Fernsehserie "Emergency Room" mit George Clooney - DER SPIEGEL
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Fernsehserie "Emergency Room": Hitchcock im Operationssaal

Foto: ddp images

20 Jahre "Emergency Room" Nervenkitzel und Kammerflimmern

Mit Handkamera, gebrüllten Kommandos und literweise Blut revolutionierte "Emergency Room" in den Neunzigern das Genre der Arztserie. George Clooney wurde als Kinderarzt zum Star - dank der peniblen Drehbücher eines echten Mediziners.
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Am Montag, dem 19. September 1994, tobte in Amerika ein Wirbelsturm über die Bildschirme: In einem Mordstempo raste die Kamera den Verletzten durch die Flure des County General Hospital in Chicago hinterher. Sirenen heulten. Schwestern hetzten mit wehendem Kittel Gänge entlang und fragten Dinge wie "Wie heißen Sie?" "Welcher Tag ist heute?" oder riefen "Intubation!" und "OP!". Ärzte rangen verzweifelt um Verletzte - und verloren sie, ganz wie in einer echten Notaufnahme.

Krankenhausserien waren zwar damals schon eines der beliebtesten Serienformate, doch die auf NBC gezeigte Pilotfolge der Serie "Emergency Room" hatte wenig mit dem TV-Arztalltag zu tun, den Zuschauer bis dahin kannten. Zuvor hatten die Amerikaner Arztserien wie "Dr. Kildare" geschaut, gespielt von Richard Chamberlain. Das Tempo, in dem dieser Schönling mit Föntolle und seine Kollegen praktizierten, war gelinde gesagt betulich.

Und nun wirbelte der übermüdete Dr. Green (Anthony Edwards) mit verschmierter Brille und spärlichen Haaren durch den Trauma-Raum, torkelte der smarte Kinderarzt Dr. Doug Ross (George Clooney) sturzbetrunken in die Notaufnahme, und zu allem Überfluss hatte der linkische Carter (Noah Wyle), Medizinstudent im dritten Jahr, gerade seinen ersten Tag - der direkt mit Massen von Verletzten durch ein eingestürztes Gebäude begann, während Carter noch keinen Schimmer hatte, wie man eigentlich Zugänge legt oder Anamnesen erhebt.

"Ihre Hand ist noch dran"

Allein die Handkamera machte schon so schwindelig wie Hitchcocks "Vertigo". Und dann erst die gebrüllten Anamnesen und Kommandos: "Der Hämatokrit ist 2,5!", "Sie ist zyanotisch!", "Blutdruck palpatorisch 80!". Der Zuschauer zu Hause sollte das wahrscheinlich alles gar nicht kapieren - Hauptsache, sein eigener Blutdruck stieg.

Die Serie gab sich betont hyperrealistisch und schonungslos. Keine zehn Minuten nach Beginn der Pilotfolge war die Krawatte von Dr. Ross bereits so blutig wie der Kittel eines Schlachters. Ärzte ermunterten Patienten: "Mr. Wilson, Ihre Hand ist noch dran", oder grantelten: "Was machen die Idioten vom Röntgen?", Patienten tauchten auf und verschwanden. Nicht mehr die Schicksale einzelner Patienten wurden langatmig durchdekliniert, das allgemeine Chaos im Krankenhausalltag stand im Vordergrund.

1995 kam "ER", so der Kurztitel der Serie, dann nach Deutschland, wo bis Ende der Achtziger noch Typen wie Sascha Hehn oder Klaus Jürgen Wussow alias Professor Brinkmann im Glottertal praktiziert hatten, Halbgötter in Weiß, angestellt bei der "Schwarzwaldklinik" und erhaben über jeden Zweifel. Die Oberschwestern waren streng gewesen, penibel, hatten Namen wie Hildegard getragen - und natürlich die Oberärzte angehimmelt.

Von Ärzten gelobt

Mit "ER" wechselte nun auf einen Schlag der Schauplatz vom Glottertal in die Chicagoer Notaufnahme, von der Chefarztbehandlung zu Ärzten, die die Nacht über nicht geschlafen hatten oder von Selbstzweifel zerfressen waren. Plötzlich waren da HIV-Diagnosen, Suizidversuche, Schussverletzungen. Hysterische, einsame oder verzweifelte Patienten rollten im Sekundentakt an und mit ihnen Probleme wie Patientenverfügung, Organspende oder das Überbringen tödlicher Diagnosen.

Hypochonder mussten nun ganz stark sein: Während der komplizierten Thoraxspreizung etwa halfen dem zarter besaiteten Zuschauer im Zweifelsfall nur noch Hände über die Augen und immer wieder hin- und wegsehen. Ekelgrenzen kannte "ER" nämlich nicht so viele. Dafür kannte ein Fan bald Eingriffe wie eine Thorakotomie mit Interkostalschnitt zwischen den Rippen aus dem Effeff.

Selbst das "Deutsche Ärzteblatt" bescheinigte, "ER" sei durchaus "realistisch". Die Folgen wurden sogar an der Berliner Charité in Kursen für Notfallmedizin gezeigt, um Studenten anhand der Serie auf echte Situationen vorzubereiten.

