Bob Beamon wird 70: Er flog in die Ewigkeit - DER SPIEGEL
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Wunderspringer Bob Beamon Er flog und flog und flog in die Ewigkeit

Dieser Satz war so sensationell, dass die Messung versagte: 8,90 Meter sprang Bob Beamon 1968 in Mexiko. Zum 70. Geburtstag spricht er über den bis heute unangetasteten Olympiarekord, Black Power und eine Tracht Prügel für seinen Nachfolger.
Bob Beamon reiste als Weitsprung-Favorit zu den Olympischen Spielen in Mexiko, doch was dann geschah, hatte auch er nicht erwartet
Bob Beamon reiste als Weitsprung-Favorit zu den Olympischen Spielen in Mexiko, doch was dann geschah, hatte auch er nicht erwartet

Bob Beamon reiste als Weitsprung-Favorit zu den Olympischen Spielen in Mexiko, doch was dann geschah, hatte auch er nicht erwartet

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imago/ PanoramiC

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

einestages: Ihr Weltrekord am 18. Oktober 1968 kam wie aus dem Nichts. Hatten Sie selbst einen Sprung über 8,90 Meter für möglich gehalten?

Beamon: Erwartet habe ich das nicht. Aber es ist passiert, ich bin immer noch sehr glücklich. Dieser Rekord bedeutet mir viel. Ich hatte hart dafür gearbeitet, mich fürs Olympiateam zu qualifizieren. Gegen die Besten der Welt anzutreten, hat mich beflügelt. Ich bin froh, dass ich den Rekord bei den Olympischen Spielen gesprungen bin, denn das ist der beste Ort, um seine Leistung zu zeigen. Bei den nächsten Sommerspielen in Tokio wird mein Olympischer Rekord bereits 52 Jahre alt sein.

einestages: Die Weite war verblüffend, Ihr Sieg nicht. Immerhin hatten Sie im Vorfeld alle Wettkämpfe gewonnen.

Beamon: Das stimmt. Ich bin nach Mexiko geflogen, um Gold zu gewinnen. Und das habe ich geschafft. Ich bin nicht angetreten, um Weltrekord zu springen. Dass mir das gelungen ist, war die Sahne auf dem Kuchen.

einestages: Welche Erinnerungen haben Sie an den Wettkampf?

Beamon: Ich wollte einen anständigen ersten Sprung hinlegen und mit dem zweiten angreifen. Doch dann bin ich sofort diese 8,90 Meter gesprungen. Tempo, Absprung, alles passte. Das hat nicht nur mich, sondern die ganze Welt überrascht. Es war einfach ein unglaublicher Augenblick und ist zur rechten Zeit am rechten Ort passiert. Ich konnte es zuerst gar nicht fassen.

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Leichathlet Bob Beamon: Ein Mann, ein Sprung, ein Sportlerleben

Foto: imago/ United Archives

einestages: Sie mussten ja auch minutenlang auf das Ergebnis warten. Warum?

Beamon: Auf diese Weite war das elektronische Messgerät nicht ausgelegt, ein Maßband musste geholt werden. Aber selbst als 8,90 Meter angezeigt wurden, konnte ich nichts damit anfangen - mit dem metrischen System war ich nicht vertraut. Erst als ich 29 Fuß und 2,5 Inches las, bin ich vor Freude zusammengesackt.

einestages: Die Bedingungen in Mexiko-Stadt waren außergewöhnlich - die dünne Luft in der Höhenlage von 2247 Metern, die frisch verlegte, neuartige Tartanbahn und vor allem der gerade noch zulässige Rückenwind von zwei Metern pro Sekunde. Wie oft mussten Sie sich für Ihren Rekord verteidigen?

Beamon: Gar nicht. Wissen Sie, ich bin Optimist. Und ich habe lange daran gearbeitet, meinen Sprung zu perfektionieren. Meiner Meinung nach war es nur eine Frage der Zeit, bis ich eine unglaubliche Weite springen kann. Ich war sehr froh, dass mir dieser Satz zur richtigen Zeit gelungen ist.

