Porsche-906-Replika Comeback im Hinterhof
Porsche-906-Nachbau: Rennwagen ohne Motor
In so einer Gegend sollen Träume wahr werden? Fast eine Stunde lang dauert die Fahrt aus dem Zentrum von Buenos Aires gen Norden, die Fabriken von VW und Ford liegen bereits zurück und jetzt säumen Wohnsilos und schmuddelige Einkaufszentren, Industriegebiete und Schrottplätze die Straße. Noch drei Kreuzungen, zwei Kurven, einige hundert Meter Schotterpiste: Das Ziel ist erreicht. Rodrigo Abad erwartet uns schon vor einer Art Gartenhütte und öffnet die Tür zu einer anderen Welt. Hier betreibt er zusammen mit seinem Vater und seinen beiden jüngeren Brüdern eine Oldtimer-Werkstatt, in der vor allem Alfa-Romeo- und Lancia-Typen repariert werden.
Irgendwann reifte zwischen Öldosen und Schraubenschlüsseln eine kühne Idee. "Wir wollten unser eigenes Auto bauen, eine schöne Replika", sagt Rodrigo Abad, der Konstrukteur unter den Mechanikern. Ein alter Rennwagen sollte es sein, und zwar ein außergewöhnlicher, denn Nachbauten der Shelby Cobra oder des Ford GT gebe es schon genug, so der Firmenchef. "Deshalb haben wir uns den Porsche 906 ausgesucht, denn diesen Rennwagen gibt es bislang nur im Original." Gab muss es eigentlich heißen, den in Kürze wird der Nachbau aus dem Hause Abad fertig sein.
Vom Originalauto wurden in den Jahren 1965 und 1966 lediglich 52 Standard-Modelle und 13 Prototypen gebaut. Das Rennauto ist eine Rarität. Falls doch mal ein Auto dieses Typs angeboten wird, "zahlt man mindestens 600.000 Euro", sagt Vater Isidoro Abad.
Die erste Idee zu dem Nachbau und der Gründung der Firma "Vintage Racing Cars" liegt zehn Jahre zurück, jetzt geht die 906-Replika endlich an den Start. "Zwei Monate noch", schätzt Rodrigo, "dann sind wir mit dem ersten Auto fertig". Dass die Entwicklung so lange dauerte, liegt an den beschränkten Mitteln der Familientruppe. Rodrigo hat das Originalauto zwar ein paar Mal gesehen, doch das Muster für den Nachbau hat er vor allem nach Fotos und Spielzeugautos modelliert. Bis allein ein Zulieferer für die stark gebogene Frontscheibe gefunden war, dauerte es mehrere Jahre.
Der Nachbau der Rennsportikone entstand in zehnjähriger Arbeit
In mühevoller Kleinarbeit entstand jedoch eine ziemlich originalgetreue Nachbildung jener Flunder, die 1966 die Targa Florio gewann und in Le Mans die Plätze zwei, drei und vier belegte. Kaum einen Meter hoch und etwas mehr als vier Meter lang duckt sich der Feger auf die Straße und bietet unter seinen Flügeltüren nur mäßig Platz für zwei schmächtige Rennfahrer in engen Schalensitzen.
Die Karosserie des Abad-Nachbaus, die wie beim Original aus Kunststoff hergestellt wird, besteht aus 60 Teilen. Überall in der Werkstatt liegen große und kleine Schablonen, die zum Schutz vor Verwechslungen bunt angestrichen sind. "Das rote sind die Formen, das weiße die fertigen Teile", sagt Sebastian Abad, der jüngste des Familien-Quartetts.
Das Kunststoffkleid sitzt auf einem Käfig aus Stahlgitterrohren, den Rodrigo ein wenig optimiert hat. "Für mehr Sicherheit haben wir dickere Rohre und eine steifere Konstruktion gewählt", sagt Konstrukteur Rodrigo; dadurch wurde das Auto auch schwerer. Während das Original 675 Kilogramm auf die Waage brachte, wird die Replika deshalb etwas mehr als 700 Kilo wiegen. Bei mehr als 200 PS dürfte das aber nicht ins Gewicht fallen.
Der Nachbau stimmt bis aufs Detail - nur einen Motor gibt es nicht
Karosserie und Fahrwerk, der spartanische Innenraum und sogar die typische Motorraumabdeckung aus gelblichem Plexiglas sind mit großer Detailgenauigkeit ausgearbeitet. Im Heck des Boliden jedoch herrscht gähnende Leere. "Gebrauchte Porsche-Motoren und -Getriebe sind in Argentinien kaum zu bekommen", sagt Rodrigo Abad, "deshalb verkaufen wir den 906 ohne Antrieb". Das Original war mit einem zwei Liter großen und 210 PS starken Sechszylinder-Boxermotor bestückt; im Nachbau ist Platz für einen luftgekühlten Boxermotor, wie ihn Porsche im Modell 993 bis 1997 verbaut hat. Bis zu 285 PS sind damit möglich und eine Spitzengeschwindigkeit von 280 km/h wohl auch.
Künftig würden die Abads gerne fünf Porsche-906-Nachbauten pro Jahr herstellen. Die Frage aber ist, wer die motorlosen Rennwagen kaufen soll. In Argentinien dürfte die Zahl der Interessenten recht überschaubar sein. Porsche verkauft in dem Land pro Jahr lediglich gut hundert Neuwagen, ein Porsche-Nachbau ohne Motor für umgerechnet 85.000 Euro wird es in diesem Umfeld nicht leicht haben.
Jedoch berichten die Abads über eine rege Nachfrage aus dem Ausland. Das Erstlingswerk soll schon bald nach Japan verschifft werden, und der zweite 906 ist für ein spanisches Rennteam reserviert. Der japanische Kunde aus Yokohama will übrigens demnächst für die Probefahrt nach Buenos Aires kommen. Rodrigo Abad will für diesen Termin den Motor eines Unfall-Porsche einbauen, den er sich vorübergehend gesichert hat. Ob er bei der Gelegenheit auch selbst einmal ans Steuer seines Eigenbaus darf, das weiß der Entwickler noch nicht.