Fleischpastete
Dazu gehörte auch die reiche französische Sagen- und Märchentradition, in Deutschland wurde sie durch die eingewanderten Hugenotten lebendig gehalten und weitererzählt. Die Geschichten vermitteltven oft genug die Werte- und Erlebniswelt einer gebildeten Schicht, die Küche spielt dabei eine überraschend kleine Rolle.
In den Märchen der Brüder Grimm haben Speisen auffallend nur funktionalen Charakter: Schneewittchen wird mit einem rotbackigen Apfel verführt, Hänsel und Gretel versuchen mit Brotkrumen den Weg zurück nach Hause zu finden, Kuchen und Wein sollen die Großmutter gesunden lassen, und Aschenputtel erfährt echtes Mobbing durch eine Schale Linsen. Gerne aber wird zum guten Ende eines Märchens groß aufgetischt, geheiratet und geschlemmt, und alle sind glücklich bis an ihr Ende! Doch stets schweigen die Grimms dazu, was genau im Hochzeitsschloss oder dem Hexenhäuschen aufgetischt wurde.
Bei Hauff hingegen finden wir mit Zwerg Nase ein geradezu opulentes kulinarisches Märchen. Die Erzählung vom Küchengenie Zwerg Nase beginnt auf dem Wochenmarkt, dort unterstützt der Bub seine Mutter beim Verkauf von Kräutern und Gemüsen aus dem eigenen Garten und gerät dabei an eine böse Hexe, bei der er aber später erfolgreich eine Kochlehre absolviert! Das wiederum führt Zwerg Nase zur Einstellung als Küchenchef am Hofe des Herzogs, der zwar zufrieden, aber noch hungrig ist: »Aber sage mir, warum bringst du mir nicht die Königin der Speisen auf den Tisch, die Pastete Souzeraine?«
Die entscheidende Zutat im Märchen ist das Kraut Niesmitlust. Die Gelehrten streiten sich. Handelt es sich um Beifuß, Fenchel, Koriander oder Estragon? Es sind oft genannte, stark duftende Kräuter der klassischen französischen Pasteten-Küche. Botaniker setzen eher auf die Würz- oder Lakritz-Tagetes, eine Pflanze aus Mexiko, deren Blätter im Aroma an Anis erinnern. An dieser Frage entbrennt dann im Märchen ein Kräuterkrieg zwischen Fürst und Herzog – ein subtiler Kommentar Hauffs zur politischen Situation der Suzeränität (Oberherrlichkeit, Oberherrschaft) im zerfallenen und gespaltenen Deutschland der Vormärz-Zeit, zwischen der französischen Julirevolution von 1830 und der deutschen Märzrevolution von 1848/49. Kriegsentscheidend, wie im Märchen, ist die Zugabe des Krautes aber nicht. Man nehme sich nur Zeit und Muße für die Zubereitung, dann gelingt der märchenhafte Pastetenfrieden mit dieser klassischen französischen Pâté en croûte.
Rezept Fleischpastete