Strandautos: Die kleinen Seefahrer - DER SPIEGEL
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Strandautos: Badewännchen auf Rädern

Foto: Keystone-France/ Gamma-Keystone via Getty Images

Strandautos Die kleinen Seefahrer

Ein Kleinwagen ohne Scheiben, Türen und Dach - fertig ist das Strandauto. Die goldene Ära der puristischen Mobile läutete einst ein Industriemagnat ein.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Manchmal reicht das dringende Bedürfnis eines Einzelnen, um einen neuen Autotyp zu kreieren. Der italienische Industrieboss Giovanni Agnelli, in den Fünfzigerjahren Vizepräsident des Autobauers Fiat, wollte standesgemäß mobil sein, wo immer er mit seiner Jacht vor Anker ging. Also fuhren seine Mitarbeiter stets ein schickes Auto von Hafen zu Hafen, damit man dem Boss beim Landgang kein schnödes Taxi rufen musste. Signore Agnelli wollte es jedoch noch eine Spur exklusiver: Er ließ sich ein Auto bauen, das auf seinen Zweimaster passte. So begann die Ära der Strandautos.

Die Wahl für das Basismobil fiel auf den damals gerade erst vorgestellten Fiat Nuova 500, eine Art italienischer Volkswagen der Nachkriegszeit. Mit knapp drei Metern Länge und einem Gewicht von nur 470 Kilogramm ließ er sich gut auf Agnellis Jacht verstauen. Der Karosseriebauer Ghia wurde dann damit beauftragt, ein sommerliches Design zu gestalten. Binnen vier Monaten war das Werk vollendet: Ein Auto, so luftig wie ein Bikini, süß wie Stracciatella-Eis und lässig wie eine Sonnenbrille im Haar.

Dem Klima mediterraner Hafenstädte angepasst entfernte Ghia die Türen des Fiat 500, verkürzte die Frontscheibe und kappte das Dach. Den Innenraum überspannte er mit einem Schattenspender aus Stoff. Extravagant und praktisch zugleich waren die Sitze aus Korbgeflecht, denn auf ihnen konnte man auch in noch feuchter Badekleidung unbedenklich Platz nehmen und zur nächsten Pizzeria, zurück zum Hafen oder in eine Villa mit Blick aufs Meer fahren.

Ein Exemplar des Fiat 500 Jolly

Ein Exemplar des Fiat 500 Jolly

Foto: Bonhams/ Pawel Litwinski

In der Welt der Schönen und Reichen avancierte das Auto bald zum Must-have-Accessoire. Um die Nachfrage der Jetset-Freunde des Chefs zu bedienen, fertigte Fiat eine Kleinserie des 500 Jolly genannten Sommerautos. Rund 700 Exemplare wurden gebaut, etwa hundert davon existieren heute noch. Wer so ein Auto besitzt, darf sich glücklich schätzen - die Auktionspreise für gut erhaltene Modelle lagen in den vergangenen Jahren zwischen 60.000 und 100.000 Euro.

Das kecke Italo-Jetset-Mobil war aber nur der Anfang. Denn andere Hersteller kopierten bald die Idee eines Minimalmobils für die Sommerzeit und entwickelten sozusagen weitere Flipflops auf Rädern: etwa den BMW Isetta 600 Moretti (1958), den VW Buggy (1962), den Mini Moke (1964), den Renault R4 Plein Air (1968) oder den DAF Kini (1966), ein Sondermodell für das niederländische Königshaus.

Wagenpflege mit dem Wasserschlauch

Eines der erfolgreichsten Sommer-Sonne-Strandautos war der 1968 vorgestellte Citroën Méhari. Das offene Freizeitmobil verzichtete auf Türen und besaß ein Verdeck, das sich bis zum Karosseriegürtel abnehmen ließ. Für maximale Frischluftzufuhr konnte zusätzlich noch die Frontscheibe nach vorne umgeklappt werden. Man saß in dem Gefährt dann wie in einer rollenden Badewanne. Neu beim Méhari war die Karosserie aus ABS-Kunststoff. Dieses leichte Material sorgte für das geringe Gesamtgewicht des Fahrzeugs von 555 Kilogramm.

Citroën Méhari

Citroën Méhari

Foto: Citroen

Das unprätentiöse Auto war extrem vielseitig einsetzbar, beispielsweise als Jagdfahrzeug, Golfcart oder Polizeiwagen. Das französische Militär schätzte vor allem die Allradvariante des Méhari. Das Modell bot eine enorme Bodenfreiheit und schaffte problemlos Steigungen von bis zu 60 Prozent. Praktisch war die Plastikbauweise obendrein, denn nach einer Fahrt durchs Gelände konnte man den Wagen nicht nur außen, sondern auch innen einfach mit einem Wasserschlauch ausspritzen.

Obwohl auf den ersten Blick nicht ersichtlich, stammten viele Bauteile des Méhari (der übrigens nach dem nordafrikanischen Renndromedar benannt ist) aus dem Citroën 2CV, besser bekannt als Ente: Beispielsweise der Rahmen, der Boxermotor mit 28,5 PS Leistung sowie die Krückstockschaltung. Knapp 150.000 Exemplare des Méhari wurden gebaut. In Deutschland jedoch blieb der Wagen eine Seltenheit. Das lag daran, dass man ihn hierzulande nur mit Sonderzulassung fahren durfte - eine allgemeine Zulassung verweigerte der TÜV. Grund dafür: Die Kunststoffkarosserie schien den Prüfern nicht ausreichend feuerfest. In Frankreich sah man die Sache dagegen nicht so brenzlig und setzte den Méhari als Feuerwehrfahrzeug ein.

Teurer Spaß

Erst vor wenigen Monaten, also fast ein halbes Jahrhundert nach dem Original, ließ Citroën das Strandauto wieder aufleben und präsentierte den eMéhari. Die Neuauflage wird, der Name lässt es schon vermuten, von einem Elektromotor angetrieben und kostet mindestens 27.000 Euro. Ein teures Vergnügen für ein Auto, dessen Interieur von Hartplastik dominiert wird und das eigentlich nur für Spaßfahrten bei gutem Wetter zu gebrauchen ist.

Generell gilt, dass es im kleinen Segment der Strandautos ohnehin keine Schnäppchen gibt. Sehr gut erhaltene Méhari-Modelle aus den Sechziger- und Siebzigerjahren werden auf einschlägigen Internetportalen für Preise jenseits von 25.000 Euro gehandelt. Ähnlich verhält es sich mit dem britischen Mini oder Austin Moke. Exemplare des VW Buggy oder des Renault R4 Plein Air findet man auch günstiger - doch dann sollte man ausreichend Schrauberstunden einkalkulieren.

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