Zeitreise Die Woche vor 20 Jahren
Flucht vor dem Krieg
Heute fliehen Menschen zu Hunderttausenden vor allem aus Syrien oder Irak. Massive Fluchtwellen erschütterten Europa schon in den Neunzigerjahren, als der Ostblock und dann Jugoslawien zerfielen. Auf diesem Foto vom 26. Mai 1996 kehrten 121 bosnische Flüchtlinge aus der Türkei zurück nach Sarajevo. Zehntausende Menschen starben im Bosnienkrieg von 1992 bis 1995. Millionen suchten wegen der Kämpfe zwischen bosnischen und serbischen Truppen Zuflucht in Europa und der Türkei. Sie fürchteten "ethnische Säuberungen", Massenvergewaltigungen und Völkermord, wie beim Massaker von Srebrenica.
Hohes Bein
Die EM 2016 rückt näher, schon ist die deutsche Nationalmannschaft zum Trainingslager ins Tessin gereist. Auch vor 20 Jahren bereiteten sich die Spieler gerade aufs Turnier vor - hier streckte sich Mittelfeldmann Matthias Sammer am 23. Mai beim Trainingscamp in Belfast. Das Team von Trainer Berti Vogts wurde Europameister, dank des ersten und letzten "Golden Goal" der Geschichte, das Oliver Bierhoff im Finale erzielte. Den Weg geebnet hatte Sammer mit seinem 2:1 gegen Kroatien und einer starken Turnierleistung. Er zählte zu den
besten Fußballern, die aus Ostdeutschland in die deutsche Nationalmannschaft kamen (mehr...)
. Der "Feuerkopf" wurde 1996 dann auch zu Europas Fußballer des Jahres gewählt.
Eingeschifft
Mit Säcken voller Brot beluden ukrainische Seeleute am 22. Mai 1996 das Kriegsschiff Hetman Sahaidatschnyj im Hafen von Sewastopol. Hier hatte die Schwarzmeerflotte ihren Stützpunkt; darauf erhoben nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sowohl Russland als auch die Ukraine Anspruch. In mehreren Abkommen einigten sich die Staatschefs Boris Jelzin und Leonid Kutschma auf eine gemeinsame Nutzung von Sewastopol. Die Schiffe der Flotte wurden unter beiden Staaten aufgeteilt.
Liebe mit Stoppuhr
Mit der Anwesenheit von Zuschauern hatten Pan Pan (oben) und Lei Lei (unten) offenbar keine Probleme, als sie am 20. Mai ihrem Begehren innig Ausdruck verliehen. Das Liebesritual beobachteten Wissenschaftler mit Notizblock und Stoppuhr im Tierschutzgebiet Wulong im Südwesten Chinas. Sie erforschten das Paarungsverhalten der Tiere, die vom Aussterben bedroht sind und sich nur selten fortpflanzen. Das Ziel der Forscher: einen kleinen Baby-Bären im Reagenzglas züchten, um die Art zu erhalten.
SPIEGEL-Cover zur Kollektivschuld
Sind die Deutschen ein Volk von Judenmördern - was wussten sie vom Holocaust? Was konnten sie wissen, was taten sie? Damit beschäftigte das Magazin sich
vor 20 Jahren in der Titelgeschichte (mehr...)
der Ausgabe 21/1996. Kurz zuvor war das Buch "Hitlers willige Vollstrecker" des US-Soziologen Daniel Goldhagen erschienen. Seine Perspektive: Die Ausrottung der Juden sei das nationale politische Ziel der Deutschen gewesen. Die große Mehrheit habe von den Morden nicht nur gewusst, sondern sei auch zur Teilnahme bereit gewesen und habe sich damit aus der Gemeinschaft zivilisierter Völker ausgeschlossen.
Überflieger
Die Lebensumstände in der Diktatur habe er nicht länger ertragen können - so begründete der nordkoreanische Pilot Lee Chul-su, dass er ins verfeindete Südkorea überlief. Das Foto zeigt die MiG-19, mit der er floh, bewacht von südkoreanischen Soldaten am 23. Mai 1996 auf dem Luftwaffenstützpunkt Suwon. Die Fahnenflucht des Luftwaffenkapitäns war brisant: Zwischen dem kommunistischen Norden und dem demokratischen Süden gab es starke Spannungen; die Alarmsirenen in der Hauptstadt Seoul hatten nicht auf den Eindringling im Luftraum reagiert.
Frau wird angestiert
Die 24-jährige Christina Sanchez empfing am 25. Mai einen Stier in der Feria de Nîmes, einer Arena in Südfrankreich. Es war ihre Abschlussprüfung, die sie zum ersten weiblichen Matador Europas machte. Selbst in Mexiko und Südamerika war das vor ihr nur vier anderen Frauen gelungen. In ihrer Karriere feierte Sanchez danach mit dem umstrittenen Ritual auch in Süd- und Mittelamerika große Erfolge. Internationale Medien stilisierten sie zu einer Ikone des Feminismus.
Schwankender Präsident
Vor 20 Jahren machten der Tschetschenienkrieg und Korruptionsvorwürfe dem russischen Präsidenten Boris Jelzin schwer zu schaffen. Ende Mai befand er sich im Wahlkampf gegen Gennadi Sjuganow, den Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Russlands. Auf diese Holzschaukel schwang er sich beim Besuch des Freilichtmuseums für russische Kultur in Archangelsk im Norden Russlands. Die Zuschauer amüsierten sich.
