Philipp Meuser / DER SPIEGEL
Die SPIEGEL-Dokumentation stellt sich vor »Man kann seinen Hang zur Besserwisserei professionell ausleben«
Zugegeben: Der Name der Abteilung mag etwas gestrig klingen. Doch die SPIEGEL-Dokumentation ist gerade in den aktuellen Zeiten, in denen sich Fake News und Verschwörungstheorien rasant verbreiten, für die Glaubwürdigkeit des SPIEGEL essenziell. Mehr als 50 hoch spezialisierte Faktencheckerinnen und -checker prüfen und unterstützen hier die Arbeit der SPIEGEL-Redaktion.
DER SPIEGEL hat Geburtstag! Deshalb diskutieren wir, wie Journalismus künftig sein sollte und wie sich die gesellschaftliche Debatte verändert.
Sie überprüfen einen Großteil der für das Digitalangebot SPIEGEL+ und für den gedruckten SPIEGEL verfassten Artikel vor der Veröffentlichung, recherchieren Antworten auf so gut wie jede noch so abwegige Frage und pflegen ein Archiv, in dem mittlerweile Millionen von Dokumenten gespeichert und abrufbar sind. Kein anderes Medienhaus in Deutschland leistet sich eine so gut ausgestattete Dokumentationsmannschaft.
Falls Sie Details über die Abteilung und ihre Arbeit wissen wollen und über die Lehren, die sie aus dem Relotius-Skandal gezogen hat, können Sie das hier nachlesen.
Wenn Sie mehr über einige unserer Faktencheckerinnen und -checker wissen wollen und darüber, wie man eigentlich zu diesem Job kommt, was ihn ausmacht und welche Ausbildung man dafür braucht – lesen Sie einfach weiter.
Andreas Meyhoff, 52, Fachgebiet: Sport
»Ich komme aus Ostwestfalen und bin – trotz Sportunterrichts bei Handballweltmeister Jimmy Waltke – seit dem siebten Lebensjahr Vereinsfußballer (Stationen: VfL Frotheim, SC Sternschanze). Zwei Partien im Jahr 1982 haben mich mit zwölf Jahren sehr geprägt: ein rauschhaftes 5:0 von Arminia Bielefeld gegen Borussia Mönchengladbach, das ich mit meinem Vater im Stadion miterlebte, und die sogenannte Nacht von Sevilla im Fernsehen. Nach diesem WM-Halbfinale zwischen Deutschland und Frankreich wurde mir klar, dass es im Sport nicht nur um den Sieg geht, sondern manchmal auch um Politik. Das schwere Foul von Toni Schumacher an Patrick Battiston ließ in Frankreich antideutsche Ressentiments aufflammen, weil sich Schumacher so gleichgültig verhalten hatte.
Nachdem ich Sozial- und Wirtschaftsgeschichte studiert und promoviert hatte, kam ich im Februar 2001 zum SPIEGEL in die Dokumentation, wo ich mich bald auf Sport spezialisierte. Der SPIEGEL betrachtet Sport als gesellschaftliches Phänomen: Wir beleuchten die Geschichten hinter den Wettkämpfen. Deshalb recherchiere ich jede Woche neu Biografien, Wirtschaftszahlen, medizinische, rechtliche oder historische Hintergründe, prüfe Dokumente, kläre Widersprüche und versuche Wissenslücken zu schließen. Manchmal unter Zeitdruck, manchmal über Wochen, wenn es um Doping und sexuellen Missbrauch im Sport geht, um fragwürdige Geschäfte von Funktionären oder um Finanztricks von Fußballprofis.«
Charlotte Weichert, 40, Fachgebiet: Medizin
