meinung •Familienchats vom Pandemiebeginn »Herzlich willkommen in der Corona💩«
Ich habe ein furchtbar schlechtes Gedächtnis. Das ist manchmal blöd, oft aber auch sehr hilfreich. Wenn meine Frau zum Beispiel sagt, wie schlimm die Coronazeit war, denke ich mir: »Ach ja? Weiß ich gar nicht mehr.« In diesen Tagen beginnt die große Corona-Rückschau-Berichterstattung, weil es mittlerweile fünf Jahre her ist, dass sich das Virus verbreitete und nach und nach die Welt lahmlegte.
Der NDR nimmt das Jubiläum zum Anlass, das »Corona-Update« neu aufzulegen, jenen Podcast, in dem unter anderem die Virologin Sandra Ciesek, der Infektionsimmunologe Leif Erik Sander und der Virologe Christian Drosten regelmäßig über aktuelle Entwicklungen und Forschungserkenntnisse sprachen. Auch andere Medien haben begonnen, auf den Beginn der Pandemie zurückzublicken.
Und ich versuche herauszufinden, was ich eigentlich vor fünf Jahren gemacht und gedacht habe. Weil ich das nicht mehr weiß, habe ich in mein Handy geschaut und festgestellt: Ende Januar 2020 spielte das Coronavirus in unserer Familien-WhatsApp-Gruppe noch keine Rolle. Am 8. Februar postete ich ein ganz zauberhaftes Video, das meinen damals zweijährigen Sohn dabei zeigt, wie er den Flur wischt, weil mein Bruder mit Frau und Kind zu Besuch kam. Und das Wochenende vom 21. bis zum 23. Februar verbrachten wir mit der ganzen Familie in einem Hotel in der Lüneburger Heide.
Schütze sich, wer kann – »Es ist nun auch in Hamburg angekommen«
Foto:Daniel K Schweitzer / plainpicture
Von Infektionsgefahr, Quarantäne oder Schutzmaßnahmen war da noch keine Rede. Erst am 28. Februar schrieb meine Schwester eine Nachricht, die mit den Worten beginnt »Guten Morgen, es ist nun auch in Hamburg angekommen«. Im weiteren Verlauf heißt es unter anderem: »Daher besser zu Hause bleiben, wenn möglich, Menschenmengen meiden, im Homeoffice arbeiten, Vorräte anlegen, häufig Händewaschen.«
Meine Frau ist Lehrerin, sie schrieb: »Bisher spielt das Thema an der Schule kaum eine Geige. Der Italien-Austausch wurde abgesagt, mehr nicht. Da ist man bisher sehr entspannt.«
Und ich entgegnete: »Man soll ›Hauptgriffflächen meiden‹. Da frage ich mich doch: Wenn alle das tun, sind es dann noch Hauptgriffflächen?« Dazu postete ich den Link zu diesem Artikel, in dem die Kolleginnen aus dem SPIEGEL-Gesundheitsteam alles Wichtige zusammengefasst hatten und der sich ehrlicherweise auch heute noch sehr gut liest.
Als ich den Text aus heutiger Perspektive gelesen habe, dachte ich, dass er bestimmt später aktualisiert wurde. Aber er ist seit Ende Februar 2020 tatsächlich nicht verändert worden. Erstaunlich, wie viel wir damals schon wussten.
Zurück zu unserem Familien-Chat. Meine Mutter schrieb: »Keine Panik! Wir Alten haben immer Vorräte im Haus. Ich persönlich hasse Massenveranstaltungen und gehe nicht jeden Tag zum Einkaufen. Die Hände werden ordentlich gewaschen und ins Büro müssen wir auch nicht.«
Meine Schwester, die in der Tourismusbranche arbeitet, war gedanklich schnell einen Schritt weiter: »Die wirtschaftlichen Folgen sind noch nicht abzusehen. Betrifft auch meinen Arbeitsplatz.«
Damit war das Thema fürs Erste beendet. Am 8. März 2020 postete ich in der Gruppe ein Video, in dem mein Sohn singt und mich auffordert, in die Hände zu klatschen. Drei Tage später schrieb meine Schwester, eine begeisterte Läuferin, dass der Marathon in Hamburg abgesagt sei, der immer Ende April stattfindet. »Das Schlimme daran: Offenbar glaubt man, dass die Lage in einem Monat nicht besser wird.« Wie wunderbar naiv wir waren.