Palmen im Schnee
Am 20. Mai 1996 endeten die 49. Filmfestspiele im französischen Cannes. Einer der Preisträger: Regisseur Joel Coen. Er wurde für seine bitterböse Gangsterposse "Fargo" ausgezeichnet. Im Film soll die schwangere Polizistin Marge Gunderson (Frances McDormand) eine Mordserie in der eisigen Ödnis Minnesotas aufklären. Für ihre Leistung gewann McDormand gleich noch einen Oscar; den fürs beste Drehbuch teilte sich Joel Coen mit seinem Bruder Ethan.
Praterstimmung
Ein Berliner Paar genoss am 25. Mai die Wiedereröffnung des Pratergartens in der Kastanienallee. Der Biergarten war nach der Wende über fünf Jahre lang geschlossen geblieben und hatte eine lange Tradition: Schon Mitte des 19. Jahrhunderts schenkte man an dem Platz am Prenzlauer Berg in Berlin Bier aus. Um die Jahrhundertwende erlebte der Prater mit Theater- und Varietévorstellungen seine Glanzzeit; nach dem Zweiten Weltkrieg spielte hier die Berliner Volksbühne. Heute zieht der Ort Berliner und Touristen gleichermaßen an.
Mit Maschinengewehr und Flip-Flops
In Liberia tobte ein furchtbarer Bürgerkrieg und stürzte das Land ins Chaos. Das Foto zeigt schwerbewaffnete Kämpfer vom Volksstamm der Krahn, die in der Hauptstadt Monrovia am 23. Mai eine Stellung der NPFL (National Patriotic Front of Liberia) attackierten. Im Bürgerkrieg kämpfte die NPFL unter Führung des früheren Regierungsbeamten Charles Taylor gegen das diktatorische System von Präsident Samuel Kanyon Doe. Zwischen 1989 und 1996 begingen die beteiligten Parteien zahllose Gräueltaten und setzten Kindersoldaten ein. Hunderttausende Menschen starben.
Nass gemacht
Die Hamburger Schwimmerin Sandra Völker (rechts) wurde 24. Mai 1996 deutsche Meisterin und präsentierte strahlend ihre Goldmedaille für den Sieg im 100-Meter-Freistil. Rivalin Franziska van Almsick holte diesmal nur Silber. Hoffnungsträgerinnen des deutschen Schwimmsports waren sie beide, Freundinnen nie. Ihre Karrieren verliefen höchst unterschiedlich: Van Almsick bekam viel Aufmerksamkeit, holte die Kameras an den Beckenrand und verdiente viel Werbegeld. Dagegen landete Völker später in der Privatinsolvenz und musste ihre Medaillen versteigern.
Millionenbeute
Eine Menge Lösegeld - aber bei Weitem nicht alles. Am 27. Mai 1996 stapelte ein spanischer Polizist Geldbündel und Ausweisdokumente auf der Motorhaube des Wagens von Wolfgang Koszics. Er zählte zu den Entführern des Hamburger Millionärs Jan Philipp Reemtsma, der im März und April 33 Tage lang in der Gewalt einer vierköpfigen Verbrecherbande war. Die Entführer wurden gefasst, Haupttäter Thomas Drach wurde später zu einer Freiheitsstrafe von 14 Jahren und sechs Monaten verurteilt, Koszics zu über zehn Jahren Haft. Seine Leiche wurde am 10. Februar 2014 an der portugiesischen Algarve gefunden. Vom Großteil der Beute fehlt bis heute jede Spur.
Schweres Geschütz
Mit einem Artilleriegeschütz feuerte ein russischer Soldat am 23. Mai auf das Dorf Bamut in Tschetschenien. Im Krieg um die Unabhängigkeit der ehemaligen sowjetischen Republik von Russland kamen zwischen 1994 und 1996 Zehntausende Menschen ums Leben. Bamut wurde dabei zum Symbol des Widerstandes gegen den starken Nachbarstaat. Zwar nahmen russische Truppen das Dorf im Juni nach 18-monatigen Kämpfen ein - sie fanden aber nur noch Trümmer vor.
Der Maskenmann
Bäämmm - mit voller Wucht traf Henry Maske seinen Widersacher John Scully am Kopf. Im Kampf am 25. Mai 1996 verteidigte der deutsche Boxweltmeister im Halbschwergewicht seinen IBF-Titel mit einem Punktsieg. Der Leipziger Kampf sollte Maskes letzter Sieg in einer Serie von zehn Titelverteidigungen sein. Fünf Monate später trat der "Gentleman" in der Münchner Olympiahalle gegen Virgil Hill an - und verlor seinen WBA-Titel an den Amerikaner.
Top of the Pops
Die Nummer 1 der Charts Ende Mai 1996 war "They Don't Care About Us" von Michael Jackson - auch wegen des eindrucksvollen Videos, das in einem Slum von Rio de Janeiro entstanden war:
Moonwalk im Favela-Staub - Alex Gernandt war als Reporter dabei. (mehr...)
20 Jahre danach hat kürzlich Tito Jackson, Bruder des verstorbenen Musikers, am gleichen Ort ein weiteres Video zum Song "Winning By Giving" gedreht.
Und wer war noch in den Mai-Charts 1996? Hier die Top Ten:
1. Michael Jackson: "They Don't Care About Us"
2. Los del Rio: "Macarena"
3. Robert Miles: "Children"
4. Mr. President: "Coco Jamboo"
5. Captain Jack: "Drill Instructor"
6. The Prodigy: "Firestarter"
7. U96: "Heaven"
8. 2 Pac feat. Dr. Dre & Roger Trautman: "California Love"
9. Fool's Garden: "Lemon Tree"
10. Mark Morrison: "Return Of The Mack"