Contergan: Grünenthal-Familie bittet Opfer um Entschuldigung - DER SPIEGEL
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Pharmaskandal Familie Grünenthal bittet Contergan-Opfer um Entschuldigung

Das Schlafmittel Contergan führte zu Fehlbildungen – einer der größten Skandale der Nachkriegszeit. 1961 wurde es vom Markt genommen. Nun bitten die Eigentümer der Pharmafirma erstmals um Verzeihung.
Grünenthal-Zentrale in Aachen: »Eine im wesentlichen unbekannte Größe von betroffenen Menschen in Deutschland, aber auch in Europa«

Grünenthal-Zentrale in Aachen: »Eine im wesentlichen unbekannte Größe von betroffenen Menschen in Deutschland, aber auch in Europa«

Foto: Henning Kaiser / dpa

Sechs Jahrzehnte nach Marktrücknahme des Schlafmittels Contergan hat die Eigentümerfamilie des Herstellers die Opfer erstmals um Entschuldigung gebeten. Für den »gesamten Inhalt dieser Zeit von 60 Jahren« entschuldige er sich im Namen seiner ganzen Familie, sagte Michael Wirtz für die Eigentümerfamilie der Pharmafirma Grünenthal. Die Entschuldigung richte sich an »eine große und auch im wesentlichen unbekannte Größe von betroffenen Menschen in Deutschland, aber auch in Europa«.

Die persönlichen Worte äußerte Wirtz in einem aufgezeichneten Gespräch mit Georg Löwenhauser, dem früheren Vorsitzenden des Bundesverbands Contergangeschädigter. Ein Ausschnitt aus dem Video wurde am Samstag bei einer Online-Veranstaltung des Bundesverbands zum 60. Jahrestag der Marktrücknahme des Medikaments eingespielt.

Im Video sagte der frühere geschäftsführende Grünenthal-Gesellschafter, die Betroffenen erwarteten, dass sich die Familie Wirtz äußere, und zwar »nicht versteckt hinter einer juristischen Person der Grünenthal GmbH«. Er betonte: »Und das tue ich hiermit in aller Offenheit und hochoffiziell unter Zeugen, dass ich mich für diese Thematiken, die sich bei Ihnen in all diesen Familien abgespielt haben, ausdrücklich entschuldige.«

Als harmlos gepriesen, tragische Folgen

Entwickelt wurde Contergan unter Leitung von Heinrich Mückter. Der medizinische Direktor bei Grünenthal Chemie hatte im Zweiten Weltkrieg für das NS-Regime mit dem Fleckfiebervirus an KZ-Häftlingen experimentiert. Ab 1946 arbeitete er für Grünenthal Chemie in Stolberg bei Aachen. Contergan wurde im Oktober 1957 eingeführt und war vier Jahre lang auf dem Markt. Mückter wurde später vorgeworfen, Hinweis auf Nervenschäden und auf Missbildungen zu lange ignoriert zu haben.

Contergan mit dem Wirkstoff Thalidomid war ein Schlaf- und Beruhigungsmittel, auch eines gegen Schwangerschaftsübelkeit, das rezeptfrei verkauft und als harmlos beworben wurde. Es führte zu einem der schlimmsten Skandale der Nachkriegsgeschichte. Allein in Deutschland kamen etwa 5000 Kinder mit Fehlbildungen zur Welt, international etwa 10.000. Sofern sie überlebten, waren häufig ihre Arme, Beine oder beides verkürzt, nachdem ihre Mütter Contergan in der Schwangerschaft eingenommen hatten.

Nach Warnungen von Ärzten und Medienberichten über Missbildungen von Kindern nahm Grünenthal das verhängnisvolle Medikament, das der Firma zeitweise fast die Hälfte ihrer Umsätze beschert hatte, am 27. November 1961 vom Markt. Viele der »Contergan-Kinder« der späten Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre sind bereits gestorben. Etwa 2400 Contergan-Geschädigte leben heute mit erheblichen Beeinträchtigungen.

»Was wird aus uns, nun da wir älter werden?«

Für viele dieser Menschen sei die Katastrophe keineswegs vorbei, hieß es in einer Erklärung des Bundesverbandes Contergangeschädigter. Durch die jahrzehntelange Fehlbelastung von Wirbelsäule und Gelenken stellten sich jetzt Folgeschäden ein, die verstärkten Therapiebedarf brächten. Viele Betroffene seien jahrzehntelang von ihren Eltern betreut worden, die aber nun selbst hilfs- und pflegebedürftig würden. In der Erklärung fragen sie: »Was wird aus uns, nun da wir älter werden?«

Contergan-Opfer (1967): Die Folgen eines nur scheinbar harmlosen Medikaments

Contergan-Opfer (1967): Die Folgen eines nur scheinbar harmlosen Medikaments

Foto:

SANDEN/ AP

»Aus vielen Gesprächen wissen wir um die Bedeutung dieser Geste für viele von Contergan betroffene Menschen und deren Eltern. Wir begrüßen diesen Schritt daher sehr«, hieß es in einer Reaktion des Unternehmens Grünenthal auf die Äußerung von Wirtz. »Er ist ein wichtiger Punkt auf dem eingeschlagenen Weg des Dialogs zwischen den Betroffenen, Grünenthal und der Eigentümerfamilie.«

Löwenhauser, der sich an der aus Hamburg ausgestrahlten Online-Veranstaltung am Samstag beteiligte, sagte zu der Entschuldigung, er sei positiv überrascht. Sie sei »mit Sicherheit absolut ernst gemeint«. Grünenthal setzt sich auch auf der Webseite des Unternehmens  ausführlich mit dem Contergan-Skandal auseinander.

Betroffenenverbänden zufolge ist eine klare Bitte um Verzeihung für viele Opfer wichtig. Das Unternehmen hatte sich 2012 dafür entschuldigt, nicht früher auf die Opfer zugegangen zu sein. Opferverbände hatten das damals aber als wertlos oder sogar beleidigend bezeichnet.

Grünenthal betonte am Samstag in einer Erklärung aus Aachen: »Wir können nicht ändern, was geschehen ist. Aber wir wollen mit unserer Grünenthal-Stiftung zur Unterstützung Thalidomid-Betroffener Verantwortung übernehmen und unseren Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität leisten.« Die Contergan-Tragödie sei Teil der Unternehmensgeschichte »und wir bedauern die weitreichenden Folgen zutiefst.«