Ich schrieb am 12. März: »Ich habe eine leichte Bronchitis und arbeite deswegen von zu Hause. Falls ihr Langeweile habt, kann ich sehr empfehlen, gerade Hustensaft und Hustenbonbons zu kaufen. Da bekommt man ganz besondere Blicke.😝«
Einen Tag später wurden offenbar Schulschließungen verkündet, denn meine Schwester schrieb an meine Frau gerichtet: »Herzlich willkommen in der Corona💩«
Am 16. März 2020 begann der erste Lockdown. Wissen Sie noch, wie Sie damals auf das Thema geblickt und sich mit Familie und Freunden darüber ausgetauscht haben? Gibt es Chatverläufe, die Sie mit uns und den anderen Leserinnen und Lesern teilen wollen?
Wir möchten möglichst viele Perspektiven sammeln und zu einem Artikel zusammentragen. Wenn Sie mögen, dann schicken Sie uns dafür bitte Screenshots oder abgetippte Auszüge aus Ihren Chats per E-Mail an familiennewsletter@spiegel.de – gern mit einem Hinweis, ob wir das Material anonymisiert oder mit Namensnennung verwenden und veröffentlichen dürfen.
Einmal die Woche erzählen fünf Mütter und Väter aus ihrem Leben und geben Lesetipps, was für Familien interessant sein könnte. (Wer wir sind, lesen Sie hier.) Schreiben Sie uns gern Ihre Gedanken zum Thema Familie, Ihre kleinen Geschichten aus dem Alltag, Ihre besonderen Momente mit Ihren Kindern! Wir würden uns freuen! Unsere Adresse: familiennewsletter@spiegel.de
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Meine Lesetipps
Ich habe kurz überlegt, ob ich Ihnen an dieser Stelle eine Liste der besten Artikel zusammenstellen soll, die in den vergangenen fünf Jahren zum Thema Corona bei SPIEGEL.de erschienen sind. Dann habe ich geschaut, wie viele es waren – und mich dagegen entschieden. Ein Blick in unser Redaktionssystem weist für das Schlagwort »Coronavirus« knapp 16.000 Treffer aus. Die wollte ich mir dann doch nicht alle noch mal durchlesen.
Empfehlen möchte ich Ihnen als Eltern aber die Tipps meiner Kollegin Miriam Olbrisch, ob man sein Kind heute trotz Coronainfektion in die Schule schicken sollte . Der Artikel stammt aus dem vergangenen Oktober.
Da uns das Thema Long Covid immer wieder beschäftigt, empfehle ich Ihnen zudem dieses Interview von Nina Weber und Julian Aé mit der Neuropathologin Helena Radbruch . Sie sagt unter anderem, dass man einen Teil des Risikos, an Long Covid zu erkranken, selbst beeinflussen kann. Auch dieses Interview ist aus dem Archiv.
Und dann möchte ich Ihnen noch einen herausragenden Artikel zur aktuellen politischen Debatte ans Herz legen, den mein Kollege Markus Deggerich geschrieben hat . Hier ein kleiner Auszug: »Mein Jüngster wird diesen Freitag erstmals in seinem Leben ein Zeugnis erhalten (ohne Noten), die Zweitjüngste erstmals eins mit Kopfnoten. Und ich frage mich, welche Noten sie uns als Eltern und Gesellschaft geben werden oder würden in zwanzig oder dreißig Jahren rückblickend auf heute? Steht da dann: ›Ungenügend beim Verteidigen der Demokratie und im Kampf gegen Neofaschismus‹ oder: ›Zu passiv gegenüber Verfall des Bildungssystems‹?«
Mein Buchtipp
Gerade in diesen Zeiten ist Zerstreuung wichtig. Umso schöner, wenn man sich von Lisbet und ihrer Oma zerstreuen lassen kann. Eigentlich muss man sich von Beginn an in das Buch »Der Sommer, in dem ich meine Oma zähmte« von der Schwedin Emma Karinsdotter verlieben.
