meinung •Familiennewsletter Unser Stammbaum gleicht eher einem Urwald
Eltern wie wir, also Eltern, die sich gern als modern bezeichnen oder empfinden, plagen sich oft mit Selbstzweifel. Wir wissen ziemlich genau, was wir nicht wollen: keine schwarze Pädagogik, keine Klischees von der gütigen Mutter und dem gestrengen Patriarchen, keine klassische Rollenaufteilung in Ernährer und Hüterin, Gewalt sowieso nicht. Aber das sind alles Negativformulierungen und Abgrenzungen. Für die Positivdefinition, wie wir sein wollen, fehlt es uns oft an Vorbildern: Wir sind Pioniere, was einerseits spannend ist, andererseits auch anstrengend. Und wir sind leicht zu verunsichern in der Terra incognita. Erst recht in Patchworkmodellen – wie in meinem Fall. Und ich glaube auch allen anderen Konstellationen, die vom klassischen Familienbild abweichen, das auch in und durch die Politik stets gefördert wurde: der Kernfamilie aus Vater, Mutter, Kind(ern).
Lasst uns miteinander: Jesus wurde doch auch von einem Bonusvater namens Josef erzogen
Foto: Yuri Arcurs / Tetra images / Getty ImagesEs ging diese Woche wieder viel um Rechtsfragen. Ob im Steuer-, Unterhalts- oder auch nur dem Namensrecht: Es waren keineswegs immer nur die konservativen Kräfte, die der Entwicklung im Wege standen. Offenbar ist das Thema Familie und Kinder nicht nur im Privaten, sondern auch im Politischen komplex und emotional. Die FDP fährt zum Beispiel beim Thema Grundsicherung für Kinder nun wieder den alten neoliberalen Kurs , ist aber gleichzeitig mit ihren jüngsten Vorschlägen zum Unterhaltsrecht sehr viel realistischer als die Grünen, die sich nun wieder selbst feiern für die Reform des Namensrechts, in der Unterhaltsdiskussion aber offenbar immer noch das Klischee zementieren, Kinder könnten nur bei der Mutter glücklich werden, und Väter sollten das halt finanzieren. Es ist verwirrend. (Orientierung bietet der Leitartikel meiner Kollegin Heike Klovert zum Unterhaltsrecht. )
Einmal die Woche erzählen fünf Mütter und Väter aus ihrem Leben und geben Lesetipps, was für Familien interessant sein könnte. (Wer wir sind, lesen Sie hier.) Schreiben Sie uns gern Ihre Gedanken zum Thema Familie, Ihre kleinen Geschichten aus dem Alltag, Ihre besonderen Momente mit Ihren Kindern! Wir würden uns freuen! Unsere Adresse: familiennewsletter@spiegel.de
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Mir persönlich ist es ohnehin zuwider, ständig Lebensmodelle zu vergleichen oder zu bewerten oder gegeneinander aufzurechnen. Soll doch jeder auf seine Weise glücklich werden, solange seine Freiheit nicht die Freiheit anderer einschränkt oder andere bevormundet oder andere – finanziell – darunter leiden. Ich halte auch nichts davon, Familienmodelle mit Attributen zu versehen, nach dem Motto: Kernfamilien seien konservativ und alle diversen progressiv. Es kann genau andersrum sein.
Es gibt sie übrigens fast nie, die sogenannte »heile« Welt oder »heile« Familie. Alle befinden sich in einem ständigen Prozess und Ringen um das Beste und unterliegen Veränderungen, gesellschaftlichen und privaten: Familie ist keine Kurzstrecke, sondern ein Lebensmarathon. Ich werde vermutlich nie eine Goldene Hochzeit feiern, so wie meine Eltern, aber mir käme es nicht in den Sinn, deshalb ihr Modell als »glücklich« und meines als »kaputt« oder zumindest »schwierig« zu bezeichnen.
Wenn ich mich mal angegriffen oder abgewertet fühle wegen meiner Patchworkgroßfamilie, hilft mir meine katholische Grundausbildung. Die lege ich allerdings anders aus als Mutter Kirche: Ich sage nämlich gern, dass es doch Jesus war, der von einem Bonusvater namens Josef erzogen wurde und noch im Moment seines Todes, am Kreuz, seiner Mutter Maria seinen besten Freund als neuen (Ersatz-)Sohn ans Herz legte. Dass Jesus also eine Patchworkfamilie gründete.
Als mein Jüngster kürzlich für die Kita seinen Stammbaum mit uns aufmalen sollte, brauchten wir ein ziemliches großes Papier. In meinem bunten Patchworkhaufen haben meine fünf Kinder zwei biologische Väter und zwei biologische Mütter, die zum Teil wieder neu liiert sind mit anderen Patchwork-Konstellationen. Der Stammbaum glich eher einem Urwald. Aber im Idealfall ist es eben auch ein Netz, das trägt – und hoffentlich auch dann hält, wenn mal einer ausfällt. Mein Ältester aber, der vergangenes Jahr fürs Studium weggezogen ist, hatte erst mal keinen Bock auf eine Wohngemeinschaft. Ich fand das seltsam, weil ich dachte, es sei der leichteste Weg in einer neuen Stadt, um Anschluss zu finden. Seine, wie ich dann aber fand einleuchtende Begründung: »Ich möchte mal allein sein«.
Nein, Patchwork ist nicht das neue Normal. Es ist aber eben auch nicht unnormal. Fertig.
