Hausmitteilung Was ist bloß in die Deutschen gefahren?
Ekstase: Wenn der »Führer« zu Besuch kam, wie hier 1938 in Asch im Sudetenland, empfing ihn die Bevölkerung mit großem Jubel und dem damals obligatorischen »Hitlergruß«. Zu seiner Anhängerschaft zählten Millionen Frauen
Foto:United Archives / ddp Kolorierung: hey folks / SPIEGEL Geschichte
Was ist bloß in die Deutschen gefahren? Bis heute analysieren Forschende die Gründe, wieso die meisten hierzulande den Nationalsozialismus bedingungslos unterstützten, weshalb sie Hitler verfielen, der nie einen Hehl aus seinem Judenhass und seinen Kriegsplänen gemacht hatte. Und warum sie dem »Führer« schließlich bis in den Untergang folgten.
Der Journalist und Exilant Sebastian Haffner schrieb 1940, es sei vor allem die »loyale Bevölkerung«, die das System stütze. Also jene »40 Prozent« der Deutschen, »die dem Naziregime treu dienen, ohne Nazis zu sein«. Die Mitläufer seien autoritätsgläubig und wünschten sich einen Sieg Deutschlands im Krieg. Im Privaten seien sie »oft anständig, sympathisch und liebenswürdig«, so Haffner. Gleichzeitig würden im Namen dieser zivilisierten Leute Gräueltaten begangen.
In dieser Ausgabe widmen wir uns der Frage, warum sich viele Millionen Deutsche – quer durch alle Milieus – zu Komplizen eines Regimes machten , das von Beginn an auf massive Gewalt und aggressiven Antisemitismus setzte. Die braunen Machthaber umgarnten ihr Volk , indem sie die Arbeitslosigkeit bekämpften oder Urlaubsreisen zu kleinen Preisen anboten . Im Gespräch erklärt der Historiker Michael Wildt , wie die Nationalsozialisten zudem gezielt auf positive Emotionen wie die Hoffnung auf eine bessere Zukunft setzten.
Letztlich waren es aber auch die finanziellen Vorteile aus »Arisierungen« und dem Massenraub an den europäischen Juden , die Millionen »Volksgenossen« loyal zum »Führer« stehen ließen. Nach der totalen Niederlage 1945 brauchten die Deutschen lange, um sich selbst und der Welt die epochale Schuld einzugestehen, die sie durch Vernichtungskrieg und Holocaust auf sich geladen hatten – auch von dieser Nachgeschichte erzählt das Heft.
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