Bremssystem: Keilbremse der Kutschenzeit - DER SPIEGEL
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Bremssystem Keilbremse der Kutschenzeit

Zentimeter, die über Leben und Tod entscheiden: Der Bremsweg hängt von der Reaktionsschnelligkeit des Fahrers ab, aber auch von der Technik. Hersteller entwickeln neue Bremssysteme - und nehmen sich dabei die Pferdekutsche zum Vorbild.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Stuttgart - "Auffahrunfälle nehmen in der Statistik einen prominenten Platz ein", sagt Christian Früh, der bei Mercedes in Stuttgart die Entwicklung von Assistenzsystemen leitet. Damit die Autos schneller zum Stehen kommen, arbeitet die Industrie an neuen, leistungsstärkeren Bremssystemen. So findet die besonders "bissige" Keramikbremse nach ihrer Premiere im Mercedes SLR und Porsche 911 Turbo nun in der Oberklasse und bei Sportwagen weitere Verbreitung.

Beim Zulieferer Siemens VDO in Regensburg wird an einer komplett neuen Bremsentechnologie gearbeitet, zu der das Unternehmen auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt/Main erste Details bekannt geben will. Eine neue elektromechanische Keilbremse verzichtet gänzlich auf die Hydraulik. Dabei greifen die Ingenieure nach Informationen aus dem Unternehmen die Idee der Keilbremse aus der Pferdekutschenzeit auf und verbinden sie mit den Möglichkeiten der Elektromechanik.

"Damals rammte der Kutscher einen Keil zwischen Rad und Radkasten und blockierte das Rad, so dass die vorhandene Bewegungsenergie der Kutsche unmittelbar zum Bremsen genutzt wurde", erklärt ein Mitarbeiter das System. In der modernen Ausgabe presst der Keil mit Hilfe kleiner Elektromotoren die Bremsklötze an die Bremsscheibe. Dabei soll dank der Selbstverstärkung mit einem Bruchteil der üblichen Energie eine deutlich höhere Bremswirkung erzielt werden, die zudem schneller einsetzt. Gleichzeitig verhindert die Elektronik, dass der Keil zu einem ungewollten Blockieren der Bremse führt.

Autofahrer beim Bremsen oft zu vorsichtig

"Doch die beste Technik nützt wenig, wenn der Fahrer sie nicht richtig nutzt. Daher ist es mit solchen Entwicklungen alleine nicht getan", sagt Hartmuth Wolff vom Allianz Zentrum für Technik in Ismaning. Die Qualität der Bremsen sei bei den meisten Neuwagen heute so hoch, dass es nur noch wenig Verbesserungspotenzial gibt. "Eine Verzögerung von mehr als einem G ist physikalisch kaum zu erreichen", sagt der Experte. Ansatzpunkt sei deshalb nicht die Technik, sondern der Mensch. "Kaum ein Autofahrer tritt im Zweifelsfall schnell und fest genug auf die Bremse, um deren Potenzial voll zu nutzen." Daher hält der Wissenschaftler Bremsassistenten für einen guten Ansatz.

Ein solches System erkennt nach Angaben von Mercedes-Entwickler Früh anhand der Pedalbewegung einen drohenden Notfall und ruft automatisch die maximale Bremsleistung ab. "Auf diese Weise verkürzt sich der Bremsweg des Autos deutlich - bei Tempo 100 auf trockener Fahrbahn um bis zu 45 Prozent", sagt Früh.

Für die neue S-Klasse kombiniert Mercedes den Bremsassistenten erstmals auch mit einem Nahbereichsradar, so dass das System jetzt auch "sehen" und Gefahrensituationen noch früher erkennen kann. "Erst wird der Fahrer akustisch und optisch gewarnt, und wenn er dann zu zaghaft in die Eisen steigt, regelt die Elektronik wirkungsvoll nach", sagt Früh. Bei Tests im Fahrsimulator habe diese Technologie ihre Wirksamkeit bereits bewiesen. Bei Untersuchungen mit hundert Autofahrern sei die Unfallquote mit dem neuen Bremsassistenten von 44 auf elf Prozent gesunken.

Einen indirekten Beitrag zum kürzeren Bremsweg leisten die Hersteller auch mit neuen Rückleuchten, die den nachfolgenden Verkehr auf eine Gefahrenbremsung hinweisen sollen. Bei einer Vollbremsung mit einem Peugeot beispielsweise wird nach Angaben von Sprecher Bernhard Voss in Saarbrücken der Warnblinker aktiviert. "Bei BMW gibt es dafür beim neuen Dreier ein Bremslicht, dessen Fläche und Lichtstärke mit der Intensität der Bremsung größer wird", sagt Sprecher Andreas Sauer in München. Und Mercedes setzt laut Christian Früh auf eine neue Bremsleuchte, die bei starker Verzögerung zu blinken beginnt.

Mit solchen Systemen gewinnen die Entwickler nach eigenen Angaben bis zu 0,2 Sekunden Reaktionszeit. "Das klingt zwar nach sehr wenig, macht aber bei Tempo 80 schon 4,4 Meter Bremsweg aus, die der Hintermann früher vor der Stoßstange zum Stehen kommt", sagt Früh. Doch auch mit solchen Systemen kann die Industrie den Fahrer nur unterstützen. Weil eine vollautomatische Notbremsung technisch noch schwierig und juristisch umstritten ist, sind die Entwickler nach wie vor auf die Aufmerksamkeit des Fahrers angewiesen.

Thomas Geiger, gms

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