»Ich bin ein echtes Nordlicht – und muss mich immer noch an die Vier vor der Null gewöhnen. Ich bin zwar in Hamburg geboren, aber in Schleswig-Holstein in einem Dorf aufgewachsen. In Lübeck habe ich Medizin studiert, danach konnte ich meine Facharztausbildung in Hamburg im spannendsten aller Fachbereiche absolvieren – der Neurochirurgie! Trotz der Faszination für diesen Beruf habe ich mich 2020 auch wegen meiner beiden kleinen Kinder dafür entschieden, nicht mehr länger im OP zu stehen, sondern mein medizinisches Wissen und meine langjährige Klinikerfahrung in den Journalismus einzubringen. Aktuell beschäftige ich mich natürlich viel mit Recherchen und Artikeln zur Coronapandemie. Daneben befasse ich mich schon länger mit Medizinethik, habe eine Ausbildung zur Ethikberaterin im Gesundheitswesen gemacht und arbeite mich aktuell in das Gebiet Medienethik ein. Wichtig finde ich vor allem die Frage nach der Verantwortung der Medien als Wissenschaftskommunikatoren.«
Marc Theodor, 36, Fachgebiet: Geologie, Klimawandel
»Ich bin seit viereinhalb Jahren in der Wissenschaftsdokumentation des SPIEGEL. Das Besondere am Verifizieren von Texten ist für mich die unglaubliche thematische Breite, die abgedeckt wird. Für mich als promovierten Geologen erstreckt sich das von Erdbeben über Bergbau bis hin zum Klimawandel. Ich interessiere mich auch für Archäologie, zumal ich aus der Schliemann-Stadt Neubukow in Mecklenburg stamme. Neben der Überprüfung journalistischer Artikel biete ich regelmäßig Exkursionen für Hamburger Studierende der Geowissenschaften an, etwa in Tschechien; ich erkläre ihnen, wie Europa vor mehr als 400 Millionen Jahren ausgesehen hat. Für andere Hobbys, etwa Bogenschießen, habe ich als frischgebackener Vater aktuell kaum noch Zeit.«
Regina Schlüter
Foto: Philipp Meuser / DER SPIEGELRegina Schlüter, 55, Fachgebiet: Geldpolitik, Arbeitsmarkt und Finanzmärkte
»Ich habe in Goslar auf demselben Gymnasium wie Sigmar Gabriel Abitur gemacht. Nach der Schule habe ich mich dann für eine Ausbildung zur Verlagskauffrau beworben und ging erst einmal zum Bauer-Verlag. Es folgten ein Studium der Wirtschaftswissenschaften und der spanischen Sprache in Hamburg und Salamanca und eine Promotion über einen Ökonomen im Dritten Reich – er wandelte sich vom überzeugten Nazi zum Regimekritiker und wurde 1944 hingerichtet. Im Oktober 2000 begann ich in der Wirtschaftsdokumentation des SPIEGEL zu arbeiten. Aktuelle Themen vertiefen, sich mit den Kollegen austauschen und mit den Redakteuren konstruktiv auseinandersetzen – all das macht meine Arbeit jede Woche so interessant.«
Julia Lange
Foto: Philipp Meuser / DER SPIEGELJulia Lange, 36, Fachgebiet: USA
»Facts matter – in Zeiten allgegenwärtiger Desinformation im Netz zu einer faktenbasierten, kritischen Berichterstattung beitragen zu können, ist für mich täglich Ansporn. Und Anlass für ein grundoptimistisches Gefühl im Job. Ich bin in Hamburg geboren und zweisprachig aufgewachsen, mit einer russischen Mutter aus Sankt Petersburg und einem deutschen Vater aus Ostwestfalen-Lippe. Nach einem Studium der Amerikanistik, Anglistik und Rechtswissenschaften in Hamburg und Oxford habe ich in American Studies promoviert und für meine Arbeit den Umgang deutsch-amerikanischer Organisationen mit der Erinnerung an den Holocaust untersucht. Mehrere Jahre habe ich an der Ostküste der USA gelebt und geforscht; später war ich Dozentin für Amerikanistik an der Universität Hamburg. Beim SPIEGEL liegt mein Schwerpunkt auf der US-Berichterstattung.«
Bertolt Hunger
Foto: Philipp Meuser / DER SPIEGELBertolt Hunger, 54, Fachgebiet: innere Sicherheit
