Helden unserer Jugend: Anna - DER SPIEGEL
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TV-Helden: Tänzerin Anna

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TV-Ballerina Anna Heldin in Strumpfhose

"Dirty Dancing" fällt mangels Busen und eines geeigneten Partners aus. Doch dann findet Jenny Hoch einen Ersatz, um die nächste Stufe zum Erwachsensein zu nehmen: eine knallharte Ballerina namens Anna.
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Jenny Hoch, 1976 geboren, schreibt nach Stationen als Kulturredakteurin und Textchefin heute für verschiedene Tageszeitungen und Magazine. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Bevor Anna in mein Leben trat, waren Pferde mein Ein und Alles. Meine Familie wohnte in der Stadt, das machte diese Liebe kompliziert. Jedes Wochenende stieg ich frühmorgens in den Bus und fuhr zu den Tieren.

Ich striegelte ihr Fell, kämmte ihre Mähnen, kratzte ihre Hufe aus. Ich erwartete nichts, solange ich mein Gesicht an ihre Hälse schmiegen und mit den Händen über ihre Flanken streichen durfte, war ich zufrieden. Manchmal schenkte mir der hinkende Pferdeknecht eine Tafel Schokolade. Er sprach wenig, das war gut, denn ich hätte sowieso nicht gewusst, was ich sagen sollte. Also schwiegen wir. Danach fuhr ich wieder nach Hause.

Doch dann kam der Tag, als ich Anna Pelzer zum ersten Mal sah. Wir schreiben das Jahr 1987, ich schaltete am frühen Abend des 25. Dezember den Fernseher ein - und war wie elektrisiert. Da tanzte ein spitznasiges Mädchen auf Zehenspitzen durch den Saal eines Kinderballetts und träumte davon, Ballerina zu werden. Ihre langen blonden Haare waren zu niedlichen Korkenzieherlocken gedreht, und sie trug einen Traum von einem Tutu aus blassblauem Tüll. Sie sah aus wie die Porzellanpuppe, die in meinem Zimmer auf dem Bücherregal hockte, und ich wollte sein wie sie. Ein zarter Schwan, wenn sie tanzte, und ein lässiger Teenager, wenn sie in unvorteilhaften Achtziger-Klamotten durch die Straßen hüpfte. Es war Anna in der Gestalt der damals 18-jährigen Schülerin Silvia Seidel, die mich vom Pferdemädchen zum Ballettmädchen bekehrte.

Klingt nicht gerade nach einer Abenteuergeschichte, nach sexuellem Erwachen und den Untiefen des Erwachsenwerdens? Was soll ich sagen, ich war elf. Gerne würde ich berichten, was für ein wildes, unangepasstes Kind ich war, eine Münchner Pippi Langstrumpf mit Bärenkräften und verrückten Ideen. Aber das stimmt nicht. Ich war eher wie das Nachbarmädchen Annika, Pippis spießige Freundin. Die ewig brave, ewig zurückhaltende Annika.

Einmal wollte mir mein Vater beibringen, dass es nicht wichtig ist, was andere Leute sagen oder denken. Er bot mir zehn Mark, wenn ich im Schlafanzug über die Leopoldstraße liefe. Ich lehnte empört ab. Doch ich wage die Behauptung, so wie ich damals sind fast alle kleinen Mädchen. Wie sonst wäre die sechsteilige Serie "Anna" zum Publikumsknüller geworden, zum herzerwärmenden Fernseh-Lagerfeuer mit 13 Millionen Zuschauern pro Folge? "Anna" holte uns exakt dort ab, wo wir kichernd und verunsichert standen, auf der allerersten Stufe der verheißungsvollen Freitreppe zum Erwachsensein.

"Baby" blieb fremd

Dagegen war ein anderer Tanzfilm, der nur ein paar Wochen vorher, im Oktober 1987, in die deutschen Kinos gekommen war, ein paar Nummern zu groß für mich: Natürlich hatte auch ich "Dirty Dancing" mehrere Male gesehen, selbstverständlich lief auch in meinem Kassettenrekorder der Soundtrack in Endlosschleife, und begeistert übte auch ich diese aufregende Tanzfigur, bei der die Frau mit dem Rücken zu ihrem Partner steht und dieser zärtlich an ihrem entblößten Arm und ihrem seitlichen Oberkörper hinabstreicht und dabei dem Busen gefährlich nahe kommt. Nur, dass ich weder einen Busen noch einen Partner hatte. Ich tanzte mit meiner besten Freundin.

Für mich war Baby, die Hauptfigur aus "Dirty Dancing", so etwas wie die verruchte ältere Schwester von Anna. Mit ihr konnte ich nur bis zu einer bestimmten Grenze etwas anfangen. Ich fand gut, dass sie einen eigenen Kopf hatte, dass sie Bücher las und sich in einen Underdog verliebte und nicht in einen verwöhnten Schnösel. Den Rest blendete ich aus. Wie sehr, das wurde mir erst sehr viel später klar, als ich den Film als Erwachsene noch einmal im Fernsehen sah. All die ineinander verschlungenen Leiber, die aufreizend rotierenden Hüften, das bis zum Bauchnabel aufgeknöpfte Hemd des Tänzers Johnny (Patrick Swayze), das sein verschwitztes Sixpack freilegt - als Elfjährige war mir nicht aufgefallen, dass "Dirty Dancing" vor allem von Sex handelt.

