Paralympics Gold! Gold! Gold?
Martin stützt sich mit den Ellenbogen am Beckenrand auf. Mit der rechten Hand zieht er sich die Schwimmbrille über die Augen, dann zupft er seine Badekappe zurecht. Die linke Hand fehlt, ebenso der linke Unterarm. Beim Training im 50-Meter-Sportbecken merkt man davon nichts, oft ist Martin, 34, der Schnellste. Kein Wunder: Er ist Weltmeister im Triathlon und hat bei den vergangenen beiden Paralympics die Goldmedaille gewonnen.
In diesem Sommer will der Leipziger den Hattrick schaffen. So nennt man es, wenn im Sport dreimal hintereinander etwas Tolles klappt. Martin will das dritte Mal in Folge Gold holen.
Die Paralympics finden in der französischen Hauptstadt Paris statt. Rund 4400 Athletinnen und Athleten mit körperlichem Handicap kämpfen dort in 22 Sportarten um olympische Medaillen. Einige sitzen im Rollstuhl, andere sind blind, oder ihnen fehlt ein Bein. In den Wettkämpfen treten sie gegen Menschen mit ähnlicher Behinderung an. So ist es für alle fair. Um wieder ganz oben auf dem Siegertreppchen zu stehen, trainiert Martin jeden Tag für diesen Wettkampf. »Als amtierender Weltmeister ist der Druck hoch. Viele erwarten, dass ich gewinne.«
In den Hochphasen trainiert Martin 30 Stunden pro Woche. »Ich bin nicht behindert, mir fehlt nur ein halber Arm«, sagt er.
Foto: Charlotte Sattler / Dein SPIEGEL750 Meter Schwimmen, 20 Kilometer Radfahren und 5 Kilometer Laufen: Wer bei den Paralympics im Triathlon antritt, braucht Ausdauer. Und die hat Martin. Um sieben Uhr morgens beginnt sein Trainingstag in der Schwimmhalle. Zunächst steht Aufwärmen auf dem Programm. Dehnen, strecken, den Körper in Bewegung bringen. Danach geht es ins Becken. »Schulz ist ready – und hopp!«, ruft sein Trainer. Martin springt kopfüber ins Wasser, taucht einige Meter, bevor er in hohem Tempo seine Bahnen zieht. Nach anderthalb Stunden ist Martin 3,5 Kilometer weit geschwommen, das sind 70 Bahnen.
»Meine Eltern hatten Bammel, dass ich niemals schwimmen lernen würde«, sagt Martin nach dem Training. Der Triathlet ist ohne linken Unterarm zur Welt gekommen. Doch die Sorgen der Eltern waren unbegründet. »Ich hatte als Erster in meiner Gruppe das Seepferdchen, obwohl ich der Einzige mit Handicap war.« Mit zehn Jahren nahm man ihn in den Landeskader auf, förderte ihn. Zunächst konzentrierte er sich auf das Schwimmen, später wechselte er zum Triathlon. Sport an der frischen Luft, die Vielfalt der drei Disziplinen – das alles gefällt ihm. Seine Lieblingsdisziplin ist das Radfahren.
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Heute geht es nach einer kurzen Frühstückspause erst mal zum Krafttraining und zur Physiotherapie im Olympiastützpunkt. Hier trainieren alle Spitzenathletinnen und -athleten der Region und bereiten sich auf die kommenden Wettkämpfe vor. An den Wänden sind die Siegerinnen und Sieger der Olympischen und Paralympischen Spiele verewigt. Auch Martins Name steht dort. »Man braucht am Tag des Wettkampfs immer auch ein Quäntchen Glück«, sagt er. Unfälle, Verletzungen oder technische Probleme können schnell das Aus bedeuten. »Aber wenn man gewinnt, ist es wie in einem Kinofilm.«
Die sportlichen Erfolge konnte Martin nur feiern, weil es Menschen gibt, die ihn unterstützt und an ihn geglaubt haben. »Ich wünsche mir, dass mehr Kinder mit Handicap im Sport gefördert werden.« Doch oft fehlen passende Angebote. Auch die Zusammenarbeit der Vereine mit den Schulen könnte besser sein, findet Martin. »Viele Kinder wissen gar nicht, welche Angebote es gibt.« Die Vereine könnten zum Beispiel ihre Sportangebote in der Schule vorstellen oder die Klassen zu Trainings einladen. Martin hat der Sport in seiner Kindheit geholfen. »Wegen meines fehlenden Unterarms wurde ich als Kind hin und wieder gehänselt, aber es hielt sich in Grenzen, weil ich im Sport oft besser war als andere.«
Nach einer kurzen Mittagspause holt er sein schwarzes Triathlonfahrrad aus seiner Wohnung. Es ist nagelneu und besteht aus Carbon, einem leichten und bruchfesten Material. Das Rad wiegt nur gut zehn Kilogramm. Für seinen fehlenden Unterarm wurde eine Konstruktion am Fahrrad montiert, auf die er seinen Armstumpf beim Fahren abstützen kann. Eine Prothese, also einen künstlichen Armersatz, hat Martin nicht. »Das hat für mich nie funktioniert, weder beim Sport noch im Alltag«, sagt er. »Früher habe ich die Konstruktion für den Lenker immer selbst gebaut, heute fertigen die Hersteller das Fahrrad so an, wie ich es brauche.« Die Gangschaltung ist auf der rechten Seite angebracht, ebenso die Bremse, die Vorder- und Hinterrad gleichzeitig abbremst.
An einem Kanal mitten in einem belebten Leipziger Stadtviertel steigt Martin auf sein Fahrrad. Nach zwei Tritten sind beide Schuhe in die Klickpedalen eingerastet. Jetzt kann er nicht mehr abrutschen. »Ich bin immer froh, wenn ich das Gewusel der Stadt hinter mir lassen kann«, sagt Martin. »Draußen im Grünen ist das Fahrradfahren deutlich entspannter.« An fünf Tagen pro Woche trainiert Martin alle drei Disziplinen. »Wenn ich vom Fahrrad steige und losrenne, ist es, als würde ich auf Eiern laufen«, sagt er und lacht. Der fehlende Unterarm hindert ihn zwar nicht am Laufen, macht es aber schwieriger. »Arme sind Taktgeber und sorgen für Balance«, erklärt Martin. Um das auszugleichen, macht Martin Krafttraining, das sich auf den Oberkörper konzentriert. »Der Rumpf muss stabil sein, damit der Körper nicht aus dem Gleichgewicht gerät.«
Auf die Paralympics freut sich Martin trotz des hohen Drucks sehr. »Die Stimmung im olympischen Dorf, in dem alle Athletinnen und Athleten zusammenwohnen, ist immer richtig cool.« Menschen aus aller Welt treffen sich dort. »Und sie alle teilen die Leidenschaft für den Sport.« Die paralympische Triathlonstrecke führt mitten durch Paris: Schwimmen in der Seine, dem Fluss, der durch die Hauptstadt fließt, Radfahren über die berühmteste Straße der Stadt, die Champs-Élysées, und Laufen mit Blick auf den Eiffelturm. Wenn für Martin alles gut geht, schafft er die Strecke in knapp unter einer Stunde. Und mit etwas Glück hält der Triathlet bald seine dritte Goldmedaille in der Hand.
Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 9/2024.
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