Assistenzsysteme auf der IAA: Zittern im Lenkrad - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Assistenzsysteme auf der IAA Zittern im Lenkrad

Sie sind zusätzliches Auge und Ohr für den Autofahrer und noch viel mehr. Auf der IAA stellen Hersteller ihre neu- und weiterentwickelten elektronischen Helferchen wie Brems- und Stauassistenten und Nachtsichtsysteme vor.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ingolstadt/München - Das größte Risiko beim Autofahren ist der Mensch. "Die Statistiken zeigen sogenannte mentale Faktoren als häufigste Ursache für Unfälle mit Todesfällen", sagt Alejandro Vukotich, der bei Audi in Ingolstadt die Entwicklung von Assistenzsystemen leitet. Die meisten Crashs ereignen sich demnach, weil der Fahrer unaufmerksam, abgelenkt oder von der Situation überfordert ist. Um das Risiko und die Opferzahl zu verringern, lassen die Entwickler deshalb den Schwarm elektronischer Schutzengel weiter wachsen, wie auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt/Main (15. bis 25. September) deutlich wird.

Immer früher sollen die Assistenzsysteme den Fahrer auf mögliche Gefahren hinweisen und ihm zum Beispiel bei schlechter Sicht buchstäblich die Augen öffnen. Um Auffahrunfälle zu vermeiden, hat in der neuen S-Klasse von Mercedes ein weiterentwickelter Bremsassistent seine Weltpremiere. Er soll mit einem Radarsensor bis zu 150 Meter nach vorne schauen und vor drohenden Kollisionen warnen. "Verringert sich der Sicherheitsabstand, wird anhand der Radardaten die entsprechende Unterstützung berechnet, die der Bremskraftverstärker liefern muss, um einen drohenden Auffahrunfall zu vermeiden", erklärt Mercedes-Sprecher Norbert Giesen. Sobald der Fahrer auf das Pedal tritt, stehe die jeweils optimale Bremskraft zur Verfügung.

Notbremsung beim Nissan Cima

Auf den Testgeländen der Zulieferer und bei einigen japanischen Limousinen für den asiatischen Markt geht der Eingriff noch weiter. "Erkennt der Bordcomputer dort einen nicht mehr zu vermeidenden Unfall, wird zum Beispiel beim japanischen Flaggschiff Nissan Cima automatisch eine Notbremsung ausgelöst", sagt Nissan-Sprecherin Kirsten Schmitz in Brühl.

Aber die Abstandsmessung ist nicht nur ein Sicherheitsmerkmal. Auch den Komfort können die Hersteller damit erhöhen. So hat der Zulieferer Bosch aus Stuttgart einen Stauassistenten angekündigt, der den richtigen Abstand zum Vordermann hält. Das System basiert auf den bekannten Abstandsregeltempomaten, deren Wirkungsbereich nach Angaben des Unternehmens erweitert wird. So funktioniert das System zum Beispiel in der S-Klasse künftig bis zum Stillstand und beschleunigt den Wagen auch wieder automatisch, wenn der Verkehr wieder rollt.

Auch Audi will den Fahrer mit Elektronik-Hilfe auf mögliche Fehler aufmerksam machen und ihn laut Entwickler Vukotich "bei der Bewältigung riskanter Situation unterstützen, ohne ihn aus der Verantwortung zu nehmen". Deshalb bringen die Bayern auf der IAA im Geländewagen Q7 gleich zwei neue Assistenzsysteme. So sollen Radarsensoren beim Spurwechsel den Schulterblick ergänzen und den Fahrer vor anderen Autos im Toten Winkel oder auf der Nachbarspur warnen. Damit Fahrer nicht von der Ideallinie abkommen, wird zudem eine Video-Kamera hinter dem Rückspiegel die Spur überwachen.

So wie bei Citroën derzeit Infrarot-Sensoren einen Vibrationsalarm im Fahrersitz auslösen, wird im Q7 ein Zittern im Lenkrad den Fahrer beim unbeabsichtigten Verlassen der Fahrspur zur Ordnung rufen. "Dabei kann jeder Fahrer selbst die Toleranzschwelle und die Stärke des Warnsignals einstellen", sagt Vukotich.

Verschärfter Blick durch Night-Vision

Besonderes Augenmerk legen die Autohersteller auch auf Fahrten bei Nacht. Weil Sicherheitsforscher etwa bei Mercedes davon ausgehen, dass bei rund jedem zweiten Nachtunfall auch die schlechte Sicht eine Rolle spielt, soll die Elektronik dem Autofahrer nun buchstäblich die Augen öffnen: Nachdem seit rund drei Jahren das Kurvenlicht die Orientierung erleichtert, sollen nun bei Mercedes und bald auch bei Audi die ersten Nachtsichtsysteme auf den deutschen Markt kommen.

Wie weit die Unterstützung dabei gehen kann, zeigt der Zulieferer Siemens VDO aus Schwalbach (Hessen). Dort läuft nach Angaben des Unternehmens bereits der Prototyp einer künftigen Night-Vision-Generation, deren Elektronik bei Dunkelheit auch Fußgänger erkennt und auf dem Monitor oder Head-up-Display markiert. "So wird der Fahrer auf das Kind auf seinem morgendlichen Schulweg oder den Jogger in der Dämmerung hingewiesen, noch bevor der Fußgänger vom Lichtkegel erfasst oder vom Auge erkannt worden ist", erklärt Projektleiter Heinz-Bernhard Abel.

"Generell lässt sich mit intelligenten Assistenzsystemen das Unfallrisiko nachweislich senken", sagt Andre Seeck von der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) in Bergisch Gladbach. Das habe zuletzt das ESP bewiesen. Allerdings müssten elektronische Nothelfer dafür einige Grundprinzipien berücksichtigen: "So darf der Fahrer nicht mit unnötigen Hinweisen überlastet werden, wenn eine kritische Situation ohnehin seine ganze Aufmerksamkeit fordert", sagt Seeck. Zudem müsse er immer wissen, wann und wie ihn ein System unterstützen kann. "Sonst überträgt er der Elektronik zu viel Verantwortung, zieht sich aus dem Regelkreis zurück und wird zum Passagier."

Sämtliche Eingriffe in die Fahrzeugbedienung müssten heute auch aus rechtlichen Gründen so angelegt sein, dass sie vom Fahrer immer übersteuert werden können. "Wenn man diese Grundsätze berücksichtigt, können solche Systeme einen großen Beitrag zur weiteren Erhöhung der Verkehrssicherheit leisten", sagt der BASt-Forscher.

Mehr lesen über