Da war mir meine Anna lieber, die zu Hause auf dem umgebauten Bauernhof ihrer Eltern im Pink-Panther-Sweatshirt auf der Couch lümmelte. Die ihren Vater ohne Wenn und Aber vergötterte und deren Freund ein Junge im Rollstuhl war, der ihr garantiert nicht zu nahe kommen konnte. Allerdings lebte auch Anna nicht immer auf einer rosaroten Mädchenwolke, gleich die erste Folge endet gar nicht gut für sie. Ihr Bruder verschuldet einen Autounfall, den Anna nur knapp und mit gelähmten Beinen überlebt.

Aus der Traum vom Tanzen. Verstört widersetzt sich das Mädchen allen Rehamaßnahmen, bis sie den querschnittgelähmten Rainer (gespielt von dem Weihnachtsserien-Alt-Star Patrick Bach, der zuvor schon das Zirkuskind "Silas" (1981) und den Schiffsjungen "Jack Holborn" (1982) mimte) kennenlernt. Rainer ist zwar ziemlich uncool mit seinem meckernden Lachen und seinen "Tschüssikowski"-Sprüchen, aber er schenkt Anna neuen Lebensmut und himmelt sie an.

Frauen können so grausam sein. Kaum ist Anna gesund, tanzt sie ihrem tapferen Verehrer auch schon auf der Nase herum. Zwar darf Rainer fortan Teil ihrer Entourage sein, aber Anna hat nur noch ihre Karriere und bald auch einen schmucken Tänzer namens Jacob im Kopf.

Dieser Jacob, gespielt von einem gewissen João Ramos, der es dank dieser Rolle bis zum Bravo-Posterboy brachte, ist die jugendfreie Ausgabe von Patrick Swayzes Johnny: wuschelige Vokuhila-Matte, weiße Tanzstrumpfhose, gezirkelte Pas de deux. Mit ihm als Partner gerät sogar die Hebefigur - in Tanzfilmen so etwas wie der sublimierte Orgasmus - zur ungelenken Akrobatik-Nummer. Während Baby sich im Wasser in Johnnys starken Armen wiegt und ihr Begehren mit jedem Sprung ins Nasse intensiver wird, hebt Jacob Anna wie ein Kleinkind auf seine Schulter. Da sitzt sie dann in ihren Moonwashed-Karottenjeans und staunt mit großen Augen über die Aussicht.

"A" wie Alphamädchen

Kühle statt Hitze. Perfektion statt Improvisation. Disziplin statt Ausschweifung. Das strenge Bewegungsrepertoire des klassischen Balletts kam meinem präpubertären Entwicklungsstand nun mal wesentlich näher als der explizite Mambo aus "Dirty Dancing". Ich bewunderte diese ätherischen Wesen mit ihren streng zum Dutt zurückgekämmten Haaren und dem typischen Ballerinengang mit nach außen gedrehten Füßen.

Wie Tausende vom "Anna"-Virus infizierte Mädchen wollte auch ich sofort zum Ballettunterricht. Meine Mutter fand das nicht gut. Noch ganz dem Geist der Siebzigerjahre verpflichtet, misstraute sie der Uniformierung und dem Drill. Sie meldete mich stattdessen beim freien Tanz an, wo wir Kinder "unsere Kreativität entdecken" sollten. Die Lehrerin trug Kurzhaarschnitt, Wallegewänder und Holzperlenketten und ließ uns wilde Tiere nachahmen. Das fand nun wiederum ich albern. Lustlos brüllte ich wie ein Löwe und trampelte wie ein Elefant, nach ein paar Stunden hatte ich genug.

Frauen machen Karriere, Männer werden arbeitslos. Mädchen machen Abitur, Jungs sinnlose Ballerspiele. Der rasante Aufstieg der Frauen und die Krise der Männer werden heute heftig diskutiert. Wissenschaftler und Journalisten beugen sich über die Rollenumverteilung, als sei sie wie ein von einem zürnenden Gott geschleuderter Blitz auf uns herabgefahren. Dabei hätte man 1987 einfach nur "Anna" ansehen müssen und hätte Bescheid gewusst. Die Serie hat diese Entwicklung vorweggenommen, die Hauptdarstellerin Anna steht prototypisch für die vielen strebsamen Mädchen, die heute Ärztinnen, Juristinnen oder Unternehmerinnen sind.

Ohne Fleiß kein Preis, dieses Mantra hat Anna verinnerlicht, als sei die möglichst baldige Teilnahme an der kapitalistischen Verwertungskette ein Garant für Glückseligkeit. Der Tanz, eigentlich eine künstlerische Ausdrucksform, steht hier nur als Chiffre. Ihre Eltern, eine etwas betuliche Floristin und ein brummbäriger Restaurator, können den Ambitionen ihrer Tochter nur Kopfschütteln entgegensetzen: "Die Anna hat halt ihren eigenen Kopf", "Die Anna kriegt, was sie will". Aufhalten kann sie niemand, nicht einmal die Liebe. Annas Kommentar: "Nur Spaß haben ist mir nicht genug!" Diesen Satz sagt sie wirklich.

Die jungen Männer in ihrem Umfeld können mit dem Alphamädchen nicht mithalten: Rainer ist zwar eine treue Seele, aber körperlich versehrt. Ihr Bruder Philipp ist ein lieber Loser, der schon zweimal sitzen geblieben ist. Außerdem hat er durch seine Unvernunft Annas schlimmen Unfall zu verantworten. Und Jacob ist gar nicht so ein toller Tänzer, wie Anna anfangs dachte. Er bekäme niemals, so wie Anna, ein Stipendium in Paris und arbeitet deshalb in einer Autowaschanlage.

Was also macht Anna? Sie tanzt allen davon, die Welt steht ihr ja schließlich offen.

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