»Nach Abschluss der Schule ging ich aus einer Kleinstadt am Harz in die größte erreichbare Metropole – das war in Westdeutschland Hamburg –, um Politik und Informatik zu studieren. Als Praktikant, freier Mitarbeiter und Volontär beim NDR lernte ich ein Dutzend Redaktionen und Pressestellen kennen. Seit 1996 bin ich beim SPIEGEL, wo ich jeden Tag mit dem Rad hinfahre. Seit 2004 bin ich für innere Sicherheit in Deutschland zuständig, also mit der RAF, dem NSU, Islamismus, Polizei und Verfassungsschutz befasst. Etwa 40 Prozent meiner Arbeit betreffen andere Themen, von der Geschichte der Eisenbahn bis hin zu Popmusik. Wenn mir etwas Interessantes auffällt, schreibe ich auch mal selbst einen Artikel – zum Beispiel darüber, was die Erfindung der Eisenbahn mit der Erfindung des Internets zu tun hat . Warum ich gern hier arbeite? Nirgends bin ich auf mehr Kompetenz gestoßen. Die Arbeitsbedingungen sind erstklassig. Und vielleicht das Wichtigste: Der Journalismus hat eine Sorgfaltspflicht und braucht Glaubwürdigkeit, um seine Kontrollfunktion zu erfüllen. Dazu tragen wir bei.«
Zahra Akhgar
Foto: PHILIPP MEUSERZahra Akhgar, 33, Fachgebiet: Islam und Naher Osten
»Als ich mich in den 2010er-Jahren für Islamwissenschaft als Studienfach entschied, erlebte ich viel Verwunderung – in meiner Heimat Niedersachsen, aber vor allem seitens meiner Familie in meinem Geburtsland Iran (»sinnloses Orchideenfach«, »brotlose Kunst«). Ehrlich gesagt habe auch ich nicht kommen sehen, dass ich seit 2015 mein Wissen über das islamische Recht, religiöse Gruppen wie Ismailiten, Aleviten oder Ibaditen sowie über hybride politische Systeme wie das Irans beim SPIEGEL einbringen kann. An meiner Arbeit mag ich die manchmal hitzigen, aber immer konstruktiven Diskussionen mit der Redaktion, die Möglichkeit, mich für die Verifikation verschiedenster Themengebiete mit den anderen Expertinnen und Experten aus der Dokumentation auszutauschen, und die Recherchearbeit in verschiedenen Sprachen.«
Heiko Buschke, 58, Fachgebiet: Zeitgeschichte/Politik
»Als Fischkopp, aufgewachsen in Bremen, landete ich nach der Schule in Göttingen, wo ich Geschichte und Politikwissenschaft studierte. Später promovierte ich über das Verhältnis von Rechtsextremismus, NS-Vergangenheit und Presse in der Adenauer-Ära – weil ich die Themen Geschichtswissenschaft und Journalismus miteinander verbinden wollte. Seit 1992 gehöre ich der SPIEGEL-Dokumentation an und betreue als Historiker im Deutschland-Referat alle einschlägigen Themen – ob es sich um die Geschichte des Nationalsozialismus, die Gründung der Bundesrepublik, das Ende der DDR oder die Verbrechen der Stasi handelt. Dass Zeitgeschichte schon immer eine Kernkompetenz des SPIEGEL darstellte und er des Öfteren wichtige gesellschaftliche Debatten über die Vergangenheit Deutschlands angestoßen hat, schätze ich besonders. Dass dies auch in Zukunft so bleibt, ist zugleich mein Ansporn und mein tägliches Business.«
Janine Große
Foto: Philipp Meuser / DER SPIEGELJanine Große, 32, Fachgebiet: Umweltpolitik und Energiewirtschaft
»Ich bin Volkswirtin, habe Umweltökonomie in Uppsala, Schweden, Tartu, Estland und Frankfurt an der Oder studiert und arbeite seit 2018 beim SPIEGEL. Groß geworden bin ich in der Niederlausitz zwischen Braunkohlegruben und Spreewaldgurken. Wie bin ich von dort zum SPIEGEL gekommen? Das ist eine sehr lange Geschichte. Ich mag am SPIEGEL, dass dort Leute mit sehr viel Wissen arbeiten. So erfährt man bei der Arbeit an den unterschiedlichen Artikeln immer wieder etwas Neues, auch über Dinge, von denen man nie gedacht hätte, dass man sie je wissen wollte.«