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einestages: Danach sind Sie nie wieder auch nur ansatzweise an die 8,90 Meter herangekommen. Die größte Weite betrug 8,22 Meter.

Beamon: Der amerikanische Sportjournalist Dick Schaap sagte mal: "Du brauchst kein zweites Mal so weit zu springen, denn du hast es bereits einmal getan." Kritiker haben den Sprung unzählige Male untersucht, auch mit biomechanischen Studien. Ich habe kein Problem damit. Es ist aufregend, dass Leute immer noch über einen Sprung diskutieren, der fast 50 Jahre zurückliegt.

einestages: Die Erinnerung aufgefrischt haben Sie jetzt mit einer Bierwerbung zu den Sommerspielen in Rio: Sie wollten mit dem anstoßen, der Ihren Olympischen Rekord bricht - und haben schon wieder vergeblich gewartet…...

Bitte, schlag meinen Rekord! Bob Beamons TV-Spot

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Beamon: Jeff Henderson hat mit 8,38 Metern Gold gewonnen. Ein gehöriges Stück hinter meiner Weite. Als Rekordhalter weißt du nie, ob deine Bestmarke gebrochen wird, solltest aber einsehen, dass es jederzeit passieren kann. Für mich ist es sehr interessant, auf der Couch zu sitzen und Wettkämpfe zu verfolgen. Oft werden Rekorde verbessert, wenn man am wenigsten damit rechnet. Schauen Sie sich die 400 Meter an: Immer hieß es, Michael Johnsons Weltrekord von 43,18 Sekunden sei unerreichbar. Und dann kommt jetzt dieser Gentleman aus Südafrika, Wayde van Niekerk, und bricht ihn.

einestages: Prägend für Olympia '68 war auch die Black-Power-Geste Ihrer Landsleute Tommie Smith und John Carlos. Beide senkten bei der Siegerehrung des 200-Meter-Laufes die Köpfe und hoben ihre Fäuste in schwarzen Handschuhen, um so auf Rassendiskriminierung in den USA aufmerksam zu machen. Wie dachten Sie darüber?

Beamon: Es war ein bedeutsamer Moment der Spiele. Bereits zuvor hatte es in den USA Proteste und Unruhen gegeben. Denn damals gab es viele Orte im Land, die schlimm für einen Schwarzen waren.

einestages: Sie selbst waren Teil dieser Proteste und hatten sich unmittelbar vor Olympia geweigert, für Ihre Uni-Mannschaft von El Paso zum Wettkampf gegen die Brigham Young University aus Utah anzutreten, die aus Ihrer Sicht eine rassistische Politik vertrat. Dafür wurden Sie suspendiert.

Beamon: Ich will mich da gar nicht hervorheben. Wir Afroamerikaner haben unsere Ansichten gegenüber der Regierung klargemacht, uns dafür aufgeopfert. Ich denke, das war ein wichtiger Bestandteil der Geschichte, es sollte sich etwas ändern. John und Tommie haben in Mexiko ihr Statement gemacht, ein friedliches Statement. Zwei Tage danach habe ich auf meine Art protestiert, indem ich schwarze Socken trug.

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Tommie Smith und John Carlos: Suspendierung statt Gerechtigkeit

Foto: Anonymous/ AP

einestages: Als suspendierter College-Sportler sind Sie nach Mexiko gereist, als Olympiasieger und Weltrekordler nach El Paso zurückgekehrt. Wie war der Empfang?

Beamon: Ich flog direkt am Tag nach meinem Wettkampf nach El Paso. Dort gab es keinen Empfang. Vielleicht lag es auch daran, dass ich niemandem von meiner Rückkehr erzählt hatte. Aber ich bin sicher, dass es etwas mit der Suspendierung zu tun hatte. Mich hat das nicht gestört. Ich war der Überzeugung: Was wir getan haben, war etwas, das getan werden musste. Letztlich bekam ich Angebote anderer Colleges, bin zur Adelphi University in New York gegangen und habe dort meinen Abschluss in Soziologie und Anthropolopie gemacht.

einestages: Ihr Olympiarekord hält bis heute, war zugleich Weltrekord und galt als Sprung ins nächste Jahrtausend. Dann verbesserte Mike Powell den Weltrekord doch um fünf Zentimeter, bei der WM 1991 in Tokio. Was haben Sie gedacht?

