Ballettausbildung in Dresden: Junger Tänzer strebt nach »Nussknacker«-Rolle - DER SPIEGEL
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12-jähriges Balletttalent Sein Herz tanzt

Konztantyn besucht die renommierte Palucca Hochschule in Dresden. Hier trainiert der junge Balletttänzer für seinen großen Traum: an der Pariser Oper im »Nussknacker« oder in »Schwanensee« mitzuwirken.
Von Kristin Kasten • • aus DEIN SPIEGEL 3/2025

Der Vorhang hebt sich. Das Orchester setzt ein. Scheinwerfer erhellen die Bühne der berühmten Semperoper in Dresden. Konztantyn, verkleidet als Spielzeugsoldat, betritt die Bühne mit schwitzigen Händen und klopfendem Herzen. Doch nach den ersten Schritten verschwindet die Nervosität. Er dreht sich, springt im Takt der Melodie – und vergisst alles um sich herum.

Konztantyn gehört zu den besten jungen Balletttänzern in Deutschland. Seit gut zwei Jahren besucht er die Palucca Hochschule für Tanz in Dresden. Fast 200 Tänzerinnen und Tänzer aus aller Welt werden hier in ver­schiedenen Tanzstilen ausgebildet. Die Jüngsten sind zehn Jahre alt.

In Konztantyns Klasse sind sieben Mädchen und sieben Jungs. Vor Beginn des Unterrichts begrüßen sie die Lehrkräfte auf ganz besondere Weise: Sie stehen auf, schieben das eine Bein hinter das andere, spreizen die Arme leicht ab und senken den Kopf. »Das ist unsere tänzerische Verbeugung«, sagt der Zwölfjährige.

Obwohl sich die Begrüßung von der an anderen Schulen unterscheidet: Die Kinder lernen die Dinge, die auch für alle anderen Kinder in Sachsen auf dem Lehrplan stehen, also etwa Deutsch, Englisch und Mathe. Aber statt Sportunterricht haben sie Tanzstunden. »Wir tanzen nicht nur Ballett, sondern auch Volkstänze und moderne Tänze«, sagt Konztantyn.

Die elastischen Gummibänder müssen perfekt sitzen, bevor es an die Stange geht

Die elastischen Gummibänder müssen perfekt sitzen, bevor es an die Stange geht

Foto: Stella Weiß / DEIN SPIEGEL
Volle Konzentration: Auf Zehenspitzen trainiert Konztantyn Haltung und Bewegung

Volle Konzentration: Auf Zehenspitzen trainiert Konztantyn Haltung und Bewegung

Foto: Stella Weiß / DEIN SPIEGEL

Doch erst mal gibt es Mittagessen. Konztantyn geht mit seinen Freunden Julien, 12, und Arvid, 13, in die schuleigene Kantine. Eine Stunde Pause bleibt ihnen, bevor das Tanztraining beginnt. »In den Pausen sind wir oft draußen und spielen Basketball oder Tischtennis«, sagen sie. Aber heute ist es kalt und windig, da machen sie es sich lieber auf einer Couch im Flur gemütlich und warten darauf, dass es mit dem Tanzen losgeht.

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Früher hat Kon­ztantyn Fußball gespielt. Für Ballett interessierte er sich nicht. »In der vierten Klasse kam dann eine Frau zu uns in den Sportunterricht und hat Übungen mit uns gemacht«, sagt er. »Sie wollte sehen, wie dehnbar und kreativ wir sind.« Einige Kinder wurden zur Aufnahmeprüfung an die Palucca Hochschule einge­laden – darunter Konztantyn. »Ich dachte mir, wenn es klappt, ist es cool, wenn nicht, ist es auch nicht schlimm.«

Doch dann hat er gemerkt, wie sehr ihn das Tanzen begeistert. Nicht nur das Ballett, sondern alle Arten. Auch die Schule selbst gefiel ihm. Die zahlreichen Tanzstunden, die den Stundenplan auflockern. »Und die vielen coolen Leute hier.« Er wollte bleiben. Unbedingt. Seine Eltern waren einverstanden. Heute kann er sich ein Leben ohne Tanzen nicht mehr vorstellen. Fußball spielt er nicht mehr, das Verletzungsrisiko sei zu groß. Außerdem fehlt ihm die Zeit. Der Unterricht beginnt früh und dauert lange, oft bis in die frühen Abendstunden hinein. Und dann ist da noch der Schulweg: Morgens sitzt Konztantyn bereits um kurz vor halb sieben in der Straßenbahn. »Knapp eine Stunde dauert die Fahrt von der einen Elb­seite auf die andere«, sagt er.