Carsten Hellberg, 55, Fachgebiet: Musik
»Ich bin gebürtiger Hamburger, habe ein Studium der Neueren Geschichte und Philosophie hinter mir und lange Zeit Musik gemacht. Ich mag das Arbeiten in der Dokumentation, weil man in der zweiten Reihe sitzt, präzise sein muss und seinen Hang zur Besserwisserei professionell ausleben kann. Musik (und Fußball) sind meine absoluten Leidenschaften. Und dass ich seit bald 23 Jahren beim SPIEGEL in unserer Abteilung für Ersteres verantwortlich bin, kommt mir manchmal immer noch wie eine gigantische Fügung vor. ॐ नमः शिवाय«
Imko Haan
Foto: Philipp Meuser / DER SPIEGELImko Haan, 31, Fachgebiet: Frankreich, EU, Subsahara-Afrika
»Besonders intensiv beschäftige ich mich bei meiner Arbeit in der Auslandsdokumentation mit den verschiedenen Konfliktherden in Afrika, ich bin aber auch zuständig für die EU und Frankreich. Seit zwei Jahren bin ich nun beim SPIEGEL. Aufgewachsen bin ich im Landkreis Cuxhaven. Nach Studienaufenthalten in Osnabrück (Europäische Studien), Paris (Sciences Po) und London (King's College) habe ich erst in der Europäischen Kommission in Brüssel gearbeitet und bin dann zum Journalismus gekommen. Wenn ich am Ende des Tages das Gefühl habe, zur Qualität der Texte einen Beitrag geleistet zu haben, erfüllt mich das sehr. Neben Recherche und Factchecking begeistere ich mich auch für Sprache und die Suche nach der besten Formulierung. Mich interessieren darüber hinaus fremde Kulturen. Eine meiner einprägsamsten Reisen ging nach Japan, das war Anfang 2014: Ich radelte an rauchenden Vulkanen vorbei, erkundete per Anhalter den Süden des Landes und lernte die Kultur rund um die heißen Quellen (Onsen) kennen.«
Claudia Stodte
Foto: Philipp Meuser / DER SPIEGELClaudia Stodte, 57, Fachgebiet: Islam und Naher Osten
»›W-a-s studierst du?‹, fragten mich viele irritiert, belustigt oder entsetzt in den Achtzigerjahren. Manche glaubten schlicht, sich verhört zu haben. ›Islamwissenschaft? Und was willst du damit anfangen?‹ ›Mal gucken‹, erwiderte ich. Aus ›mal gucken‹ wurde nach meiner Promotion eine mittlerweile fast 25-jährige Tätigkeit beim SPIEGEL, der 1997 eine neue Kraft für seine Dokumentation suchte: Bereich Islam und die Staaten rund um den Nahen Osten. Seither recherchiere ich zu Themen wie dem Krieg in Syrien, den Atomverträgen mit Iran, der Frauenbewegung in Saudi-Arabien, dem Wahlmarathon in Israel, der Entstehung des Islam, dem Kalifat in Córdoba oder auch zu der Frage, welches islamische Kopftuch wie heißt... Eine Zeit lang habe ich außerdem die Hamburger Polizei interkulturell geschult. Was ich an meiner Arbeit mag: dass ich fantastische Kolleginnen und Kollegen habe und jeden Tag ein wenig schlauer nach Hause gehe. Was mir missfällt? Dass der Frieden in Nahost weiter auf sich warten lässt und die Themen manchmal kräftezehrend sind.«
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes konnte der Eindruck entstehen, dass alle im SPIEGEL und auf spiegel.de veröffentlichten Texte von der Dokumentationsabteilung überprüft werden. Wir haben diese Passage präzisiert.