Auslandsaufenthalt: Ich fühle mich meiner Tochter sehr nah – auch wenn sie weit weg ist - DER SPIEGEL
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Marianne Wellershoff

meinung •Von Erziehung zu Beziehung Ich fühle mich meiner Tochter sehr nah – auch wenn sie weit weg ist

Marianne Wellershoff
Ein Familiennewsletter von Marianne Wellershoff
Meine Tochter widerspricht mir. Und das finden wir beide gut so. Denn es zeigt, wie stark unsere Bindung ist. Daran kann der zwischen uns liegende Atlantik nichts ändern.

Mit unserer fünfzehnjährigen Tochter komme ich seit einigen Wochen zwischen fünf und sechs Uhr morgens ins Gespräch. Ihrer Zeit, muss ich dazu sagen, denn sie geht in North Carolina zur Schule. Ihre Zwillingsschwester ist in Deutschland geblieben. Meine US-Tochter muss um sechs Uhr den Schulbus nehmen, und wir nutzen die müden Minuten nach dem Aufwachen, um per Videotelefonat miteinander zu sprechen.

Ich liebe das. Denn wir trotzen der räumlichen Distanz durch Austausch, der Nähe erzeugt. Die gesamte Kommunikation ist bereinigt von den Alltagsnervereien, von Gesprächen über Arbeiten, Aufgaben, Aufräumen, die man zu Hause in Deutschland miteinander hat. Natürlich haben wir auch jetzt »Und was planst du für deinen Tag?«-Gespräche, aber die anderen, intensiven Momente stechen heraus. Wahrscheinlich gab es die sonst ebenfalls, aber in unserer Fernbeziehung haben sie mehr Raum.

Fernbeziehung: Durch das tägliche Videotelefonat bleiben wir uns nahe (Symbolbild)

Fernbeziehung: Durch das tägliche Videotelefonat bleiben wir uns nahe (Symbolbild)

Foto: Andrii Lemelyanenko / iStockphoto / Getty Images

Und so sagte meine Tochter neulich zu mir, sie fände es schön, dass sie mit mir auf Augenhöhe kommuniziere. So solle es doch sein zwischen Eltern und Kindern. Es sei ja nicht so, dass Eltern oben stünden und Kinder unten. Sie demonstrierte das Oben und das Unten mit ihren Händen. Freundinnen hätten ihr nämlich gesagt, dass sie mir nicht widersprechen dürfe, ich sei schließlich ihre Mutter.

Ich habe mich sehr, sehr gefreut über das, was meine Tochter mir erzählt hat, und ich habe ihr genau das gesagt. Denn nicht nur ist es mir wichtig, dass sie innere Stärke und eine eigene Haltung entwickelt und ihre Meinung äußert, auch wenn andere – und vielleicht mächtigere – Menschen diese nicht teilen. Sondern es hat mir auch gezeigt, dass sie das Vertrauen hat, dass unsere Beziehung Widerspruch oder Kritik aushält. Dass sie eine sichere Bindung hat (was das ist, hat meine Kollegin Maren Keller hier  beschrieben), trotz der vielen Fehler, die ich in den vergangenen fünfzehn Jahren sicher gemacht habe. Ich freue mich schon auf unser nächstes Gespräch.

Ausgerechnet in diesen Zeiten in einem Swing State zu leben, ist eine besondere Erfahrung für sie. In Deutschland geht sie in eine Schule, in der es in der zehnten Klasse ein einwöchiges Politikprojekt gibt. In der US-amerikanischen Schule, die sie besucht, darf dagegen im Unterricht nicht über aktuelle Politik gesprochen werden, nicht über Trumps Wahlsieg und nicht darüber, ob man sich über diesen freut oder an ihm verzweifelt. Falls Sie zu den Verzweifelten gehören: Mein Kollege Markus Deggerich hat ein paar Bewältigungsstrategien entwickelt .

Ihre Meinung zur Wahl behält unsere Tochter für sich. Nicht, weil sie daraus ein Geheimnis machen möchte. Sondern aus Respekt vor den Amerikanern, die selbst über ihr Land entscheiden.

Wie ist das bei Ihnen? Kommunizieren Sie mit Ihren Kindern auf Augenhöhe? Ab welchem Alter halten Sie das für angemessen? Und haben Sie mit Ihren Kindern über die US-Wahl und das Chaos in der deutschen Politik gesprochen? Schreiben Sie es mir gern an familiennewsletter@spiegel.de .

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Einmal die Woche erzählen fünf Mütter und Väter aus ihrem Leben und geben Lesetipps, was für Familien interessant sein könnte. (Wer wir sind, lesen Sie hier.) Schreiben Sie uns gern Ihre Gedanken zum Thema Familie, Ihre kleinen Geschichten aus dem Alltag, Ihre besonderen Momente mit Ihren Kindern! Wir würden uns freuen! Unsere Adresse: familiennewsletter@spiegel.de 

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Meine Lesetipps

Was wir wann sagen und was wir für uns behalten, wann ein Geheimnis gut ist und wann es uns schadet – dazu ist gerade die neue Ausgabe von SPIEGEL Wissen »Die Macht der Geheimnisse«  erschienen. Darin schildert zum Beispiel meine Kollegin Heike Le Ker die Geschichte eines Mannes, dessen Eltern ein großes Geheimnis vor ihm hatten: dass er einen anderen biologischen Vater hat. Für ihn war das ein Schock, zumal seine Eltern zu diesem Zeitpunkt verstorben waren und seine Fragen unbeantwortet blieben. Den Text dazu lesen Sie hier .