Beamon: Ich wollte ihn verprügeln (lacht). Nein, im Ernst: Das war eine großartige Leistung, Mike ist ein toller Mensch. Und Rekorde sind dazu da, um gebrochen zu werden.

einestages: Wie sehen Sie die Leichtathletik derzeit? Sind Sie fasziniert von den Leistungen oder eher skeptisch, dass Doping dahinter stecken könnte?

Beamon: Wenn man bedenkt, wie viele Athleten es gibt, dann sind es nur wenige, die gegen die Regeln verstoßen haben. Ich bin überzeugt, dass alle des Dopings überführten Athleten sich wünschten, keine illegalen Mittel genommen zu haben. Und die anderen sehen die Härte der Strafe, die man bekommen kann. Ich hoffe einfach, dass die Sportler die Leistungen durch eigene Fähigkeiten erzielen und nicht durch Doping.

Weltrekorde im Weitsprung der Männer

Weite Name Nation Datum Ort
8,95 Mike Powell USA 30.08.1991 Tokio
8,90 Bob Beamon USA 18.10.1968 Mexiko-Stadt
8,35 Igor Ter-Owanesjan UdSSR 19.10.1967 Mexiko-Stadt
8,35 Ralph Boston USA 29.05.1965 Modesto
8,34 Ralph Boston USA 12.09.1964 Los Angeles
8,31 Ralph Boston USA 15.08.1964 Kingston
8,31 Igor Ter-Owanesjan UdSSR 10.06.1962 Jerewan
8,28 Ralph Boston USA 16.07.1961 Moskau
8,24 Ralph Boston USA 27.05.1961 Modesto
8,21 Ralph Boston USA 12.08.1960 Walnut
8,13 Jesse Owens USA 25.05.1935 Ann Arbor
7,98 Chuhei Nambu Japan 27.10.1931 Tokio
7,93 Sylvio Cator Haiti 09.09.1928 Colombes
7,90 Edward Hamm USA 07.07.1928 Cambridge
7,89 DeHart Hubbard USA 13.06.1925 Chicago
7,76 Robert LeGendre USA 07.07.1924 Colombes
7,69 Edward Gourdin USA 23.07.1921 Cambridge
7,61 Peter O'Connor Irland 05.08.1901 Dublin
Quelle: rekorde-im-sport.de

einestages: Halten Sie Usain Bolt für sauber?

Beamon: Er hat viel für die Leichtathletik und Olympia getan, ist ein großartiger Athlet. Man sollte danach beurteilt werden, was die Tests ergeben. Und bei ihm wurde kein Doping nachgewiesen.

einestages: Mussten Sie nach ihrem Karriereende arbeiten, oder konnten Sie vom einen Super-Flug leben?

Beamon: Ich habe ein ziemlich gutes Leben führen können. Ich war und bin immer noch involviert in Dinge, die das Leben von Menschen zum Positiven wenden. So habe ich in verschiedenen Rollen Nachwuchs-Leichtathletik-Programme an einigen Universitäten gefördert, als Zeichner gearbeitet und war zuletzt drei Jahre lang Geschäftsführer des Museums "Art of the Olympians" hier bei uns in Fort Myers. Und ich werde weiter oft als Ehrengast zu Veranstaltungen eingeladen oder trete als Gastredner auf.

einestages: Wie oft werden Sie heute noch erkannt?

Beamon: Es kommt immer wieder vor, dass Leute mir sagen, sie hätten mich im Fernsehen gesehen. Oder wenn ich auf die Frage nach meinem Namen antworte: "Bob Beamon", dann heißt es: "Ich kenne Bob Beamon." An meinen Sprung erinnern sich die Leute einfach.

einestages: Wie feiern Sie Ihren 70. Geburtstag?

Beamon: Ich genieße die Sonne in Südflorida, einer wunderschönen Gegend. In Fort Myers feiere ich auch Montag im Kreise meiner Familie. Es sei denn, irgendjemand hat eine große Überraschung geplant.