Stint
Bereits im Spätherbst beginnt die Wanderung der Stinte von der Nordsee in die Elbe. Der Meeresbewohner, der um zwei Ecken mit dem Lachs verwandt ist, wird zum Süßwasserfisch. Irgendwann zwischen Mitte Februar und Anfang März ziehen die großen Stint-Schwärme in die wärmeren Gewässer der Oberelbe, um dort zu laichen. Der Stint ist da! verkünden dann Schilder in den Schaufenstern norddeutscher Fischgeschäfte, und auf den Speisekarten der Restaurants werden Stinte satt! angeboten.
Knappe vier Wochen dauert die Saison, dann aber gibt es den Salmoniden täglich frisch vom Kutter: Die zehn bis zwanzig Zentimeter großen, silbergrauen Fischchen duften appetitlich und intensiv nach Gurke! In Heimarbeit zubereitet, bedarf das Durcheinander in einer großen Tüte mit Stintfisch sorgfältigster Prüfung. Denn leider gibt es auch bei der Stint-Fischerei Beifang. In der letzten Saison fanden sich im Hause Paul gleich zwei winzige Zanderfische mit extrem spitzen und harten Rückenflossen im Stintgewirr – gerade eben so sprangen wir dem Erstickungstod von der Schippe. Nicht unerwähnt bleiben soll hier auch die häufige Belastung mit Nematoden. Die winzigen Fadenwürmer fühlen sich, manchmal sichtbar, wohl im Stint (wie übrigens auch in Lachs, Kabeljau, Rotbarsch, Makrele und Hering), gut durchgebraten ist das allerdings nur noch ein persönliches Kopfproblem. Üblicherweise werden lediglich größere Exemplare ausgenommen. Immer aber werden die Fische im Ganzen in Roggenmehl paniert und in Butterschmalz knusprig gebraten. Nicht verschwiegen werden darf an dieser Stelle die neuen Unsitte, die sich mittlerweile leider in einigen Hamburger Restaurants eingeschlichen hat: Die armen Fische wandern dort in die Fritteuse und schmecken anschließend leider auch, ganz genau: nach Fritteuse. Stint will in Butterschmalz, oder einer Butter-Öl-Mischung geschwenkt werden, bis er goldbraun ist. Gerne wird hier und da etwas Speck im Butterschmalz mitgebrutzelt, der übertönt allerdings schnell den zarten Geschmack des Fisches. Traditionell wird Stint mit Kartoffelsalat gereicht, auch hier ist oft knuspriger Speck die Beigabe der Wahl in norddeutschen Küchen, in der leichteren Version wird der Kartoffelsalat noch mit frischen Gurken gepimpt.
Es ist aber nicht nur ein kulinarischer Glücksfall, wenn sich die Stinte einmal im Jahr zeigen. Noch im 19. Jahrhundert wurden die Silberlinge an der Elbe in Waschkörben an Land gezogen. Mit der zunehmenden Verschmutzung der Flussläufe verschwanden die Stinte beinahe völlig. Seit den 1990er-Jahren steigt die Wasserqualität der Elbe erfreulich und die Stinte sind zurück – ein doppelter Grund zur Freude. Den wenigen professionellen Flussfischern, die es noch gibt, bedeuten die kurzen Wochen mit dem Stint Knochenjob und Hochsaison: Mit jedem Niedrigwasser werden die Netze, Angeln und Reusen ausgebracht, bei Hochwasser wird gefischt, rund um die Uhr. Am Elbufer in Altengamme stehen die Hobbyangler während der Saison Schulter an Schulter und werfen den Heringspaternoster mit zwei Haken aus. Links und rechts der Ufer von Elbe und Weser danken es die Menschen, essen den Stint mit Genuss und freuen sich mit dem letzten Happen schon auf die nächste Saison.
Rezept Stint