Wertvolle Zierfische: Koi, Koi, Koi - DER SPIEGEL
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Wertvolle Zierfische Koi, Koi, Koi

Ob bunt gefleckt oder goldglänzend: Japanische Koi-Karpfen sind die Stars im Gartenteich. Händler wie Thomas Sieling reisen extra nach Japan, um vielversprechende Exemplare nach Deutschland zu holen – und sie teuer zu verkaufen.
Von Johan Dehoust • • aus DEIN SPIEGEL 2/2024

Draußen in Kakenstorf ist es ungemütlich. Die Felder und Bäume sind braun, der Himmel ist grau. In einem Treibhaus am Rande des Dorfs aber strahlen einem bunte Farben entgegen, und es ist erstaunlich still. Zu hören ist hier drinnen nur das Plätschern einer Filteranlage. Und die ruhige Stimme von Thomas Sieling, der durch das Treibhaus führt – seine 40 mal 15 Meter große Verkaufshalle.

Er geht über einen Betonweg und wirft eine Handvoll Körner in ein Wasserbecken. Ein Spezialfutter, das hauptsächlich aus getrocknetem Hering besteht. Sofort tauchen Fische an die Oberfläche und schnappen danach. Ihre kräftigen Körper schillern rot, gelb, orange und weiß. Manche sind einfarbig, manche mehrfarbig gefleckt.

Sieling handelt etwa 20 Kilometer südlich von Hamburg  mit Koi-Karpfen; der Koi ist ein weltweit be­wunderter Fisch. In den zehn Wasserbecken tummeln sich 600 dieser besonderen Fische in unterschiedlichen Größen und Farben. Thomas Sieling ist Zwischenhändler. Er reist mehrmals im Jahr nach Japan , um die Tiere direkt in Zuchtbetrieben einzukaufen.

Japan ist das Ursprungsland der Kois. Hier wurden die bunten Fische vor mehr als 200 Jahren aus normalen braun-grauen Karpfen gezüchtet. Woanders einzukaufen ist für Sieling keine Option. »Es gibt nirgendwo auf der Welt so viele verschiedene und hochwertige Kois wie dort«, sagt der 58-Jährige.

Gerade erst war er wieder in Japan. Er war dabei, als die Naturteiche abgefischt wurden. Ein wichtiges Ereignis im Herbst. Die Fische werden mit Netzen eingefangen und in Hallenbecken transportiert, weil es draußen zu kalt wird. Der perfekte Moment für einen Händler, um zuzuschlagen. Nicht mehr lange, dann kommen die neu eingekauften Tiere bei ihm in Deutschland an. Sie werden in mit Wasser und Luft befüllte Plastikbeutel gesetzt, in Kartons verpackt und in ein Flugzeug geladen. Etwa einen Tag später landen sie in Frankfurt am Main.

Thomas Sieling war dabei, als Züchter in Japan ihre Kois zum Winter aus Naturteichen in Hallenbecken brachten. Ein idealer Moment, um sich besonders schöne Fische auszusuchen

Thomas Sieling war dabei, als Züchter in Japan ihre Kois zum Winter aus Naturteichen in Hallenbecken brachten. Ein idealer Moment, um sich besonders schöne Fische auszusuchen

Foto: KZH Koi Zentrum Hamburg

Die letzten rund 500 Kilometer ihrer Reise nach Nord-Niedersachsen fährt Sieling sie mit einem kleinen Lkw. Er verkauft sie später an Gartencenter, Zoohandlungen oder reine Koi-Läden. Und die verkaufen sie an Menschen, die sie bei sich zu Hause im Gartenteich halten – und dafür meistens viel Aufwand betreiben.

Kois können bis zu einen Meter lang und sehr alt werden. 30 Jahre sind locker drin. Dafür benötigen sie allerdings viel Platz. »Ein Fisch braucht mindestens 1000 Liter Wasser, um sich ideal zu entwickeln«, sagt Sieling. Da Kois am liebsten in der Gruppe leben, sind umfangreiche Teichanlagen die Regel. Das bedeutet: Man muss ein großes Loch baggern und viel Folie verlegen. Hinzu kommt, dass Kois sehr klares Wasser bevorzugen. Eine Anlage muss ständig den Kot und schädliche Stoffe herausfiltern.

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All das schreckt Koi-Fans jedoch nicht ab. Auf die Frage, warum die Tiere in Deutschland beliebt sind, nennt Sieling zwei Gründe. Zunächst einmal ihr zutrauliches Wesen. Es sei möglich, eine Haustier-Beziehung zu ihnen aufzubauen. »Sie können zahm werden wie ein Hund oder eine Katze und einem aus der Hand fressen«, erzählt er. Der andere Grund sei ihre Schönheit. Manche Menschen erfreue es einfach, die majestätischen Tiere durchs Wasser gleiten zu sehen. Einige so sehr, dass sie Kois wie Kunstwerke betrachteten. Sie sind bereit, für besonders schöne Tiere viel Geld zu zahlen. Preise von etwa 1000 Euro sind bei Sieling nicht ungewöhnlich. Er hat sogar einmal einen Fisch für 30.000 Euro verkauft – sein Rekord bislang. Für diese Summe bekommt man auch ein neues Auto.

Was in der Koi-Welt als »besonders schön« gilt, ist klar geregelt. Bunt gefleckt ist besser als einfarbig. Und weibliche Tiere sind grundsätzlich wertvoller als männliche. Ihr Körper wird höher und massiger. Mehr Fläche, um zu beeindrucken. »Sie haben eine größere Leinwand«, sagt Sieling.

Darüber hinaus muss beim perfekten Koi eine Reihe weiterer Kriterien stimmen. Zum Beispiel sollten die Farben kräftig und rein sein. Schon ein winziger schwarzer Fleck auf einer roten Körperfläche verringert den Preis. Außerdem ist die Symmetrie wichtig. Die beiden Seiten des Fischkörpers sollten möglichst ­exakt gleich aussehen. Eine Perfektion, die es in der Natur so gut wie nie gibt. Der Preis richtet sich daher danach, wie nah ein Fisch diesem von Menschen ausgedachten Idealbild kommt.

Die Kois bekommen Spezialfutter, das hauptsächlich aus zermahlenen Heringen besteht

Die Kois bekommen Spezialfutter, das hauptsächlich aus zermahlenen Heringen besteht

Foto: Niklas Grapatin / Dein SPIEGEL

Bei dem schwarz-rot-weiß gefleckten Koi in Sielings Verkaufshalle kann man das schon einschätzen. Er soll rund 7000 Euro kosten. Im Moment ist er damit der teuerste Fisch im Becken. Er überzeugt durch nahezu gleich große schwarze Farbflecke auf beiden Brustflossen. Allerdings ist er auch schon fünf Jahre alt. Ein Alter, in dem ein Koi etwa 70 Zentimeter groß ist und sich kaum noch verändert. Sein Potenzial ist ausgeschöpft.

Anders als bei den einjährigen, etwa 15 Zentimeter kleinen Fischen ganz vorn im Becken. Für sie bekommt Thomas Sieling rund 30 Euro pro Tier. Wer weiß, wie sie sich weiterentwickeln? Neun von zehn Tieren sähen schon in einem Jahr nicht so schön aus, wie man es sich erträumt habe, schätzt er. Ein Risikokauf. Erwischt man aber das eine prachtvolle Ausnahmetier, könnte dieser Kauf sich eines Tages richtig lohnen.

Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 2/2024.

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