Was passiert, wenn man sein Geheimnis lüftet, diskutieren die Schriftstellerinnen Ronja von Rönne und Kathrin Weßling mit unserem Kollegen Benjamin Maack . Alle drei haben Depressionen und ADHS, alle drei haben Bücher darüber geschrieben. Weßling erzählt in dem Gespräch: »Wenn ich sage, dass es mir nicht gut geht, wussten frühere Chef:innen nicht, wie sie darauf reagieren sollen. Da ist das Verständnis dann immer ganz schnell nicht mehr da. Meine Krankheit hat nicht verhindert, dass ich Jobs bekomme. Aber ich habe ihretwegen schon viele verloren.«

SPIEGEL WISSEN 2/2024

Die Macht der Geheimnisse – 13 Geheimnisse hat jeder Mensch im Schnitt, viele sind belastend. In dieser Ausgabe erfahren Sie, wie man sich öffnet und ein wahrhaftiges Leben führt.

Wir haben aber auch Geheimnisse vor uns selbst – das sind dann Selbsttäuschungen. Manche Menschen machen sich vor, sie seien großartig und überlegen, fühlen sich aber in Wahrheit klein und unterlegen. Solche Selbsttäuschungen machen anfällig dafür, von anderen manipuliert zu werden, wie der Psychologieprofessor und Therapeut Rainer Sachse in SPIEGEL Wissen erläutert. Und wie erkennt man Manipulationen? »Achten Sie aufs Störgefühl!«, rät Sachse .


Das jüngste Gericht

Nicht nur in den USA, auch hierzulande gibt es viele Gründe, an der Politik zu leiden und Trost zu brauchen. Da hilft ja immer Schokolade, weshalb jede und jeder Deutsche im Schnitt rund acht Kilo pro Jahr vertilgt. Die Weltlage und die Lage in unserem Land liefern weitere Gründe, mehr davon zu essen. Unsere Kolumnistin Verena Lugert hat in England beim Starkoch Heston Blumenthal gearbeitet und dort gelernt, wie man eine superleckere Mousse au Chocolat zubereitet. Ein Geheimnis gibt es bei der Zubereitung auch.


Mein Moment

Kind mit Downsyndrom (Symbolfoto): »Ab Schuleintritt wird separiert«

Kind mit Downsyndrom (Symbolfoto): »Ab Schuleintritt wird separiert«

Foto: DenKuvaiev / iStockphoto / Getty Images

Meine Kollegin Sandra Schulz schreibt regelmäßig über das Familienleben mit ihrer Tochter, die das Downsyndrom hat. Ihre Texte bewegen mich jedes Mal, denn sie setzen sich nicht nur mit ihrer besonderen Situation auseinander, sondern sie haben immer auch eine gesellschaftspolitische Dimension: Wie gehen wir als Gesellschaft mit Menschen um, die eine Einschränkung haben? Wie schaffen wir hier einen fairen und angemessenen Umgang auf Augenhöhe miteinander? Dass wir damit schon in der Kita anfangen sollten, hat sie in ihrem letzten Text geschrieben. Und eine Leserin, deren Tochter einen seltenen Gendefekt hat, hat ihre Sorgen geschildert:

»Mit zunehmendem Alter werden die Unterschiede zu den ›normalen‹ Kindern immer größer und wahrscheinlich damit, wie Sie schreiben, auch die Ereignisse häufiger, bei denen sie Ausgrenzung erfahren. Das macht mir große Angst. Leider ist meine Hornhaut auf der Seele noch nicht besonders dick.

Große Sorge habe ich auch für ihre baldige Einschulung. Damit beginnt für uns die große Ausgrenzung. Im Kindergarten funktioniert alles noch super, ganz selbstverständlich ist sie mit normal entwickelten Kindern zusammen. Ab Schuleintritt funktioniert das nicht mehr. Dann wird separiert. Das frustriert mich unheimlich. Man kann schwer von Erwachsenen erwarten, dass sie mit Behinderten normal umgehen, wenn sie von jungem Alter an gezeigt bekommen, dass diese ausgegrenzt werden und kein Kontakt zu behinderten Menschen besteht. Wie gern würde auch ich mein Kind vor solchen Erfahrungen beschützen. Leider geht das nicht. Alles, was wir ihnen bieten können, ist ein stabiles familiäres Umfeld und ganz viel Liebe, das sie hoffentlich stark genug macht für die Zukunft.«

Herzlich,
Ihre Marianne Wellershoff