So arbeitet eine Ausstattungsleiterin Ein neuer Look für die grauen Herren
Alle Tische in dem kleinen Raum sind mit Nähmaschinen, Perücken, Stoff, Kleber, Schuhen und Farben vollgestellt. An zwei Kleiderstangen hängen schimmernde Paillettenkleider dicht an dicht mit altmodischen Uniformen und bunten Ledermänteln. Von der Theaterbühne hört man Gesang, es wird gerade geprobt.
»Hier ist es immer sehr chaotisch, so kurz vor einer Premiere«, sagt Katha. In wenigen Wochen führt das Junge Theater Bonn eine neue Version von »Momo« zum ersten Mal auf. Das Stück basiert auf dem weltberühmten Märchenroman von Michael Ende. Ausstattungsleiterin Katha organisiert die Produktion von Kostümen, Bühnenbild und Requisiten, also Dingen, die die Schauspielenden auf der Bühne benutzen. Weil es keine Werkstatt gibt, benutzt sie das Theatercafé für die Arbeit am Stück.
»Alles etwas improvisiert, aber das gehört zur Arbeit am Theater dazu«, erklärt sie. Gerade sucht Katha mit ihrer Assistentin das Kostüm für den Schauspieler aus, der den Maurer Nicola spielen wird. Auf dem Boden vor ihnen liegen verschiedene Shirts, Hosen und Mützen. »Das T-Shirt ist zu weiß. Es darf ruhig etwas abgenutzt aussehen, Nicola schwitzt ja bei seiner Arbeit«, sagt Katha.
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Seit Monaten laufen die Vorbereitungen für »Momo«. »Zuerst wird entschieden, welches Stück überhaupt gespielt wird, dann, wer Regie führt und wie das Bühnenbild aussehen soll«, sagt Katha. Manchmal plant sie das Bühnenbild selbst, aber für »Momo« wurde es bei einem Bühnenbildner in Auftrag gegeben. Katha kümmert sich dann darum, dass das Bühnenbild von einer Werkstatt gebaut und geliefert wird. Sie muss Ansprechpartnerin bei Fragen sein und planen, welche Teile zuerst fertig sein sollen, damit die Schauspieler und Schauspielerinnen sie bei den Proben nutzen können.
Hinter den Kulissen
»Gleichzeitig entwickle ich ein Konzept für das Stück, also wie Kostüme und Requisiten aussehen sollen«, sagt Katha. »Dabei achte ich darauf, dass alles zum Bühnenbild und zum Inhalt des Stücks passt.« Es beginnt damit, dass Katha sich jede Figur genau anschaut. Figuren sind Personen, die in der Geschichte eines Theaterstücks vorkommen und von den Schauspielenden zum Leben erweckt werden – zum Beispiel der Maurer Nicola.
Für jede Figur erstellt Katha ein kleines Poster mit Fotos, Farben und Zeichnungen, das man Moodboard nennt. Die Moodboards hängen hier im Café an der Wand, damit sich alle daran orientieren können. »›Momo‹ erinnert mich an meine Kindheit in den Achtzigerjahren. Deshalb will ich, dass alles ein bisschen farbenfroh und retro aussieht, zum Beispiel durch Blümchenmuster und bunte Farben.«
Die Kostüme sollen zu Kathas Vorstellung passen. Oft kann sie Kleidungsstücke aus dem Fundus, dem Kostümlager, verwenden. Manchmal muss aber auch etwas neu genäht werden – in »Momo« sollen die grauen Herren beispielsweise Anzüge mit LED-Lichtern im Kragen tragen. Die werden gerade von der Theaterschneiderin angefertigt.
Katha muss sich bei der Kostümplanung immer wieder mit der Regie und den Schauspielenden absprechen. »Oft kann ich Ideen nicht umsetzen, weil sie nicht zu dem passen, was auf der Bühne passiert. Ich wollte zum Beispiel, dass die grauen Herren hohe Kragen an den Jacken haben. Aber das passt nicht, weil sie in einer Szene singen müssen und die Kragen vor dem Mund stören würden.« Als Ausstattungsleiterin muss Katha sich anpassen können und sich immer wieder neue Lösungen für kleine Probleme ausdenken.
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Da nicht mehr viel Zeit bis zur Premiere ist, haben Katha und ihr Team heute viel zu tun. Ihre Assistentin arbeitet an zwei Schaumstoffperücken, ein Requisiteur bemalt Schilder fürs Bühnenbild. Katha plant die letzten Kostüme, zwischendurch kommen immer wieder Leute mit Fragen zu ihr: Ist die Perücke gut so? Aus welchem Stoff soll die Leinwand im Bühnenbild sein? Wie werden die Lichter am Anzugkragen befestigt?
»Es ist manchmal stressig, Ansprechpartnerin für alle zu sein«, sagt Katha. »Aber es ist ein tolles Gefühl, mit allen gemeinsam auf die Premiere hinzuarbeiten. Ich bin schon so gespannt, wie es wird.«
BERUFS-INFO
Was ist das Schönste an dem Beruf?
»Besondere Erinnerungen beim Publikum zu schaffen. Wenn Menschen nach der Aufführung den Saal verlassen und sagen: ›Wow, ich war zwei Stunden in einer anderen Welt.‹ Das macht mich stolz.«
Und was ist das Schlimmste?
»Der Zeitdruck. Manchmal habe ich nur vier Wochen, um ein Stück vorzubereiten. Dann kann ich meine Ideen nicht immer so umsetzen, wie ich will.«
Wie viele Ausstattungsleiterinnen und Ausstattungsleiter gibt es?
In Deutschland gibt es rund 800 Theaterspielstätten. An jeder davon gibt es jemanden, der sich um die Ausstattung kümmert. An ganz großen Theaterhäusern ist die Ausstattungsleitung noch in Kostüm, Requisite und Werkstatt unterteilt.
Wie lange dauert die Ausbildung?
Eine feste Ausbildung gibt es nicht. Viele Ausstattungsleitende haben Bühnenbild oder Theaterwissenschaften studiert. Wichtig ist aber vor allem, dass man schon viel praktische Erfahrung am Theater gesammelt hat, zum Beispiel über Praktika oder Assistenzarbeit.
Wie viel verdient man?
Als fest angestellte Ausstattungsleitung verdient man circa 3000 Euro brutto und mehr. Je mehr Mitarbeitende man koordinieren muss, desto höher wird das Gehalt.
Was muss man können?
• Organisieren und zwischen verschiedenen kreativen Menschen vermitteln
• Improvisieren: Am Theater muss man aus wenig Zeit und wenig Geld das Beste herausholen
Für wen ist das eher nichts?
• Für Menschen, die nicht gut mit Stress umgehen können
• Für Menschen, die eine geregelte Arbeitswoche von Montag bis Freitag haben wollen
• Für Menschen, die Theater und Literatur langweilig finden
Vorurteile-Check
Den ganzen Tag an Kostümen basteln ist doch kein richtiger Beruf.
STIMMT NICHT: »Das bekommen wir oft zu hören. Es ist sehr verletzend. Unsere Arbeit ist hart, und es steckt viel Herzblut darin. Wir arbeiten, wenn
andere freihaben: abends, an Feiertagen, am Wochenende. Das ist garantiert kein Hobby.«
Leute, die am Theater arbeiten, sind etwas seltsam.
STIMMT: »Ja, hier arbeitet ein ganz besonderer Typ Mensch. Um Theater zu machen, muss man infrage stellen, was andere normal finden. Dazu muss man ein wenig verrückt sein.«
Dieser Artikel erschien »Dein SPIEGEL« 10/2023.
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