Ein Leben mit Metallica: "Was sind das für Gestalten in deinem Zimmer?!"
Ein Leben mit Metallica "Was sind das für Gestalten in deinem Zimmer?!"
Wir schreiben den Februar des Jahres 1986. Michail Gorbatschow fordert auf dem 27. Parteitag der KPdSU "Glasnost", der philippinische Präsident Marcos wird unblutig gestürzt, und viele Spanier möchten, dass ihr Land aus der Nato austritt. Doch das alles ging mir ehrlich gesagt am Allerwertesten vorbei. Ich war damals nämlich gerade mal zwölf. Zwölfeinhalb, um genau zu sein, und mich quälten 1986 ganz andere Probleme. Eins davon hieß Peter. Es brachte relativ wenige Vorteile mit sich, einen fünf Jahre älteren Bruder zu haben.
Dennoch war er nicht unwesentlich an meiner musikalischen Früherziehung beteiligt. So überzeugte er mich davon, ein großer Fan der Gruppe Kiss zu werden. Ich erteilte im Gegenzug die Zustimmung, das gemeinsam bewohnte Zimmer mit Postern von Gene Simmons, Ace Frehley und Co. zu bepflastern und gab auf sein Geheiß hin fortan einen Großteil meines spärlichen Taschengeldes für KISS-Platten aus. Ein geschickter Schachzug meines Bruders: Er selbst hatte somit mehr Geld zur Verfügung, das er in LPs von AC/DC und Zigaretten investieren konnte.
Doch eigentlich fand ich die Musik von Kiss schon immer ziemlich doof. Und auch die Poster machten mir beim Einschlafen irgendwie Angst, was ich jedoch niemals zugegeben hätte - vor allem nicht gegenüber Peter. Nichtsdestotrotz stöberte ich gerne, oft und heimlich in seiner umfangreichen Platten- und Kassettensammlung.
Düstere Puppenspiele
Eines schönen Tages stieß ich dort auf eine Kassette, die mit den Worten "Master Of Puppets" beschriftet war. "Puppets" assoziierte ich mit "Muppets", also gab ich dem Ganzen eine Chance. Der erste Song trug den Titel "Battery", und erinnerte mich zunächst an einen dicht an mir vorbeifahrenden Zug. Da ich damals recht gerne mit der Deutschen Bundesbahn unterwegs war, ließ ich die Kassette also weiterlaufen und landete schließlich beim Titelsong des Albums: "Masters Of Puppets".
Zum zweiten Mal in meinem bis dato recht kurzen Leben wurde ich infolge eines Musikstücks von einer Gänsehaut übermannt. Die erste wurde etliche Jahre zuvor durch das Lied "Sun of Jamaica" von der Goombay Dance Band verursacht - eine Tatsache, für die ich mich bis heute noch schäme.
Fasziniert hörte ich mir das komplette Album an und hatte plötzlich das Gefühl, Teil von etwas Großem zu sein. Ich hatte zwar keine Ahnung wovon, teilte meinem Bruder aber dennoch vorsorglich mit, seit heute eine neue Lieblingsband zu haben: Metallica. Zu meiner großen Überraschung hatte er nichts dagegen einzuwenden, die Kiss-Poster sukzessive durch Bilder meiner neuen Lieblingsband zu ersetzen. Und auch meine Eltern waren der ganzen Sache nicht abgeneigt. Zwar entsprach James Hetfield nicht wirklich dem, was in ihren Augen einem würdigen Vorbild für die eigenen Kinder entspricht, aber wenigstens hatte er keine alberne Maske auf und ließ sich nicht mit blutverschmiertem Mund ablichten. Krach war für sie das eine wie das andere. Wenn man sonst nur Howard Carpendale hörte, war das irgendwie auch kein Wunder.
"Kumba Ya" statt "Seek And Destroy"
Kurze Zeit später besorgte ich mir die beiden Vorgängeralben "Kill 'em All" und "Ride The Lightning" und bearbeitete meine Eltern so lange, bis sie schließlich klein beigaben und mir erlaubten, das Gitarrespielen zu erlernen. Doch meine Freude darüber währte leider nur kurz. Denn während ich mich bereits gemeinsam mit James Hetfield auf den Bühnen dieser Welt spielen sah, präsentierte mir Mutti den Organisten unserer katholischen Dorfgemeinde als meinen künftigen Gitarrenlehrer. Statt in der coolen Hetfield-Haltung "Seek And Destroy" nachzuspielen, saß ich nun - meine Konzertgitarre auf dem Oberschenkel abgestützt (in etwa so wie Nicole, während sie beim Grand Prix 1982 "Ein bisschen Frieden" zum Besten gab) - gelangweilt da und zupfte klassische Etüden und Menuette. Und wenn mein Gitarrenlehrer, ein glatzköpfiger Mann über 60, einmal besonders progressiv gestimmt war, wurde auch mal "Kumba Ya" angestimmt.