Lisbet erzählt die Geschichte. Und die Art, wie sie ihre Oma auf den ersten Seiten vorstellt, gibt den Ton für die Erzählung vor: »Oma hatte es sich mit ihrem Frühstück, einer Müslischüssel voller Geleehimbeeren, unter dem Tisch gemütlich gemacht, und schaufelte sich die Süßigkeiten mit einem Löffel in den Mund.« Etwas später heißt es: »Auf dem Kopf trug Oma ihre Königskrone. Die hatte sie auf, weil sie der Sambakönig war.«
Wenn Sie jetzt auch unbedingt mehr wissen wollen, dann kaufen und lesen Sie dieses Buch. Es wird Ihnen und Ihren Kindern Spaß machen. Auch wegen der wunderbaren Illustrationen von Lilli L’Arronge. Denn natürlich kann man die Sambakönig-Oma auch sehen, wie sie mit ihrer Krone unter dem Küchentisch liegt.
Der Sommer, in dem ich meine Oma zähmte
Emma KarinsdotterPreisabfragezeitpunkt
17.10.2026 09.38 Uhr
Keine Gewähr
Das jüngste Gericht
Helga Lugert / I LOVE FOOD
Passend zum schwedischen Buch gibt es heute eine schwedische Rezeptempfehlung aus dem üppigen »Nervennahrung«-Archiv unserer Kochkolumnistin Verena Lugert. Ihr Kartoffelauflauf trägt den schönen Namen »Janssons Versuchung« und ist auch von einem Kinderbuch inspiriert.
Den Moment, in dem sie dieses Gericht zum ersten Mal gekocht und probiert hat, beschreibt Verena so: »Ich seufzte vor Zufriedenheit auf, als ich den ersten goldgelben Bissen mit seiner knusprigen Bröselkruste nahm, so weich und weltversöhnlich ist dieser einfache und trotzdem so besondere Auflauf.«
Hier finden Sie das Rezept. Viel Spaß beim Nachkochen und guten Appetit oder vielleicht doch lieber smaklig måltid!
Mein Moment
In meinem letzten Newsletter stellte ich mir (und Ihnen) die Frage, wie man sich richtig verhält, wenn man beobachtet, dass Eltern ihre Kinder in der Öffentlichkeit sehr laut zurechtweisen. Offenbar beschäftigt das Thema viele von Ihnen ebenso wie mich.
Ich bekam so viele Zuschriften, dass ich es immer noch nicht geschafft habe, alle zu beantworten (vielen Dank für die vielen Mails und Entschuldigung an alle, denen ich bisher nicht geantwortet habe; ich arbeite daran). Ich habe mir vorgenommen, aus den vielen klugen Gedanken und interessanten Erfahrungsberichten aus unterschiedlichen Perspektiven einen eigenen Artikel zu machen.
Als kleiner Vorgeschmack hier schon mal ein Auszug aus der Mail einer Leserin:
»Mir ist einmal eine ältere Dame sehr elegant zu Hilfe geeilt, ebenfalls an der Supermarktkasse. Mein Sohn war sehr aufgekratzt und ich sehr genervt von vielen Kleinigkeiten an diesem Tag. Ich reagierte auf all die ›Mamas‹ und Fragen und die kleinen Streiche meines Sohnes mit immer angespannterem Ton. Eine Frau hinter mir sprach ihn dann direkt an, fragte ihn lieb, wie er heißt, und setzte sich kurz mit ihm auf eine Bank, sodass ich entspannt einräumen und bezahlen konnte. Sie machte mich damit indirekt auf meine nicht wirklich konstruktive Art aufmerksam, half mir aber auch, die Situation zu bewältigen. Ich bedankte mich sehr herzlich bei ihr und erklärte meinem Sohn daheim, wieso ich so gereizt gewesen bin.«
Bleiben Sie aufmerksam und genießen Sie das Wochenende!
Herzlich,
Ihr Malte Müller-Michaelis