens genauso dringend müssten schließlich die zahlreichen Designunfälle der Autobranche entsorgt werden. Das Verkehrsministerium könnte hierzu eine Liste von besonders hässlichen Autos erstellen, die prämienfähig sind. Heiße Kandidaten wären der Ssangyong Rodius (der mit dem schlimmen Heck), der letzte Opel Vectra (der mit der prolligen Chromspange) und der Fiat Multipla (der mit der Hackfresse und dem Silberblick).

Selbst das Keulen ganzer Baureihen ist freilich Stückwerk. Ein wahrhaft energischer Verkehrsminister würde gleich ganze Fahrzeugkategorien abwracken, zum Beispiel die unsäglichen Sport Utility Vehicles (SUV). Für jeden platt gemachten Geländewagen gäbe es dann vom Staat 10.000 Euro - aber nur, wenn der Halter gleichzeitig einen Fiat Panda kauft.

Yes, we can wreck

Die Amerikaner sind uns beim Thema Abwrackprämie bereits enteilt. Sie halten sich nicht mit Kleinklein auf, sondern wracken gleich komplette Autofirmen ab. Zum Beispiel den General-Motors-Konzern: Dessen Chef Rick Wagoner bekam vom US-Kongress unlängst eine Umweltprämie in Höhe von 13,4 Milliarden Dollar ausgezahlt. Im Gegenzug soll er nun die Marken Pontiac, Hummer und Saab abwracken, bis zur letzten Radmutter.

Da ginge auch bei uns noch einiges, schließlich ist die Liste der automobilen Ärgernisse länger als die Deutsche Alleenstraße. Der Großteil des verwirrenden Schilderwalds gehört zum Beispiel endlich abgewrackt. Das könnten die Bundesbürger selbst erledigen, mit Tiefensees Hilfe: Wer ein Verkehrszeichen umhaut und dafür einen Baum pflanzt, erhält fortan 500 Euro.

Auch die löchrige A1 zwischen Bremen und Münster gehört weggekloppt, ebenso wie die unter Humoristen auch als Ruhrschnellweg bekannte A40. Ferner gehören sämtliche Coach-Busse verschrottet, zwecks Erhöhung der Verkehrssicherheit: Diese Musical-Transporter werden von den wohl schlechtesten Autofahrern des Planeten gesteuert.

Also Frau Merkel, werfen Sie die Schrottpresse an! Öffnen Sie die Staatsschatulle - und wir wracken nicht nur unsere Autos ab, sondern gerne auch die Stadt Duisburg, die Sozialdemokratische Partei Deutschlands und sämtliche Frankfurter Großbanken. Ach, die haben Sie schon abgewrackt? Verdammt, dann ist der Prämientopf wohl bereits leer.

Mehr lesen über

Verwandte Artikel