Bald sah ich nur noch einen Ausweg, den Abstand zwischen James Hetfield und mir nicht allzu groß werden zu lassen: Ich bestellte mir von meinem mühsam angesparten Geld ein E-Gitarren-Starterset, bestehend aus einer in Südostasien gefertigten Fender-Stratocaster-Kopie, einem kleinen Billigverstärker sowie den beiden Bücher "Heavy Metal Guitar" und "Heavy Metal Guitar 2" von Peter Bursch (Peter Bursch war so etwas wie der Jean Pütz der Rockgitarrenszene - zumindest optisch). Von meinem bisherigen Gitarrenlehrer trennte ich mich aufgrund unüberbrückbarer musikalischer Differenzen. Übrigens gegen den Willen meiner Eltern. Aber die hatten in dieser Phase eh an nahezu allem etwas auszusetzen, was ich tat: "Bub, geh doch mal wieder zum Frisör!", "Igitt, ein Ohrring!", "Was sind denn das für Gestalten in deinem Zimmer?!" und so weiter.
Die Geschichte meiner Rockstar-Karriere ist schnell erzählt: Zusammen mit zwei ebenfalls untalentierten Schulfreunden probte ich einige Male im heimischen Keller. Dabei trafen wir tatsächlich sämtliche Töne aller Metallica-Songs - nur leider nicht in der richtigen Reihenfolge.
Den ersten und einzigen Auftritt vor Publikum hatten wir dann zu weit vorgerückter Stunde (marginal alkoholisiert) im Rahmen unseres Abi-Balls. An die Songs von Metallica wagten wir uns aus Respekt vor unseren Helden nicht heran. Dafür blieb vor allem unsere Interpretation von Nirvanas "Smells Like Teen Spirit" bis heute unvergessen. Böse Zungen behaupten, dass Kurt Cobain kurz vor seinem Tod die Videoaufzeichnungen von unserem Gig zugespielt worden sein sollen, was ich allerdings für ein Gerücht halte. Dennoch hätte ich gerne die Gelegenheit gehabt, mich eines Tages bei ihm zu entschuldigen!
Verliebt zum Sound des "Schwarzen Albums"
Seit diesem denkwürdigen Tag rosten die Tonabnehmer meiner in Südostasien gefertigten Fender-Stratocaster-Kopie im elterlichen Keller munter vor sich hin, und die wohl erfolgloseste Rockband Deutschlands widmete sich im Folgenden anderen Projekten: Jörg wird demnächst Professor an der Uni, Christian ist seit wenigen Monaten Unternehmensberater, und ich schreibe mittlerweile Sachbücher über Buchführung und Controlling. That's Rock'n'Roll!
Was mich aber dennoch mein ganzes Leben lang begleiten sollte ist Metallica. So quälte ich mich zum Sound von "... And Justice For All" durch die Mittelstufe, entdeckte zu Zeiten des "Black Albums" die Liebe und ließ mich von "Load" und "Re-Load" durch mein schnödes BWL-Studium begleiten. Lediglich "St. Anger" konnte ich nichts abgewinnen - aber das war sicherlich meine Schuld. Als das Album veröffentlicht wurde, hatte ich einfach zu viel Stress im Büro.
Hetfield, Ulrich und Co. sind für mich wie alte Schulfreunde: Man vermisst sie nie ganz und freut sich immer, wenn sie plötzlich unangemeldet vor einem stehen. So auch vergangenen Freitag, als ich mir kurz nach Mitternacht das neue Metallica-Album "Death Magnetic" bei Napster herunterlud - selbstverständlich ganz legal. Zwar sind MCs, Walkmen und unsere damalige Band inzwischen so mausetot wie die KPdSU, dafür lebte aber der zwölfeinhalbjährige Junge, der damals bei "Master Of Puppets" eine Gänsehaut bekam, für einen klitzekleinen Moment im Körper eines mittlerweile knapp über 30-Jährigen wieder auf. Zugegeben: Die Haare sind mittlerweile etwas grauer und ersten Falten zieren mein Gesicht, aber wenn ich Herrn Hetfield Sätze wie "Suicide, I've already died" in sein Mikrophon brüllen höre, fühle ich mich so lebendig wie schon lange nicht mehr.
Vielen Dank, die Herren! Für alles!
Falls Sie sich übrigens fragen sollten, was aus meinem Bruder geworden ist: Der lässt sich mittlerweile ziemlich gehen. Neulich habe ich ihn sogar mit der aktuellen CD von Mark Medlock erwischt. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass er demnächst 40 wird. "Sad but true."