Nach der Mittagspause stehen Tanztechnik und Improvisation auf Konztantyns Stundenplan. »Das mag ich sehr, weil ich dort meiner Fantasie freien Lauf lassen kann.« Es gibt elf Tanzsäle in der Schule. Im hell erleuchteten Saal 7 sitzt ein Pianist an einem Flügel. In Paaren tanzen die Schülerinnen und Schüler zu den Klängen des Klaviers. In weißen Söckchen und schwarzer Hose bewegen sich Konztantyn und Julien zusammen im Takt der Musik. Ihre Oberkörper wiegen sich vor und zurück, berühren sich immer nur kurz, bevor sie sich wieder voneinander entfernen. »Ihr müsst das fühlen!«, ruft die Lehrerin. »Nicht, wie es aussieht, ist wichtig, sondern wie es sich anfühlt.«

Gemeinsam neue Bewegungen erfinden: Bei der Improvisation sind eigene Ideen gefragt

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Foto: Stella Weiß / DEIN SPIEGEL
Foto: Stella Weiß / DEIN SPIEGEL

Nach anderthalb Stunden endet die Einheit. Konztantyn und die anderen Jungen flitzen in die Umkleide, um sich ärmellose schwarze Oberteile und kurze Hosen anzuziehen. Jetzt steht Ballett auf dem Stundenplan. »Mein liebstes Fach!«, sagt Konztantyn. Die Mädchen werden an diesem Tag getrennt in Ballett unterrichtet. Zurück im Tanzsaal, schlüpft Konztan­tyn in seine Ballettschuhe und beginnt, sich an der Stange zu dehnen. Nach dem Pianisten kommt der Lehrer in den Saal geeilt.

Die Baumwolltasche mit einem aufgedruckten Nussknacker hat Konztantyn immer dabei

Die Baumwolltasche mit einem aufgedruckten Nussknacker hat Konztantyn immer dabei

Foto: Stella Weiß / DEIN SPIEGEL
Mit dem Auftritt im »Nussknacker« auf der großen Bühne der Semperoper ist für Konztantyn ein Traum wahr geworden. Sein größter Wunsch sei es, als Profitänzer an der Pariser Oper zu tanzen, »im ›Nussknacker‹ oder in ›Schwanensee‹«, sagt er.

Mit dem Auftritt im »Nussknacker« auf der großen Bühne der Semperoper ist für Konztantyn ein Traum wahr geworden. Sein größter Wunsch sei es, als Profitänzer an der Pariser Oper zu tanzen, »im ›Nussknacker‹ oder in ›Schwanensee‹«, sagt er.

Foto: Semper Oper

Die sieben Jungs verteilen sich schnell an den Ballettstangen. Der Lehrer erklärt die Abfolge der Ballettpositionen. Er spricht schnell, deutet die Schritte nur mit knappen Bewegungen an. Doch das reicht. Die Schüler verstehen ihn auch ohne viele Worte. Konztantyn kreuzt die Beine. Seine Fußspitzen berühren die Ferse des jeweils anderen Fußes, während seine Fingerspitzen federleicht über den Boden gleiten.

Dann passiert es: Einer der Schüler gerät aus dem Takt. Der Lehrer hebt kurz die Hand, die Musik verstummt. Ein Augenblick der Ruhe, bevor der Pianist erneut einsetzt. »Plié, Relevé! Plié, Relevé!«, ruft der Lehrer. Die Jungs beugen ihre Knie, bevor sie sich auf die Zehenspitzen stellen. Hoch und runter, hoch und runter – immer im Gleichtakt.

Nach dem Ballettunterricht folgt eine kurze Probe für die Aufführung des »Nussknackers« in der Semperoper. »Ich darf ein kleines Solo mit der Zuckerfee tanzen«, erzählt Konztantyn stolz. Eine Minute dreißig tanzen nur er und die professionelle Balletttänzerin im Scheinwerferlicht der Bühne.

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Mit der Aufführung in der Semperoper hat sich ein großer Traum für ihn erfüllt. Doch bis dahin war es ein langer Weg. »Wer hier an der Schule ist, braucht einen starken Willen. Man muss jeden Tag an seine Grenzen und darüber hinaus gehen«, erklärt Kon­ztantyn ernst. Die Belohnung? Sie wartet auf der Bühne. »Dort zu stehen und anderen Menschen eine Freude zu machen, ist das Schönste«, sagt er.

Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 3/2025.

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