Dass das möglich war, lag vor allem an Bestsellerautor Michael Crichton, der das Drehbuch verfasst hatte. Crichton hatte selbst Medizin an der Harvard University studiert und dort mit "summa cum laude" promoviert. Nach seinem Studium hatte er als Assistenzarzt im Massachusetts General Hospital gearbeitet - und dort einige Fälle aus dem Drehbuch während endloser Nachtschichten selbst erlebt. Lange vor seinem Mega-Erfolg "Jurassic Park" hatte er als unbekannter Autor das Drehbuch zu "ER" geschrieben - und war damit hoffnungslos abgeblitzt.

Babinski-Reflex und Aortenaneurysma

Zu medizinisch waren die Dialoge den Produzenten, zu viele Fälle auf einmal wurden ihnen behandelt, keiner wollte dieses Chaos in Serie gehen lassen. Crichton aber blieb trotzig, änderte nichts und behielt "ER" in der Schublade. Schließlich bekam sein Freund Steven Spielberg das Skript in die Finger. Er kaufte das Drehbuch und setzte es mit Crichton gemeinsam um, der pingelig darüber wachte, wie seine Idee umgesetzt wurde. Sie hatten inzwischen den enormen kommerziellen Erfolg von "Jurassic Park" im Rücken, sodass sich NBC an die Pilotfolge traute. Sage und schreibe 45 Patienten wurden allein darin verarztet.

Vermutlich war es Crichtons Fachwissen zu verdanken, dass sich "ER" in seinen besten Momenten ein wenig anfühlte wie die "Sendung mit der Maus". So lernte man etwa alles über den Babinski-Reflex, bei dem man an den Fußsohlen entlangstreicht, um - verflucht - was noch mal zu testen? Immer wieder erfuhr man Erstaunliches, mal über ein geplatztes Aortenaneurysma, mal über Pockenverdacht oder eine ausgestülpte Gebärmutter. Und irgendwie blieb danach das gute Gefühl, mit einem tieferen Fachverständnis in den nächsten Arztbesuch zu gehen.

Crichtons Drehbuch strotzte vor medizinischen Detailanweisungen. Nebenrollen wurden zum Teil mit medizinischem Personal besetzt, um den Hauptdarstellern bei der Herz-OP oder beim "Defi-Einsatz" auf die Finger zu schauen. Die Crew hatte ein ausgefeiltes System von Kontrollen und Korrekturen, um die Qualität zu halten. Jedes Detail wurde mit größter Aufmerksamkeit geprüft: Wenn Carter etwa zu lange für das Überstreifen der Gummihandschuhe brauchte, musste wiederholt werden. Auf eine Seite Dialog kam eine Seite mit pingeligen medizinischen Anweisungen. Selbst in den Schubladen und Schränken der Kulissen lagerte auf Crichtons Wunsch nur das, was in einem normalen Krankenhaus zu finden gewesen wäre: Notfallzange, Geräte, Wundversorgung.

Vom Kinderarzt zum Sexsymbol

Crichtons unglaubliche Detailversessenheit kam an: Schnell bildete sich eine riesige Fancommunity um "ER", schon in der ersten Staffel brach das Ärzte-Drama Zuschauerrekorde. Und nicht nur die Einschaltquoten, auch die Bewerberzahlen für die TV-Notaufnahme schnellten in die Höhe.

Zudem brachte die Serie einen neuen Star hervor: George Clooney. Obwohl Dr. Greene eigentlich der fleißigere und beständigere Arzt der Serie war, brauchte es nur Clooneys blaue Augen und sein leicht melancholisches Lächeln, um aus Dr. Douglas Ross ein Sexsymbol zu machen. Und doch sollte ausgerechnet er 1999 genug haben von "ER" - nach 106 Folgen als Kinderarzt legte er das Stethoskop hin.

Dass der Serie schließlich langsam, aber sicher die Luft ausging, lag jedoch nicht nur an dem Ausscheiden des Womanizers, sondern auch an der neuen Konkurrenz wie "Greys Anatomy" - und dass man sich mehr und mehr für Liebesplots entschied. Schauspieler, die zur alten Garde gehörten, aber aufgrund ihres Alters nicht so tauglich für romantische Verwicklungen erschienen, wurden aussortiert.

Am 12. August 2009 war es schließlich so weit. Die letzte Folge von "ER" lief über deutsche Bildschirme - und bescherte Fans zum Abschied eine volle Notaufnahme: Ein Mädchen mit komatöser Alkoholvergiftung, ein halluzinierender Posaunenspieler, ein Junge mit leukämischer Krise und eine dislozierte Unterschenkelfraktur wurden eingeliefert. Und kurz vor Ende kam es auch noch zu einer Explosion in einem Umspannwerk. Noch einmal warteten die "ER"-Ärzte angespannt vor der Hospitaleinfahrt, fuhren Krankenwagen heulend vor, wurden Sättigungswerte gebrüllt, rannten alle rein, um Leben zu retten.

Die Zufahrt zur Notaufnahme blieb regennass zurück. Musik setzte ein. Langsam fuhr die Kamera nach oben, die Metro rumpelte ein letztes Mal über die Brücke vor dem County General. Dann war es geschehen: Wir hatten "ER" verloren. Ganz wie in einer echten Notaufnahme.