Ich kenne sehr traurige Patchworkgeschichten, von Kindern, die den Kontakt zu ihren leiblichen Eltern abbrechen, weil sie sich von den Kindern der neuen Partnerin verdrängt fühlen; von Liebenden, die sich wieder trennen, weil sie merkten, dass sie jeweils ihre Kinder überfordern. Ich kenne aber auch ermutigende Geschichten, in denen gerade die Bonuseltern und die Trennungskinder unglaubliches leisten an Integrationsarbeit , wo die biologischen Eltern nicht konkurrieren, sondern sich ergänzen, jeder mit seinen Stärken und Schwächen. Und ich kenne nach 20 Jahren Vaterschaft auch traurige und schöne Geschichten für jede andere Familienkonstellation. Am Ende ist es doch so: Nicht das Modell definiert unser (Un-)Glück, sondern wir Menschen.
Niemand hat das Recht, irgendein Modell zu verdammen oder zu glorifizieren – deshalb müsste die Politik auch alle gleichwertig fördern. Wir machen Fehler, müssen lernen und verzeihen, weil wir eben nur das sind: suchende Menschen, ob unter einem katholischen Kreuz oder einer Regenbogenfahne.
Meine Lesetipps
Natürlich geht es in Familien jeglicher Art um Zusammenhalt, Vertrauen und Verlässlichkeit. Und es ist kein Paradox, dass der größte Beweis dafür ausgerechnet die Kunst des Loslassens ist. Ich schätze die Kolumnen von Julius Fischer sehr: Er schreibt scheinbar leicht und unterhaltsam über Schweres, ich kann bei ihm lachen und mitfühlen. Und als männlicher Autor im Themenfeld Familie und Kinder fühle ich mich dann auch nicht mehr soooo allein. Julius hat diese Woche, wieder sehr schön über eben diese Kunst geschrieben: das Loslassen . Für ihn nun zum ersten Mal, sozusagen am Beginn der Kindheit, für mich war es im vergangenen Jahr am Ende einer Kindheit.
Das jüngste Gericht
Ich bin in einer sehr großen Familie aufgewachsen, mit drei Schwestern und einem Bruder. Was unsere Mutter da allein an Wäschebergen und Essen abgearbeitet hat, weiß ich erst zu schätzen, seitdem ich selbst fünf Kinder habe. Was uns schon immer wichtig war: das gemeinsame Essen. Es verbindet einfach. Essen ist Liebe und Kommunikation. Das Schöne an den Kochkolumnen von Verena Lugert ist für mich, dass sie ihre Rezepte mit Reisen im Kopf verbindet. Ich kann fast riechen und schmecken beim Lesen, wo sie das wieder für uns aufgegabelt hat. Ich meine: Auf Auberginenomelett mit Bananenketchup muss man erst mal kommen. Sie macht im besten Sinne stets Appetit auf mehr.
Mein Moment
Ja, natürlich wollen wir mit diesem Newsletter auch für all unsere Texte werben. Aber ehrlich gesagt: Warum nicht? Ich zum Beispiel bekomme in der Flut von Informationen und Texten allein auf unserer SPIEGEL-Seite einfach nicht mehr alles mit und freue mich, wenn mich jemand auf Texte hinweist, die zu mir passen oder besonders gelungen sind. An dieser Stelle möchte ich aber ausnahmsweise nicht uns loben, sondern Sie, liebe Leserinnen und Leser. Unser Baby, der »Newsletter Elternabend«, ist ja noch recht jung, aber wir sind wirklich überwältigt, mit wie viel Interesse und Empathie Sie uns schreiben und offen aus Ihrem Familienleben berichten. Das ist nicht selbstverständlich, es freut uns nicht nur, es berührt uns alle, die hier mitarbeiten. Wir überlegen, wie wir das noch besser auffangen können, uns mit Ihnen vernetzen. Ich vermute, meine Kollegin Julia Stanek bräuchte Monate, um all die Post zu beantworten, die sie bekommen hat nach ihrem Newsletter zum Thema »drei Söhne«. Friedhelm S. schrieb ihr zum Beispiel:
»Wir sind Eltern von drei Jungs, (heute große, selbstbewusste, erfolgreiche Männer) und haben bis heute viel Schönes erlebt und nichts bereut. Allerdings kamen beim Dritten auch die Kommentare wie ›Sollte das nicht ein Mädchen werden?‹, ›Drei Kinder das ist doch asozial‹. Oder ich wurde als Vater angesprochen: ›Na, was haste denn diesmal falsch gemacht?‹. In einer Sitzung berichtete ich, dass unser dritter Sohn geboren wurde, da reagierte ein Kollege sogar fast eifersüchtig und sagte: ›Tu nicht so, als ob das was Besonderes ist‹.
Wir leben in einer Zeit, in der wirklich alles hinterfragt, oder wissenschaftlich interpretiert wird. Schade, dass die Natur nicht einfach mal nur Natur sein darf. Ich bin übrigens einer von vier Söhnen und mein Urgroßvater war einer von sieben Söhnen + einer Tochter.«
Haben Sie Ideen, wie wir uns untereinander noch besser vernetzen könnten? Damit wir uns eben nicht gegenseitig bewerten oder gar abwerten, sondern eine Lobby bilden.
Kommen Sie gut durch die Woche, egal, in welcher Familienkonstellation.
Herzlich,
Ihr
Markus Deggerich